Eurovision Song Contest All You Need Is Love - mal 70

Sind die Songtexte der ESC-Teilnehmer wirklich so einfallslos, wie man ihnen unterstellt? Die Antwort ist: ja. Wir haben nachgezählt.

Von Theresa Hein

Menschen sind, was die Lyrics von Popsongs betrifft, ja in etwa so anspruchsvoll wie Partygäste vor einem Buffet um zwei Uhr nachts. Man kann ihnen alles vorsetzen, und wenn ihnen schlecht davon wird, merken sie das nicht einmal - vorausgesetzt, es ist genug davon da. Genauso verhält sich das auch mit der Textqualität beim Eurovision Song Contest.

Die SZ hat alle ESC-Songs der diesjährigen Teilnehmer auf ihren Wortgehalt hin analysiert. Vielleicht ist es ja nur eine Unterstellung, dass die ESC-Songs sich kaum aus dem Spektrum des Herzschmerz-Breis herausbewegen. Es mag ja sein, dass die Lyrics doch, nun ja, lyrischer sind als man ihnen zugesteht. Und ging es nicht erst im Siegersong der israelischen Künstlerin "Netta" aus dem Jahr 2018 darum, dass sie kein Spielzeug einer patriarchalischen Machtfantasie sein wollte? Angesichts eines Großteils der ESC- Songtexte eine wirklich erstaunliche Aussage.

Meistens geht es dann doch nur um die Liebe - so auch in diesem Jahr. Liebe ist, wenn man so will, das Murmeltier in den Texten des ESC. 70 Mal ist das Wort "love" in den Songtexten der Teilnehmer von 2019 vertreten, weit abgeschlagen dahinter folgen die so ganz und gar artfremden Worte "friend" (34 Mal) und "heart" (31 Mal). In den Liedern des Eurovision Song Contests werden tatsächlich keine gesellschaftlichen Notstände oder politische Krisen besungen, sondern schlicht: Liebe, Freunde, Herz. Der ESC ist, zumindest aus diesem Blickwinkel, eine einzige, lahme Neuinterpretation von "All you need is love" (aber da waren die Beatles wenigstens noch so kreativ, bei der Marseillaise zu klauen - und außerdem waren es halt die Beatles, musikalisch und textlich vom ESC doch recht weit entfernt). Liebe also. Amazing. Das wäre übrigens mal ein schönes (dreisilbiges!) Wort.

Besonders beliebt sind in den Songtexten noch die Worte "thing" (28) und "life" (24), beides vor "fire" und "night" (jeweils 20 Mal). Es folgen "world" (19), "day", (18), "light", (18), "nothing" (18) und das undefinierte Pronomen "someone" (17). Danach mäandern noch die Worte "way", "sun" und "replay" herum (alles 16 Mal). Wenn man einen Song aus dem Destillat dieser Lyrics schreiben müsste, er könnte lauten:

I love you in every way/ my friend with all my heart/ the only thing in my life/ that sets me on fire in the night/ my world / you bring me light / every day with you I want on replay/ I am nothing without you / and when we are dancing/ I am someone

Love love, love love

Dafür braucht man weniger als eine halbe Minute, und hat sprachlich doch schon fast Ricky-Martin-Niveau erreicht. Wie gut, dass ESC-Zuhörer gemeinhin gnädig gestimmt sind. Sofern die Musik sich auch nur ein bisschen voneinander unterscheidet und man die zweite Flasche Prosecco aufgemacht hat, ist man mit Texten, die in etwa der Kreativität einer Tütensuppe entsprechen und sich irgendwo im Universum von "friendship" und "love" bewegen, doch sehr zufrieden.

So zufrieden, dass Wörter wie "phoenix" oder "satellite" in diesem Wettbewerb wirken, als hätte man sie überhaupt noch nie gehört. Unfassbar kreativ! Eine Offenbarung, wenn man so will. Der nächste Bob-Dylan-Poeten-Vergleich wartet schon ungeduldig auf seinen sich nie erfüllenden Einsatz.

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