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Eurovision Song Contest:Lockdown für Lametta

Ciao Konserven-Pop: Måneskin gewinnen den ESC mit Rock'n'Roll.

(Foto: Peter Dejong/AP)

Beim ESC begeistert Italien mit heißem Glamrock. Deutschland liegt vor England. Das ist das Wichtigste. Und das ESC-Europa rechnet endlich mit langweiligem Glitzerpop ab.

TV-Kritik von Marlene Knobloch

Drei Dinge lassen sich aus dem diesjährigen Eurovision Song Contest lernen. Erstens: Das ESC-Europa hat wieder Geschmack. Zweitens: Die Zeit des Glitzer-Gähnpops ist vorbei. Und drittens: Die Menschen wollen keine Ukulele. Sie wollen Sex, Drugs und eine italienische Rockband in hautengen Lederkostümen, mit denen man problemlos in den Berliner "KitKat"-Club kommen würde. Rockermähnen statt Lamettavorhänge.

Man kann das Finale des Eurovision Song Contests am Samstag als Wende betrachten. Als Wende in der Pandemie, denn im Gegensatz zu vielen anderen Großveranstaltungen dieser Tage saßen da in der Rotterdamer Ahoy Arena - immerhin - 3500 getestete Zuschauer, die Leuchtstäbchen, Flaggen und Schilder schwenkten. Und der manchmal plötzlich anschwellende Applaus und spontane Jubel lief wie Honig die sterile Tonbandklatscher gewohnten Ohrmuscheln runter. Man kann das Finale auch als musikalische Wende sehen in einem Wettbewerb, den lange austauschbarer, bis zur letzten Sechzehntel berechneter Pop mit Wind- und Nebelmaschine dominierte. Denn sowohl die Jury als auch das Publikum entschieden sich gegen die auf Hit-komm-raus-geschriebene Konservenmusik.

Die gab es natürlich auch an diesem Abend - samt Konservenoutfit. Es schien, als hätten die Sängerinnen aus Moldau, Zypern und Albanien die knappen silbernen Glitzerfäden-Kleidchen versehentlich beim selben Eiskunstlauf-Ausstatter bestellt. Keine von ihnen schaffte es unter die Top Ten. Die ersten fünf Plätze belegten Hardrock aus Italien, zwei französische Balladen (für Frankreich Barbara Pravi in schwarzem Mieder und französischer Chanson-Tradition), abgedrehter folkloristischer Techno und funkiger Dance aus Island.

Die gute Nachricht: Deutschland liegt vor England. Die schlechte: England hat den letzten Platz belegt. Null Punkte erhielt das Vereinigte Königreich, weder Jury noch Publikum konnten dem schludrigen, langweiligen, aber nicht katastrophalen Auftritt des Briten James Newman ein Pünktchen abgewinnen. Was auch für den Abend spricht: Katastrophen gab es keine, auch keine Madonna, die ihre Karriere einen Halbton nach unten senkte wie beim ESC 2018.

Auch der Auftritt von Deutschlands Kandidat Jendrik war keine Katastrophe. Der 26-jährige Musicaldarsteller strahlte mit professionellem Bühnengrinsen, warf seine Glitzer-Ukulele in die Luft (jedes Steinchen selbst beklebt) und tanzte als personifizierte Sympathie neben einer menschengroßen, zum Mittelfinger gestreckten Hand, die sich schließlich zum Peace-Zeichen löste. Aber niemand, nicht einmal die ESC-Verantwortlichen beim NDR, die für die Auswahl des deutschen Kandidaten zuständig waren, konnten ernsthaft glauben, dass man mit dem penetranten Gestichel auf den Gute-Laune-Nerv einen ersten Platz belegen würde. Aus der Wahl sprach eher eine Zwei-Drittel-Hoffnung, Leidvermeidung, irgendwie heil durchkommen. Dass Jendrik allerdings mit null Punkten aus dem Publikumsvoting und gerade mal drei Punkten von den Jurys (danke, Österreich und Rumänien) so tief rasseln würde, könnte mit der wenig hippiesken Weltstimmung zusammenhängen.

Denn nach über einem Jahr Pandemie, in dem einige immer noch nicht begriffen haben, dass der Mensch durch Mund und Nase atmet, FFP2-Masken bis zum Oberlippenflaum also wenig Wirkung erzielen, Abitur-Feiern digital stattfinden und Geburtstagsfeste zum 18. den Craziness-Faktor einer "ZDF-Fernsehgarten"-Übertragung haben, trifft Jendriks Schulter tätschelnde Botschaft "I don't feel hate" vielleicht nicht ganz den Ton der Zeit. Im Gegensatz zum Hard Rock aus Italien.

Alles stimmt

Den Nerv der Lockdown jaulenden Stunde erwischt schon der Name des Siegersongs: "Zitti e Buoni", übersetzt "die Leisen und Braven" der italienischen Band Måneskin, richtet sich an die Jugend. Der Sänger Damiano David singt mit kajalumrandeten Augen, mit nacktem, tätowiertem Oberkörper, in hautenger Lederschlaghose und auf Lack-Plateauschuhen davon, sich nicht Konventionen und Erwartungen zu beugen, sondern ausgeflippt, verrückt und anders als der Rest zu sein. Alles stimmt bei ihrem von Pyrofontänen flankierten Auftritt: der im Stehen, die langen Haare schüttelnde Schlagzeuger, die angeschliffenen, nicht zu dreckigen Gitarrenriffs, die umher rennende, um sich tretende, weibliche (endlich!) Bassistin, die Zunge Davids, die sich wild rausgestreckt hin und her windet oder lasziv über die leicht geöffneten Lippen fährt.

Die vier Musiker aus Rom haben sich selbst auch wenigen Konventionen des Wettbewerbs gebeugt. Sie sind eine Band, eine richtige Band und haben ihren Song selbst geschrieben. Beides eher eine Seltenheit beim ESC. San Marino addierte dieses Jahr Berühmtheit plus Mathematik-Pop und schickte seinen bekanntesten Staatsbürger Flo Rida auf die Bühne, der zwischen den maßgeschneiderten Strophen der Popsängerin Senhit ins Leere rappte. Diese Rezeptur reichte gerade mal für Platz 22. Eine ähnliche Idee, wenn auch stilvoller, hatte Belgien mit der seit Urzeiten, also 1995, bestehenden Band Hooverphonic, die zwischen Auftritten mit Techno in Zaubergärten und aufwendigen 3D-Effekten, klassisch und sichtlich reif den programmatischen Song "The Wrong Place" sangen. Es reichte für Platz 19.

Für Italien ist es der dritte Sieg überhaupt im ESC, zuletzt gewann Toto Cutugno 1990. Kurz sah es so aus, als würde die Trophäe an Barbara Pravi und ihr klassisches, wunderschönes Chanson gehen oder an die Schweiz, für die der Sänger Gjon's Tears mit einer ebenfalls rein französischen zarten Ballade angetreten war. Bei beiden wäre es verdient gewesen. Italien rangierte nach der Jury-Bewertung auf Platz vier. Doch als die Moderatorin Chantal Janzen die Punktezahl aus dem Publikumsvoting für Italien verkündete, überschlug sich Peter Urbans Stimme, der dem deutschen Zuschauer fassungslos erklärte, dass 318 Punkte für diesen Wettbewerb außergewöhnlich viel seien. Durchschnittlich acht Punkte erhielt das rockige Italien aus allen Ländern. Die coole Fassade verwischte kurz bei der Siegerverkündung, Kajaltränen flossen, und als David die gläserne Mikrofon-Trophäe in die Höhe riss, schrie er: "Rock'n'Roll never dies!". Hoffentlich hat er recht.

Marlene Knobloch ist freie, streamende Autorin, träumt aber von Fernsehern in Küche und Schlafzimmer. Jeden Sonntag könnte sie dann linear zu den Kommen-Sie-gut-in-die-Woche-Wünschen der Nachtmagazin-Moderatoren mit tausenden Zuschauern in Deutschland wegdösen. Bis dahin schaut sie beim Kartoffel schälen alte Harald-Schmidt-Folgen auf ihrem Laptop.

© SZ/jael
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