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ESC-Ersatzshows:Ein bisschen Abstand, ein bisschen Freiheit

ProSieben-Show ´Free European Song Contest"

Humor wie in den Nullerjahren: Bully Herbig wird als "Mr. Spuck" in die Pro Sieben-Show "Free ESC" zugeschaltet.

(Foto: Willi Weber/dpa)

ARD und Pro Sieben bieten Trostsendungen zum Eurovision Song Contest an, in Sachen Humor scheitern beide Sender. Da kann auch Peter Urban nicht mehr helfen.

Für all die trauernden Seelen da draußen gab es nach der coronabedingten Absage des ESC 2020 an diesem Samstagabend gleich zwei Ersatz-Shows mit echten Abstimmungen im deutschen Abendprogramm. Was es den leidenden Fans auf der Suche nach Trost nicht gerade leicht machte. Im Ersten sollte unter den tatsächlichen diesjährigen ESC-Teilnehmern zumindest ein deutscher "Gewinner der Herzen" ermittelt werden. Auf Pro Sieben ging der "Free ESC" auf Sendung, dessen Schöpfer Stefan Raab angekündigt hat, dies sei die "Geburtsstunde eines neuen, freien europäischen Songwettbewerbs".

Die ARD hat zwar später am Abend noch die offizielle ESC-Ersatzshow "Europe Shine a Light" aus dem diesjährigen Gastgeberland Niederlande live übertragen. Die fand aber ohne Voting statt. Womit jeder Reiz verloren war. Die nachmitternächtliche Wiederholung des ESC von 2010 mit dem Sieg von Lena Meyer-Landrut erschien da deutlich unterhaltsamer.

Erster Eindruck nach einer Viertelstunde hin- und herzappen: Die ARD hat mit dem Eurovision-Logo einen Authentizitäts-Vorteil und mit Kommentator Peter Urban ein großes Stück Normalität im Angebot. Der sagt aber leider kaum etwas. Dafür versucht Moderatorin Barbara Schöneberger die einigermaßen lieblos ausgeleuchtete und dadurch noch leerer wirkende Elbphilharmonie im Alleingang vollzulabern. Obwohl ihr zu den Künstlern eigentlich so gar nichts einfällt. Besonders nicht zu den weiblichen, bei denen sie grundsätzlich nur deren Äußeres kommentiert.

Drüben auf Pro Sieben punkten die "Free ESC"-Macher mit Conchita Wurst als Co-Moderatorin, einem wesentlich schickeren Studio und Applaus-Einblendungen. Die sind natürlich auch total traurig. Aber immer noch besser als die nur von Schönebergers Altfrauenhumor unterbrochene Grabesstille in Hamburg.

Statt "echter" ESC-Teilnehmer zeigt Pro Sieben Musiker, die allesamt mal mehr mal weniger Bezug zu dem Land haben, für das sie antreten. Dazu kommt mit der Showband Heavytones, einem kurzen Einspieler mit Stefan Raab als Nicole-Parodie, Bully Herbig als Punkte-Präsentator sowie der TV-Total-Stimme von Manfred Winkens ein wenig Nullerjahre-TV-Nostalgie auf.

Die Pro Sieben-Komiker machen Schönebergers Humor untiefenmäßig ordentlich Konkurrenz: Herbigs klischeeschwule Figur "Mr. Spuck" steht auf Conchita Wurst, Kroatisch klingt nur nach "Krtschkrschkrsch" und Bulgaren müssen von ihrer traditionellen Bohnensuppe immer ganz dolle furzen (hihi). Was einen daran erinnert, dass man an den als grandios lustig erinnerten TV-Abenden anno 2000 humortechnisch noch ein eher anspruchsloses Kind war.

The Roop wird deutscher ESC-Gewinner der Herzen

Im Gegensatz zum ARD-Format performen auf Pro Sieben alle Acts live im Studio und werden dabei - trotz Corona-Schwierigkeiten wie etwa Choreografien mit 1,5 Meter Abstand - gründlich durchinszeniert. Für Stefanie Heinzmann aus der Schweiz regnet es Funken, für Helge Schneider, der für Deutschland antritt, Rosen.

In der ARD treten die Acts in der Elbphilharmonie auf, was angesichts der tristen Bühnengestaltung eher zu deren Nachteil war. Von den anderen werden nur alte Live-Auftritte oder einfach Videoclips eingespielt, die sich Die-Hard-ESC-Fans wohl schon längst auf Youtube angesehen haben. Ben Dolic, der in Rotterdam mit "Violent Thing" für Deutschland an den Start hätte gehen sollen, durfte auch singen. Aber natürlich außer Konkurrenz, wie es sich gehört.

Ein kleiner Glücksfall ist, dass mit den Litauern von The Roop die späteren Herzens-Sieger in Hamburg auftreten. Mit seinem vogueesken Tanz dürfte Sänger Vaidotas Valiukevičius ziemlich sicher eine neue Tik-Tok-Challenge auslösen. Ansonsten fallen noch die netten Isländer von Daði og Gagnamagnið auf, die sich mit ihrem Indiepop à la Metronomy im echten Contest einigermaßen weit nach vorne gegroovt hätten. Für das natürlich nie fehlende Balladen-Pathos ist wiederum die Schweiz mit Gjon's Tears zuständig, der mit einem ziemlich abgefahrenen Stimmvolumen beeindruckt.

Auf Pro Sieben gewinnt nach einer standesgemäß endlosen Punktevergabe inklusive gefühlter 3000 Werbeunterbrechungen der Singer-Songwriter Nico Santos für Spanien mit seiner Konsens-Pop-Nummer "Like I Love You" - ein im Vergleich zu The Roop so unspektakulär wie erwartbarer Ausgang.

Eine Frage blieb allerdings offen: Wie hatten es die internationalen Künstler eigentlich so locker nach Deutschland geschafft, in einem Corona-Europa der hochgezogenen Grenzen? Zumindest im Fall Pro Sieben ist die Antwort relativ einfach: Sie waren schon da. Eko Fresh und Umut Timur wechseln in ihrem Song zwischen Deutsch und Türkisch. Der Geburts-Münchner Gil Ofarim repräsentiert Israel. Lukas Podolski übernimmt die Punktevergabe für Polen. Und für Kasachstan tritt der russlanddeutsche Mike Singer an. Ein schöner Beleg dafür, dass die Welt längst diesseits des deutschen Kultur-Tellerrands in den heimischen Wohnzimmern sitzt.

© SZ.de/kler
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