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Pressestimmen zu Bidens Wahlsieg:"Ein Moment der Demut und der Besinnung"

Auf einem Bildschirm am New Yorker Times Square wird eine Rede von Joe Biden übertragen.

(Foto: TIMOTHY A. CLARY/AFP)

Viele internationale Medien setzen große Hoffnungen in Joe Biden. Sie sehen aber auch die Herausforderungen, vor denen er als künftiger US-Präsident stehen wird.

Zum Sieg von Joe Biden bei der Präsidentschaftswahl in den USA schreibt die New York Times: "Nachdem das amerikanische Volk in den Abgrund des autokratischen Nationalismus geblickt hat, hat es sich nun entschieden, vom Rand zurückzutreten." Biden werde sich im Januar, wenn er sein Amt antritt, dennoch einer Krise gegenübersehen. Denn sein Vorgänger hinterlasse ein Amerika, das "schwächer, ärmer, kränker und gespaltener" sei als noch vor vier Jahren. Die Genesung werde weder schnell noch einfach sein. Donald Trump habe sein Bestes getan, um die demokratischen Grundlagen der Nation zu untergraben. "Sie waren erschüttert, aber sie brachen nicht." Es liege nun an Biden, dieses Fundament wieder zu stärken und zu schützen.

Der Wahlsieg Bidens sei zwar ein Grund zum Feiern, schreibt die Londoner Sonntagszeitung The Observer, aber er sei "auch ein Moment der Demut und der Besinnung. Joe Biden zog eine Rekordzahl von Stimmen auf sich - mehr als 74 Millionen oder fast 51 Prozent. Die Gesamtzahl von Trump war mit mehr als 70 Millionen die zweithöchste aller Zeiten, was auf die höchste Wahlbeteiligung seit 1900 zurückzuführen ist. Diese außergewöhnlichen Zahlen zeigen allein schon, wie tief die Leidenschaften und die Spaltungen sind, die das heutige Amerika verfolgen und plagen. Sie sind eine Warnung."

Die konservative US-Zeitung New York Post wendet sich im Streit über das Wahlergebnis in den USA von Präsident Donald Trump ab. In einem Artikel vom Samstag schrieben die Kommentatoren der Zeitung zwar, dass Trump viel für das Land getan habe - doch mit der Verschwörungstheorie der "gestohlenen Wahl" aufhören müsse, wenn er seine eigene Stimme nicht "marginalisieren" wolle. Zugleich veröffentlichte die Zeitung einen ungewohnt positiven Artikel über den neu gewählten Präsidenten Joe Biden mit dem Titel "It's Joe Time" ("Es ist Zeit für Joe"). Noch vor wenigen Wochen hatte die New York Post einen vernichtenden Artikel über Joe Bidens Sohn Hunter veröffentlicht. Er basierte auf fragwürdigen Quellen und brachte dem Blatt landesweit Kritik ein.

"Wohl niemand in Amerika glaubt, dass Bidens Sieg alleine die gewaltigen Probleme des Landes löst", schreibt der Tages-Anzeiger aus der Schweiz. "Mehr als 70 Millionen Amerikaner haben Trump diesmal ihre Stimme gegeben - und damit explizit gutgeheißen, was er in den letzten vier Jahren getan und gesagt hat. Diese Menschen werden nicht verschwinden, auch nicht mit salbungsvollen Aufrufen an Einheit und Harmonie. Und doch: Eine zweite Amtszeit Trumps hätte Amerika an einen finsteren Punkt geführt. Sie hätte die Wunden vertieft und neue geschlagen. Mit Trumps Abwahl ist zumindest die Blutung gestoppt. Das ist nur der erste Schritt - aber jetzt, in diesem Moment, der wichtigste."

"Historiker werden wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass Joe Biden zu einem großen Teil gewonnen hat, weil er nicht Donald Trump war", schreibt die britische Zeitung The Telegraph."Allerdings muss Biden aus dem Erfolg von Trump bei der Eindämmung des Iran lernen und er darf nicht zu der gescheiterten Außenpolitik der Obama-Ära zurückkehren. Wir müssen zudem hoffen, dass er seine technokratische und gefühlsmäßige Opposition gegen den Brexit überwindet: Großbritannien verlässt die EU, daran ist nicht mehr zu rütteln."

Der Sieg des demokratischen Kandidaten Joe Biden bremse den Vormarsch des Nationalpopulismus, schreibt die spanische Zeitung El País. "Biden ist kein perfekter oder inspirierender Kandidat. Aber er steht dafür, dass das Weiße Haus zur Mäßigung, zur Achtung demokratischer Prinzipien und Institutionen zurückkehrt sowie zum Dialog und Multilateralismus auf internationaler Ebene. Sein Erfolg ist ein Zeitenwechsel für sein Land und für den Westen."

Joe Biden erbe ein tief gespaltenes Land mit zersplitterten Machtverhältnissen, schreibt die belgische Zeitung De Standaard. "Die Demokraten besetzen das Weiße Haus und das Repräsentantenhaus, die Republikaner dominieren den Senat und in gewisser Weise auch den Obersten Gerichtshof. Diese Gegensätze könnten zu einer neuen Pattsituation führen. Und das trotz der ungemein großen Herausforderungen. Diese mögliche Handlungsunfähigkeit breitet den Nährboden für Trumps geistige Trittbrettfahrer."

Nach vier Jahren Donald Trump erwarte Joe Biden die gewaltige Aufgabe, alles oder fast alles wieder aufzubauen, schreibt die französische Zeitung Le Monde. Denn US-Präsident Trump werde wahrscheinlich bis zum letzten Tag seiner Präsidentschaft weitermachen und sich "wie ein schwarzes Loch des Egozentrismus verhalten, das lieber die Demokratie, das ganze Land und den Planeten verschlingt, anstatt eine Niederlage oder einen Fehler zuzugeben".

© SZ/dpa/dit/cag
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