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Entertainer Heinz Schenk:Der Bembel lebt

Der Nachlass von Heinz Schenk wird in seinem früheren Wohnzimmer versteigert: Preise, Autogramme, sogar eine Sauna gibt es. Doch abgesehen haben es die Bieter auf das Markenzeichen des Showmasters.

Auf dem Friedhof von Wiesbaden-Naurod ist es am frühen Samstagmorgen sehr still. Eine Frau mit Gießkanne pflegt ein paar Blumen und weist freundlich den Weg zu jener Stelle, an der eine deutsche Fernsehlegende begraben liegt. Heinz Schenk ruht hier neben seiner Frau Gerti. Gestorben ist er im Alter von 89 Jahren am 1. Mai 2014, aber für mehr als ein inzwischen stark verwittertes Holzkreuz hat es seitdem offenbar nicht gereicht. Das erzeugt eine gewisse Tristesse. "Der hat viel gemacht hier", sagt die Frau im Vorübergehen. Das mag wohl sein, aber zu spüren ist davon nichts.

Schenk war mal ein ganz Großer im deutschen Fernsehgeschäft, einer, der auf dem Höhepunkt seines Schaffens spielend 16 oder 17 Millionen Zuschauer anzog. Als er 1966 die damals noch schwarz-weiße Nachmittagssendung Zum Blauen Bock übernahm, schoss die Karriere des gebürtigen Mainzers in ungeahnte Höhen.

Als trällernder Oberkellner führte er durch diese Frühform des Musikantenstadls, begrüßte singende Gäste und überreichte ihnen oft einen Bembel, einen Krug mit Salzglasur, aus dem die Hessen ihren Äppelwoi zu gießen pflegen. Der Schenk und der Bembel, das wurde rasch zu einer schier untrennbaren Verbindung. Schenk war die Volkstümlichkeit in Person. Wenn er am Samstagnachmittag zu vertrauten Liedern lud, liebten ihn die Eltern und die Kinder hassten ihn, weil er anfangs genau den Sendeplatz besetzte, auf dem sonst der Beat Club frische Töne in den 60er-Jahre-Muff blies.

Einen halben Kilometer oberhalb des Nauroder Friedhofs ist an diesem Samstag mehr los als an Schenks Grab. Ein paar Hundert Menschen drängen sich durch das Haus am Holderstrauch 30. Es ist das Haus von Heinz Schenk. Hier hat er bis zu seinem Tod gelebt, hier hat er aufbewahrt, was ihm wertvoll erschien. Weil die Schenks keine Kinder hatten, wird der Nachlass nun versteigert. Schenk habe das so gewollt, sagt Horst Klemmer, der 38 Jahre sein Manager war. Das Haus ist schon verkauft, nun muss es leer werden. Es soll abgerissen werden. Die Erlöse sind einer Heinz-Schenk-Stiftung für junge Künstler zugedacht, die Klemmer gerade einrichtet.

Das Haus wirkt drinnen sehr dunkel. Schwarzbraune Balken und schmiedeeiserne Gitter sind zu sehen, ergänzen sich mit dominanten Eichenschrankwänden, breitrandigen Bilderrahmen und tiefen Sesseln zu bodenständiger Wucht. Hätte Biederkeit jemals ein Asyl gebraucht, hier wäre sie gut aufgehoben gewesen.

Den höchsten Preis erzielt eine Kiste mit Privatfotos. Sie geht für 4000 Euro weg

Regale sind vollgestopft bis zum Bersten, oben im Wohnzimmer, unten im hauseigenen Studio. Mediale Informationsträger allüberall. An die 10 000 Langspielplatten, DVDs und VHS-Videokassetten weist die rund 800 Posten umfassende Versteigerungsliste aus. Alles kommt unter den Hammer. Alles. Eine Heimsauna ist dabei und ein knappes Dutzend Videorekorder, Rollatoren und ein fahrbarer Toilettenstuhl, die im leeren Schwimmbad ausgestellt sind, künden von Zeiten, in denen es gesundheitlich nicht so gut ging.

Schenk hat gesammelt, was nach Kunst aussah. Antik anmutende Schnitzereien, alte Karten und Schriften, Uhren und jede Menge Nippes säumen die Räume. Sie gehen weg für eher kleines Geld. Die meisten Gegenstände bleiben unter der 100-Euro-Schwelle, nur selten kratzt Auktionator Stefan Niederauer an der 1000-Euro-Marke. Bevor er eine niederländische Uhr für 400 Euro fortgibt, erzählt er, dass Schenk dafür mal einen sechsstelligen DM-Betrag aufgewendet habe. Eindeutig zu viel.

Auch bei einem Spieltisch, den er einst von Dreharbeiten für Dieter Wedels Dreiteiler Wilder Westen Inclusive aus den USA mitgebracht hatte und der nun für ein paar Hundert Euro weggeht, gibt es die Geschichte, dass sich Schenk beim Kauf heftig übers Ohr habe hauen lassen. Dass er ein sehr vertrauensseliger Mensch war, bestätigt sein Manager. Er habe nie einen Vertrag mit ihm gemacht, sagt er, immer alles per Handschlag besiegelt.

Im Keller des Hauses liegt die Bar, in der Schenk viel gefeiert hat. Dort hängen und stehen Memorabilien aller Art. Fotos, Krüge, Autogramkarten. Sogar Schenks letztes Autokennzeichen ist dabei: WI-HS 155. Nebenan finden sich uralte, teils angeschimmelte Weine, unter anderem eine Flasche Becksteiner Kirchberg von 1966, aus jenem Jahr also, in dem Schenk richtig durchstartete.

Man kann bei der Besichtigung viel lernen über das Leben des Künstlers. Auf einer Weltkarte ist genau dokumentiert, wo er im Herbst 1972 war, nämlich auf einer Kreuzfahrt in die Karibik mit der MS Europa. Am 13. Februar 1982 hielt sich Schenk dagegen in Ludwigshafen auf. Dort stand eine Folge Zum Blauen Bock an. Man kann das nachlesen in einem der vielen handgeschriebenen Manuskripte. In dem Dokument ist genau vermerkt, wem er mit welchen Fragen kommen wollte. Vieles im Angebot dreht sich um die frühe Karriere des Heinz Schenk, sehr wenig um sein kurzes Comeback, das er Anfang der 90er-Jahre in Hape Kerkelings Film Kein Pardon feierte.

Nicht alles wird verkauft an diesem Tag. Ein mit 60 Euro angesetztes Hufeisen, das Schenk 1979 anlässlich der Teilnahme an der Sendung Allein gegen alle überreicht wurde, findet keinen Käufer. Ein ähnliches Teil, das er von der Sendung Versteckte Kamera bekam, bringt gerade mal 110 Euro. "Medienpreise, kleine Preise. Hätte ich nicht gedacht", seufzt der Auktionator. Gut läuft dagegen Bambi. Die beiden Burda-Trophäen aus Schenks Besitz erlösen jeweils über 2000 Euro. Gefragt sind auch Autogramme. Der Renner ist ein von Mireille Mathieu unterschriebenes Bild, das Schenk mit der Sängerin zeigt. Das bringt 300, die Unterschrift der Schauspielerin Grethe Weiser nur 60 Euro. Den höchsten Preis erzielt eine Kiste mit ungeordneten Privatfotos. Die geht für 4000 Euro weg.

Der eigentliche Renner aber sind natürlich die Bembel im Angebot. Die Krüge gelten in Hessen viel, erst recht, wenn sie aus Schenks Bestand kommen. Ein übergroßer "Blauer Bock"-Bembel von 1968 geht weg für satte 1800 Euro, ein "Hörzu dankt Heinz Schenk"-Bembel schafft immerhin noch 400 Euro.

Nach der bis in den späten Nachmittag dauernden Auktion, die mit rund 80 000 Euro ein Drittel mehr als erwartet erbringt, beginnt das Ausräumen der Schenk-Villa. Die Käufer holen heraus, was sie bezahlt haben. Bald kommen die Bagger, und dann erinnert hier nichts mehr an Heinz Schenk. Dafür soll demnächst auf dem Friedhof ein etwas würdevolleres Gedenken möglich werden. Dort komme anstatt der Holzkreuze eine richtige Grabplatte hin, verspricht Manager Klemmer. Mit Bembel. Natürlich.