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Ende von TV-Karrieren:Sendezeit überzogen

Der große Gottschalk hatte schon so grandios aufgehört, ließ dann doch unwürdig an sich herumbasteln für Gottschalk live und führte so vor, dass auch Unterhaltung meistens nicht schön altert. Lanz, der mit Wetten, dass . . .? nur aufgehört hat, um sein restliches Fernsehleben scheinbar zu retten. Jetzt Günther Jauch, der seine ARD-Talkshow beendet, aber bei RTL bleibt.

Sie alle haben, um es in der TV-Sprache zu erzählen, ihre Sendezeit überzogen wider besseres Wissen. Sie machten sich so vom Star und Vorbild zu Sterbebegleitern von Sendeformaten, die niemand, der bei Verstand und unter siebzig Jahren ist, anschauen will.

Traurige Untergeher

Sie redeten sich wahrscheinlich alles Mögliche ein, von Ich-kann-meine-Mitarbeiter-nicht-im-Stich-lassen bis zu Ich-muss-erst-noch-die-Welt-retten oder wenigstens das deutsche Unterhaltungsfernsehen. Sie glaubten wahrscheinlich dem junkiehaft-dumpfen Gefühl, durch noch längere Bildschirmpräsenz ihren Marktwert zu erhalten.

Dabei ist das Gegenteil wahr. Helmut Schmidt wäre sicher nicht der beliebteste Deutsche, wenn er damals länger Kanzler geblieben wäre. Weil es in der Politik noch viel schlimmer ist: Adenauer, Kohl, Mubarak, Gaddafi, Berlusconi. Eine unfaire Reihung ist das, aber traurige Untergeher am Ende alle.

Und was kann man tun? Zusammenhänge verstehen! Das deutsche und auf den ersten Blick so seltsam sinnlose Wort aufhören wird bei näherer Betrachtung zauberhaft und so handlungsanregend, wie die Sprüche der Großmütter.

Anne Will Rückkehr der Geschmähten
Porträt
ARD und Anne Will

Rückkehr der Geschmähten

Sie ist wieder da und war doch nie weg: Weil Anne Will seit acht Jahren beharrlich ihre Qualitäten demonstriert, wechselt sie mit ihrer Talkshow wieder in die Primetime am Sonntag. Dabei wollte die ARD sie genau da einst nicht mehr haben.   Von Paul Katzenberger

Der Moment des Auf-Hörens im Wortsinn ist eigentlich der des Innehaltens vor dem eigentlichen Aufhören, der Moment der Entscheidung, des Abwägens, des die Wahrscheinlichkeiten berechnen, die den Menschen zum Beispiel dazu befähigt, in Buonomanos Experiment sofort die 300 Dollar zu nehmen und zu gehen, bevor er alles verliert.

Das Gefühl für Timing

Manche können das, weswegen es auch den intelligenzgesteuerten Rückzug gibt aus Eigenverantwortung, Stilempfinden, Gefühl für Timing. Auch im TV-Geschäft gibt es das. Günter Netzer war so eine Ausnahme, hat aufgehört, als es am schönsten war, kurz bevor er zur Karikatur wurde.

Und weil ein guter Abgang die Übung ziert, hat er zum Abschied einen Satz gesagt, den man sich getrost an den Spiegel kleben könnte, in Neonleuchtschrift am Besten: "Mich interessiert, je älter ich werde, immer weniger. Aber das umso mehr."

Und jetzt also Stefan Raab, der am 16. Dezember tatsächlich zum letzten Mal TV Total macht, obwohl und weil ihn alle so doll lieben. Mag sein, dass er als öffentliche Figur aufbrechen will zu Neuem. Kann auch sein, dass er verschwinden wird in sein klug beschütztes Privatleben.

Die perfekte Schönheit des selbstbestimmten Aufhörens

Wie aufgekratzt und gut gelaunt hat dieser sonst so ostentativ lustlose Stefan Raab in den Sendungen seit seiner Ich-höre-auf-Entscheidung agiert. Man konnte etwas von der Befreiung und perfekten Schönheit des selbstbestimmten Aufhörens spüren.

Bettina Reitz hat soeben den sicheren und gemütlichen Posten der Fernsehdirektorin des BR aufgegeben für den Job der Präsidentin der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film. Hat also auf gehört, innegehalten, nachgedacht. Sie wollte nicht länger "Sterbebegleiterin" und Mangelverwalterin des Genres Film beim öffentlich-rechtlichen BR sein. Sie macht jetzt junge Menschen fit für die Zukunft der großen Narrative des Netflix-Zeitalters.

Erstaunlich gut gelaunt und in sich ruhend scheint übrigens trotz aller Müdigkeit und Anfeindungen, trotz der Größe der Aufgabe, trotz Seehofer und all der anderen Heuchler und Zweifler am Wir-schaffen-das und trotz verheerender Umfragen Angela Merkel zu sein. Das konnte man sehen neulich bei Anne Will. Intelligent und frontalhirngesteuert genug wäre diese Bundeskanzlerin ja. Vielleicht tut sie es wirklich. Vielleicht macht sie uns in einem richtigen Moment tatsächlich dann den Raab.