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Ende der Werber-Saga:Letzte Runde

Nach sieben Staffeln geht "Mad Men" ins Finale. Der Abschied von Don Draper fällt den Fans schwerer als Matthew Weiner. Der Serienschöpfer hat sein Ziel erreicht: künstlerische Freiheit.

Von Jürgen Schmieder

Matthew Weiner sieht nicht so aus, als hätte es das Leben gerade besonders gut mit ihm gemeint. "Ich bin so müde", sagt er und trinkt einen Schluck Tee. Die Einladung zu einem Old Fashioned lehnt er ab, er krault seinen Fünf-Tage-Bart und blickt aufs Handy, als wäre darin eine Schmerztablette versteckt. Sein Blick verrät, dass der Kopf noch benebelt ist von letzter Nacht: "Es war ein großer Abend gestern. Sie haben Glück, weil ich nun langsam wieder fit werde." Er lacht laut und nimmt noch einen kräftigen Schluck. Es ist jetzt 17 Uhr.

Ja, so stellt man sich den Erfinder von Mad Men vor, dieser wunderbaren mit insgesamt 15 Emmys ausgezeichneten Serie über eine Werbeagentur im New York der 60er Jahre. Am Abend zuvor hat er mit Darstellern, Autoren und Regisseuren das Ende der Produktion gefeiert, die letzten sieben Folgen der Serie werden in den USA vom Ostersonntag an auf AMC ausgestrahlt, in Deutschland sind sie von Ostermontag an auf Fox zu sehen. So muss er sein, dieser verrückte Kerl, der den Protagonisten Don Draper erschaffen hat, einen schick gekleideten, perfekt frisierten Blender mit einer Vorliebe für Frauen, Drinks und Zigaretten. "Ich mag Whisky pur, wenn er sanft ist. Ich mag einen guten Manhattan, ich liebe Old Fashioned", sagt Weiner - doch dann gesteht er: "Aber ich bin eigentlich kein großer Trinker. Ganz ehrlich nicht." Er lacht wieder laut.

Das ist erst einmal ein Schock für all jene, die Mad Men als romantische Verklärung eines turbulenten Jahrzehnts der amerikanischen Geschichte betrachten und wehmütig daran denken, wie wunderbar es doch auch heutzutage sein könnte, sich um zehn Uhr morgens einen kräftigen Cocktail zu genehmigen, den Hintern der Sekretärin zu begutachten oder gar zu befühlen und nach einer Zigarre mit den Kollegen erst einmal ein Nickerchen auf der Bürocouch zu halten. Die von der guten alten Zeit schwärmen und fragen, was dieser Teufelskerl wohl heute so treibt. Dabei ist die Antwort ganz einfach: Draper kratzt am Deckel seines Sargs, weil er schon vor Jahren an Lungenkrebs, Leberzirrhose oder sexuell übertragbaren Krankheiten gestorben ist. Oder sich vom Dach eines Hochhauses gestürzt hat, wie der Vorspann der Serie suggeriert - ein Ende, das noch immer als möglich gilt.

Natürlich ist Weiner nicht Draper, natürlich geht es in Mad Men nicht um Promiskuität, Misogynie und Alkoholmissbrauch. Es geht auch nur vordergründig um Gleichberechtigung, Rassismus und Homosexualität, die wahren Themen der Serie sind: Was erwarten die Menschen vom Leben? Wie bekommen sie das, was sie wirklich haben wollen? "Es geht um Personen, deren materiellen Wünsche erfüllt sind. Sie haben all das erreicht, das sich umschreiben lässt mit: genug Geld haben. Dennoch sind sie unglücklich und undankbar", sagt Weiner. "Als ich im Jahr 1999 die erste Folge geschrieben habe, war ich 35 Jahre alt und in einer ähnlichen Position: Ich hatte eine Menge großartiger Dinge und fragte mich dennoch: Das war es jetzt? Es war die einsamste Zeit in meinem Leben - doch es hat dazu geführt, dass mich diese Figur gefunden hat."

Ja, richtig gelesen: Weiner hat sich Draper nicht ausgedacht, die Figur hat ihn gefunden. "So wie eigentlich alles, was bei Mad Men zu sehen ist", sagt Weiner: "Ich höre zufällig ein Gespräch - und weiß sofort: Das ist die Textzeile einer Figur! Ich bin wie ein Schwamm, der alles aufsaugt und später verwendet. Vor allem aber sehe ich den Menschen stets in die Augen. Ich bin bekannt dafür, sie regelrecht anzustarren. Das führt dazu, dass fremde Menschen auf der Straße zu mir kommen und Gespräche beginnen: Obdachlose, Verrückte, einfach jeder. Ich liebe Fremde und ihre Geschichten."

'Mad Men' stars look down as series creator Weiner places his hand on a liquor bottle during a donation ceremony at the Smithsonian National Museum of American History in Washington

Serienerfinder Matthew Weiner, neben ihm die Darsteller Jon Hamm, Christina Hendricks und John Slattery (von rechts), begutachten das Angebot.

(Foto: Kevin Lamarque/Reuters)

Weiner ist Erfinder, Autor, Produzent und manchmal auch Regisseur dieser Serie, er ist ein Auteur im Goldenen Zeitalter des Fernsehens. Er war Autor der Serie Becker, er war Produzent von The Sopranos, nun hat er mit Mad Men ein popkulturelles Phänomen geschaffen - im Jahr 2011 führte ihn das Magazin Time in der Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Er ist das Vorbild für all jene, die ein Drehbuch in der Schublade haben und es gern umsetzen würden, ohne dass ihnen andere Autoren, Regisseure und Produzenten ständig mitteilen, welche Änderungen vorgenommen werden müssen. Und ein Sender war da noch gar nicht im Spiel.

Weiner ist so, wie jeder in Hollywood gern wäre. Und so wie Truffaut vor mehr als 50 Jahren bei Hitchcock nachgefragt hat, wie er das eigentlich gemacht hat, wollen die Menschen nun wissen, wie Weiner das so macht. Wie er etwa auf die groteske Idee kam, dass Don Draper am Ende des ersten Teils der letzten Staffel halluziniert, wie ihm sein gerade verstorbener Chef Bert Cooper The Best Things in Life are Free vorsingt: "Ich bin im Auto durch Los Angeles gefahren, plötzlich singt Frances Langford dieses wunderbare Lied aus der Great Depression, das so beginnt: 'The moon belongs to everyone - the best things in life are free.' Ich bin sofort in die Arbeit gefahren und wusste, dass Bert das für Don singen und tanzen würde."

Wenn Weiner das erzählt und diesen Zufall beschreibt, dann klingt es recht einfach, so ein Auteur zu sein. Als hätte er zufällig ein dickes Nugget im Fluss entdeckt und zu den vielen anderen gelegt, die er schon zuvor gefunden hat. Allerdings: In der Episode wird die Mondlandung thematisiert, die Agentur wird verkauft, das Leben ist gerade gut zu Don Draper, der stets materiellen Dingen hinterherhechelt und bislang doch nie bekommt, was er wirklich haben will. Dann stirbt sein Mentor - und erklärt ihm aus dem Jenseits, dass der Mond jedem gehört und die schönsten Dinge im Leben nichts kosten.

Das ist keine Aneinanderreihung von Zufällen, das ist eine virtuose Komposition. Weiner hat nicht nur ein Lied gehört, sondern Tausende. Er muss eine Menge Steine und stinkende Stiefel aus dem Fluss holen, bis er endlich einmal ein Stückchen Gold entdeckt und bemerkt, dass es in Kombination mit zuvor gefundenen und geschliffenen Edelsteinen ein prächtiges Schmuckstück ergeben könnte: "Ich hinterlasse mir stets selbst Nachrichten auf dem Anrufbeantworter, ich denke andauernd über die Geschichte und die Figuren nach. Aus den meisten Ideen wird am Ende nichts."

Wer sich eine Weile mit Weiner unterhält, der bemerkt, dass er diese Arbeit durchaus für ernüchternd, ja frustrierend, bisweilen auch einsam hält. "Hin und wieder denke ich: Oh mein Gott, nun muss ich schon wieder schreiben. Jeder andere liegt jetzt am Strand, geht in eine Bar und hat Spaß. Oder sogar: Jetzt finden gerade die Oscars statt - und ich sitze hier rum und muss arbeiten", sagt er: "Dazu diese Angstzustände: Bekommen wir genug Geld? Werden wir abgesetzt? Meine Träume haben sich ganz gewaltig verändert, seit wir die Show fertig produziert haben. Ich träume jetzt endlich wieder von anderen Dingen." In seiner Stimme schwingt Erleichterung mit.

Matthew Weiner

"Ich werde meine Karriere nicht beenden. Im Gegenteil: Ich werde genau das tun, was ich auch die letzten Jahre gemacht habe. Es fühlt sich eher wie ein Neubeginn an. Mit völlig neuen Ideen."

Weiner scheint regelrecht fasziniert davon, wie schrecklich das Leben mancher Schriftsteller verlaufen ist. Als Beispiele nennt er John Cheever, Fjodor Dostojewski und Charles Dickens. Es sei für ihn "extrem wichtig, das Leben vom Werk zu trennen", sagt er: "Natürlich bewundere ich die Qualität der Texte, ich würde auch gern so schreiben können - aber ich will niemals die Erfahrungen machen, die diese Autoren machen mussten, um diese Werke verfassen zu können."

Weiner möchte stattdessen lieber ein Leben haben wie George Orwell ("wunderbar"), wie William Wyler ("Er hat Filme in allen Genres gemacht, er hat mit Clark Gable gedreht, er hatte fünf Kinder und ist schlafend gestorben") oder wie Ernest Hemingway ("das ultimative Leben für einen Autor"). Kurzum: Matthew Weiner will nicht leiden, um zu glänzen.

Plötzlich, während er das sagt, wird einem klar, dass Weiner natürlich so ist wie Don Draper. Dass es ihm bei Mad Men keineswegs nur darum ging, eine erfolgreiche Fernsehserie zu produzieren und damit möglichst viel Geld zu verdienen, sondern darum, genau das vom Leben zu bekommen, was er haben wollte. In Weiners Fall ist das: die künstlerische Freiheit, genau das zu tun, was er tun möchte. "Mein Leben war bislang deutlich besser als das vieler Schriftsteller", sagt er. Dann klopft er auf den Tisch und lacht wieder einmal laut.

Viele Produzenten stellen am Ende einer Fernsehserie fest, dass da noch jede Menge Leben übrig ist und dass sie womöglich nie wieder derart erfolgreich sein werden - kreativ wie kommerziell. Sie fragen sich: War es das jetzt? Weiner dagegen wirkt zufrieden, ja glücklich: "Ich betrachte meinen Beruf mittlerweile als Geschenk: Ich kann mich zurückziehen an einen Ort, an dem die Zeit nie vergeht." Er ist 49 Jahre alt und weiß, was er mit dieser Menge Leben anfangen möchte: "Ich werde meine Karriere nicht beenden. Im Gegenteil: Ich werde genau das tun, was ich auch die letzten Jahre gemacht habe. Es fühlt sich eher wie ein Neubeginn an. Mit völlig neuen Ideen."

Er nimmt noch einmal einen Schluck Tee, dann versichert er sich bei seiner Assistentin, dass an diesem Tag keine weiteren Termine mehr anstehen. Er hat am Abend zuvor gefeiert, sich gerade in einem Café in Beverly Hills ein bisschen über seine Arbeit unterhalten, nun darf er neue Ideen entwickeln. Spätestens in diesem Moment wird klar: Das Leben hat es sehr gut gemeint mit Matthew Weiner.

© SZ vom 04.04.2015
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