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Emmy-Verleihung:Das Fernsehen, der gute alte Freund

Eugene Levy, Daniel Levy

Vater und Sohn in goldiger Freude: Eugene (l.) und Daniel Levy mit einem der sieben Emmys für ihre Serie "Schitt's Creek".

(Foto: AP/AP)

Bei den 72. Emmy-Awards werden die Gewinner per Video-Konferenz zugeschaltet - darunter die deutsche Regisseurin Maria Schrader. Die politischen Botschaften sind nicht wütend und deshalb umso eindringlicher.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Drei Fragen bleiben von dieser Emmy-Verleihung. Erstens: Warum in aller Welt hatte Randall Park ein Alpaka dabei, als er den Award fürs beste Drehbuch vergab? Wie hat es Moderator Jimmy Kimmel geschafft, Jennifer Aniston zu diesem unfassbar unwitzigen Sketch zu überreden, bei dem sie erst rumbrüllen und dann einen Fake-Feuerlöscher betätigen musste? Und drittens: Hat es sich nun gelohnt, inmitten der Coronavirus-Pandemie die Preise für die TV- und Streamingbranche zu vergeben?

Beginnen wir mit der dritten Frage. Ja, es hat sich gelohnt, auch wenn es mittlerweile für diese Veranstaltungen nur noch zwei Varianten gibt: Sie können scheitern, und sie können grandios scheitern. Es ist nun mal eine selbstreferenzielle Feier der eigenen Branche, die Versicherung der eigenen Großartigkeit, die Betonung gesellschaftlicher Relevanz - Alicia Keys hat etwa bei der Grammy-Verleihung 2019 derart häufig gesagt, wie wichtig Musik für das Leben der Leute ist, dass man schon versucht war, eine Gegenthese zu entwickeln.

Die Emmy-Verleihung nun war zurückhaltend, ja beinahe bescheiden, Kimmel sagte nur, dass sich die Leute während der Coronavirus-Pandemie an den "guten alten Freund" Fernsehen erinnert hätten, und das stimmte ja auch: Das serielle Erzählen war für viele Leute an langweiligen und bisweilen auch einsamen Abenden eine Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen und all das zu sehen, worüber die anderen geredet haben.

Das führt zu Schitt's Creek, dem großen Gewinner des Abends. Zum ersten Mal in der 72 Jahre dauernden Geschichte räumt eine Serie in allen sieben bedeutenden Comedy-Kategorien (alle vier Schauspiel-Auszeichnungen, Regie, Drehbuch und beste Serie) ab, sie ist ein Hinweis darauf, wohin sich die Branche in den vergangenen Jahren entwickelt hat: Es ist eine ulkige Serie aus Kanada, die von den US-Sendern entweder abgelehnt oder nach einer Staffel abgesetzt worden wäre. So jedoch lief sie sechs Jahre lang auf dem kanadischen Sender CBC, sie durfte sich in Ruhe entwickeln - welche Serie kann das schon noch im Dickicht der Produktionen und dem steten Druck, etwas Bahnbrechendes liefern zu müssen?

Von Januar 2017 an war sie auf Netflix zu sehen und entwickelte sich dort zum Geheimtipp. Vor 2019 war Schitt's Creek bei den Emmys nicht einmal nominiert gewesen, nun gewann die Serie die wichtigsten Preise, und es war nicht eindeutig zu identifizieren, wer sich goldiger freute: Erfinder Eugene Levy oder sein Sohn Daniel, der seit der dritten Staffel verantwortlich ist. "Es geht in unserer Show um Liebe und Akzeptanz, und das scheint mir heute wichtiger zu sein als jemals zuvor", sagte Daniel Levy. Und dann natürlich auch große Freude bei Maria Schrader. Die deutsche Regisseurin von Unorthodox bekommt den Emmy Award für die beste Regie in einer Miniserie. "Ich bin sprachlos", sagte die 54-Jährige in der Live-Schalte nach Los Angeles.

Tatsächlich gab es sehr viele witzige Elemente, weil mehr als 130 Kameras dort platziert wurden, wo die Stars diesen Abend verbrachten: Alex Borstein (The Marvelous Mrs. Maisel) lag im Bett auf der Dachterrasse, Ramy Youssef (Ramy) saß in T-Shirt und Basecap auf der Couch und veröffentlichte auf Twitter das Foto eines Menschen im Katastrophen-Anzug, der vor seiner Haustür wartete - jedoch nicht rein durfte, weil Youssef nicht gewann. Als Succession-Erfinder Jesse Armstrong den Preis für die beste Dramaserie entgegennahm, klingelte im Hintergrund ein Telefon. Danach hielt er eine Undankesrede auf alles, was er nicht mag: Corona, Boris Johnson, Donald Trump.

Die Veranstaltung war politisch, ohne dass dauernd darauf hingewiesen werden musste: Die Serie Watchmen, in der es um Rassismus und Polizeigewalt geht sowie das Pogrom 1921 in Tulsa, bei dem weiße Rassisten mehrere Hundert Afroamerikaner ermordeten, gewann als beste Mini-Serie. Die Reden afroamerikanischer Gewinner wie Regina King (Watchmen) und Uzo Aduba (Mrs. America) waren keine wütenden Predigten, sie gedachten vielmehr der Opfer von Rassismus und Polizeigewalt wie Breonna Taylor und forderten die Amerikaner auf, doch bitteschön wählen zu gehen.

Einige Traditionen von Preisverleihungen wurden leider beibehalten - wie etwa der krampfhafte Versuch, witzig zu sein. Der Sketch mit einem Postboten, bei dem versucht wurde, Probleme bei der Briefwahl mit einer möglichen Einmischung Russlands zu verknüpfen, war so lustig wie eine Wurzelbehandlung. Es gab viel zu viele Anspielungen auf Corona: Jason Bateman, einer der Handvoll Stars, die tatsächlich in der Arena im Stadtzentrum von Los Angeles anwesend waren, wurde von Kimmel scheinbar aus der Halle gejagt; Jason Sedakis wurde live auf das Virus getestet, und Aniston musste einen inszenierten Brand löschen. Die Belohnung, und damit ist die zweite Frage beantwortet: Sie durfte hinter der Bühne auf Abstandsregeln pfeifen und mit ihren Friends-Kolleginnen Courtney Cox und Lisa Kudrow feiern.

Es gelang den Produzenten, diese drei Stunden einigermaßen kurzweilig (es werden dann eben immer noch Preise verliehen an Leute, die danach meist vorhersehbare Reden halten) und auch herzerwärmend (einige Preise wurden von Krankenschwestern, Lehrern und Paketzustellern vergeben) zu gestalten. Nur die Sache mit dem Alpaka wird wohl nie zu klären sein.

© SZ/cag/ebri/hy
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