Emmy-Nominierung für "House of Cards" Plötzlich ist das Internet im Spiel

Der Emmy ist der wichtigste Fernsehpreis der Welt. Jetzt ist mit "House of Cards" eine Serie nominiert, die gar nicht aus dem Fernsehen kommt. Für 100 Millionen Dollar hat der Internetdienst Netflix die Serie mit Kevin Spacey produzieren lassen. Ihr Erfolg zerstört alte Gewissheiten.

Von Katharina Riehl

Noch bevor das Spiel beginnt, dreht Francis Underwood einem Hund des Hals um. Der Hund liegt auf der Straße, ein Auto hat ihn angefahren, er wird es nicht schaffen, sagt Underwood. Er kniet sich also auf die Straße und drückt solange zu, bis das Winseln aufhört. "Momente wie dieser erfordern immer jemanden, der das Notwendige übernimmt", sagt er. Und es wird in den kommenden Stunden noch oft der demokratische Abgeordnete Francis Underwood sein, der die Drecksarbeit selbst in die Hand nimmt.

Am Donnerstag hat die Academy of Television Arts and Sciences die Nominierungen für die diesjährigen Emmys bekannt gegeben, den wichtigsten Fernsehpreis der Welt. Auch Francis Underwood hat einige Nominierungen bekommen. Nur: Francis Underwood kommt gar nicht aus dem Fernsehen.

Ränkespiel in Washington

Franics Underwood ist die Hauptfigur der Serie House of Cards, ein Politthriller in 13 Episoden. Das Kartenhaus ist die Politik des neugewählten Präsidenten, der seinen treuen Helfer Underwood nach der Wahl um das ihm versprochene Amt des Außenministers bringt. House of Cards erzählt von Underwoods Rache und von Washington als einem Schachbrett, von dem man Figuren herunterwirft, bis auch der König irgendwann nicht mehr zu retten ist.

House of Cards ist die erste für den Emmy nominierte Serie, die nicht aus dem Fernsehen kommt, sondern aus dem Internet. Die Firma Netflix hat sie für 100 Millionen Dollar herstellen lassen, hat Kevin Spacey als Hauptdarsteller gewonnen, Robin Wright spielt dessen Ehefrau. David Fincher, der Regisseur des Fight Club, ist Produzent, die ersten beiden Folgen hat er inszeniert.

Wenn man so will, hat Netflix eine Serie produzieren lassen, an der die Emmy-Academy nicht vorbei konnte. Sowohl die beiden Hauptdarsteller sind im Preisrennen, die ganze Serie ist unter den Nominierten für die Best Drama Series. Die New York Times zitierte einen nicht namentlich genannten US-Sendermanager mit den Worten, man könne dazu ja nichts sagen, ohne defensiv und weinerlich zu klingen.

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Plötzlich ist das Internet das neue Heimkino

Netflix, eine Firma aus Kalifornien, deren einziges Geschäftsmodell es jahrelang war, Kinofilme auf DVDs in roten Umschlägen an seine Kunden zu verschicken, die dann erkannte, dass die Zukunft des Filmverleihens wohl eher im Internetstreaming und dem Herunterladen liegen würde als im analogen Postweg, hat plötzlich mit einer jahrelang geltenden Gewissheit gebrochen. Dass das Netz die Inhalte auffängt, die von den klassischen Medien, den Fernsehsendern und Filmstudios, hergestellt wurden. Plötzlich hat der Internetdienst seine eigenen Inhalte. Und er ist der größte Anbieter dieser Art in den USA, größer als Hulu - und derzeit mit mehr US-Abonnenten als der Paysender HBO.

Der ehemalige Senderchef und Fernsehhistoriker Tim Brooks sprach Anfang der Woche von "Schockwellen durch die Industrie", die von den House-of-Cards-Nominierungen ausgelöst würden. Denn: Die Kunst der Serie ist in den USA der Geschäftskern vieler Fernsehsender.