Kontroverse um Erziehungs-Dokumentation Nach dem Shitstorm

Selten wurde um einen Dokumentarfilm so heftig gestritten wie um "Elternschule", der kommende Woche zum ersten Mal im Fernsehen läuft. Warum?

Von Vera Schroeder

Die beiden Regisseure Ralf Bücheler und Jörg Adolph sitzen in einem schnuckeligen Meister-Eder-Innenhof mitten in München und sehen zutiefst betrübt aus. Nein, sie würden diesen Film nicht noch einmal machen. Sie würden sich schlichtweg nicht mehr trauen. "Wir haben in jedem Moment nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt", sagt Jörg Adolph, "aber vielleicht sind die Zeiten für so einen Film einfach vorbei." Vielleicht gehe das einfach nicht mehr, jetzt, in der Gesellschaft des Zorns. Bei so einem aufgeladenen Thema. "In den Hinterhöfen des Internets sind die Leute erst zufrieden, wenn sie die Knochen brechen hören", murmelt Jörg Adolph leise.

Das aufgeladene Thema ist Erziehung beziehungsweise die größere Frage: Wie gehen wir als Gesellschaft mit unseren Kindern um? Der Film, den Bücheler, 44, und Adolph, 51, dazu gedreht haben, heißt Elternschule und läuft am Mittwoch erstmals im Fernsehen. Es ist ein beobachtender Dokumentarfilm, ohne Kommentar, der einen genauen Blick auf die Arbeit einer psychosomatischen Klinik in Gelsenkirchen wirft, die in Not geratene Kinder und deren Eltern behandelt. Kinder, oft Kleinkinder, die nicht mehr essen wollen. Nicht durchschlafen. Nicht aufhören zu schreien. Und mit der Situation überforderte Eltern, die dringend Hilfe brauchen.

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Neun Wochen haben die Filmemacher Ralf Bücheler und Jörg Adolph in einer psychosomatischen Kinder- und Jugendklinik in Gelsenkirchen gedreht, das Vertrauen von Patienten gewonnen, Teamsitzungen beobachtet und stationäre Therapieabläufe eingefangen.

(Foto: if... Productions)

Bücheler und Adolph sind über den Therapieleiter der Klinik, Dietmar Langer, bei einem anderen Projekt gestolpert. Und haben schnell beschlossen: Das hier verdient einen eigenen Film. "Natürlich, weil die Klinik und ihre Mitarbeiter uns fasziniert haben", erklärt Jörg Adolph. "Solche Filme macht man nicht über Leute, die man scheiße findet." Neun Wochen haben sie in Gelsenkirchen gedreht, das Vertrauen von Patienten gewonnen, Teamsitzungen beobachtet, stationäre Therapieabläufe eingefangen. "Das war die anspruchsvollste Dokumentarfilmarbeit, die ich bisher verantwortet habe, weil wir sehr sensibel sein mussten", erklärte der Produzent des Films, Ingo Fliess, in einem Interview.

Umso schockierter waren Filmemacher und Klinikteam von dem, was dann passierte: Als der Trailer zum Kinostart im vergangenen Oktober im Netz stand und etwa gleichzeitig im Kölner Stadtmagazin Känguru ein viel geteilter Text erschienen war, der die im Film gezeigten Methoden stark kritisierte, gab es auf der Facebookseite des Films einen "Horror-Shitstorm", wie Bücheler es nennt: Innerhalb weniger Tage hagelte es an die 5000 Kommentare, die allermeisten mit dem immer gleichen Kernvorwurf: Der Film zeige Gewalt gegen Kinder. "Das ist falsch! Wir zeigen keine Gewalt gegen Kinder!", ruft Bücheler immer noch verzweifelt. Über Tage versuchten sie mit drei Leuten, die Kommentare zu moderieren. Aber es habe Nazivergleiche gegeben, ihnen wurde Kindesmisshandlung vorgeworfen, Foltermethoden - und die Eltern aus dem Film wurden aufs Übelste beschimpft. Nach drei Tagen fanden sie: "Das können wir nicht gewinnen." Und schalteten die Facebookseite ab.

"Ein Film wie Elternschule", sagt der Kinderarzt Herbert Renz-Polster, "tritt mit Füßen, wofür wir seit vielen Jahren kämpfen." Renz-Polster ist einer der bekanntesten deutschen Fürsprecher der "bindungsorientierten Erziehung".

(Foto: mindjazz pictures)

Wenn man die Regisseure heute fragt, ob es denn in so einem Fall wirklich darum gehe "zu gewinnen", verstehen sie nicht, was man meint. Sie seien attackiert worden. Und natürlich hätten sie versucht zu verstehen, was die Leute meinen. Aber es gehe eben auch darum zu erklären, was der Film in Wirklichkeit zeigt, und klarzumachen, wo einem selbst oder den eigenen Protagonisten in der Diskussion Unrecht geschieht. "Die allermeisten hatten zu diesem Zeitpunkt ja nur den Trailer gesehen", sagt Bücheler. Beide Regisseure geben zu, von Dingen wie "bindungsorientierter Erziehung" vor dem Shitstorm noch nie gehört zu haben. Wobei "zugeben" das falsche Wort ist, denn sie finden gar nicht, dass sie etwas davon hätten wissen müssen. Es sei nicht die Aufgabe von Filmemachern, alle Perspektiven eines Themas abzubilden. Es sei ihre Freiheit, den Film genau so, in eine Richtung zu machen. Und diese Freiheit sehen sie nun bedroht. Außerdem sei der Gewaltvorwurf sehr verletzend. Sie hätten ja selber Kinder. Das lasse sie überhaupt nicht kalt.

Will man den großen Streit der Erziehungskulturen besser verstehen, der in der Debatte um Elternschule verhandelt wird, lohnt es sich, den Kinderarzt Herbert Renz-Polster anzurufen. Renz-Polster war einer der ersten Fachleute, die sich zum Film kritisch zu Wort meldeten. Er ist Bestsellerautor und einer der bekanntesten deutschen Fürsprecher der "bindungsorientierten Erziehung", die in Teilen nach ihren amerikanischen Wurzeln auch "Attachment Parenting" genannt wird. Kern der relativ jungen, unter Fachleuten, aber auch unter ganz normalen Eltern immer anerkannteren Erziehungsperspektive ist es, sich von jeglichen autoritären Mustern zu lösen. Kinder, so die bindungsorientierte Entwicklungsforschung, haben dann die besten Chancen, zu innerlich starken Menschen heranzuwachsen, wenn sie in den ersten Jahren vor allem Sicherheit und Bindung erfahren. Gibt es Schwierigkeiten in der Eltern-Kind-Beziehung, geht es immer darum, das Kind noch enger zu begleiten und seine individuellen Bedürfnisse zu achten. Einheitliche Erziehungsregeln oder gar Schlaf-, Essens- oder Trennungstrainings, wie sie in Elternschule gezeigt werden, sieht die bindungsorientierte Perspektive grundsätzlich kritisch. Die Folgen absichtlich herbeigeführter Stresssituationen seien nicht absehbar, Traumata jederzeit möglich.

Der Film beobachtet nur und kommentiert nicht. Kritiker werfen den Filmemachern mangelnde Einordnung der Therapiemethoden vor.

(Foto: mindjazz pictures)

"Ein Film wie Elternschule", sagt Renz-Polster, "tritt mit Füßen, wofür wir seit vielen Jahren kämpfen. Gleichzeitig triggert er jeden Reiz, auf den die bedürfnisorientierte Szene reagiert."

Auch sein Kollege Remo Largo, dessen "Babyjahre"-Bücher in fast allen deutschen Kinderzimmern stehen, hat Elternschule mittlerweile angesehen. "In drei Teilen, am Stück konnte ich es nicht aushalten", erklärt er am Telefon. "Mich beunruhigt, dass unsere Gesellschaft, inklusive vieler großer Medien, noch immer eine gewisse Bereitschaft zu haben scheint, die repressive Erziehungshaltung, die man in diesem Film sieht, gut zu finden. Ich sehe darin eine autoritäre Grundhaltung. Wollen wir so zusammenleben?"

Die ersten Rezensionen waren tatsächlich fast durchgängig positiv. "Für jeden, der selbst Kinder hat, ist der Film ein Muss", stand zum Beispiel in dieser Zeitung. Zuletzt wurde der Film für den Deutschen Filmpreis nominiert. Im Kino haben ihn bereits 30 000 Zuschauer gesehen, was viel ist für einen Dokumentarfilm.

Wie kann es sein, dass die Wahrnehmung dessen, was der Film zeigt, so weit auseinandergeht? Wie kommt es, dass die Regisseure, die im Umgang mit ihren Protagonistinnen und Protagonisten so feinfühlig arbeiten, so verständnislos vor dem stehen, was mit ihrem Film passiert ist?

Das Thema Kindererziehung befindet sich in einem enormen kulturellen Wandel.

(Foto: mindjazz pictures)

Das Schließen der Facebookseite sehen Bücheler und Adolph im Nachhinein als zweischneidiges Schwert. Die Debatte verlagerte sich. Eine Petition gegen die "Ausstrahlung des Films Elternschule" erhält 22 000 Unterschriften. Auf der Kinotour kommt es immer wieder zu Störaktionen einzelner Gruppen, manchmal zwei, manchmal zehn Personen, die Flyer gegen den Film verteilen oder sich in die erste Reihe setzen, ein Grundgesetz hochhalten und "Haben Sie das gelesen?!!" schreien. Therapieleiter Langer, der auf der Tour dabei ist, muss das Kino durch den Hinterausgang verlassen. Irgendwann hat er keine Lust mehr, sich beschimpfen zu lassen. Die Tour wird abgebrochen. "Die Leute wollten uns vor allem persönlich angreifen. Die hatten gar kein Interesse daran, sich auszutauschen. Ich wollte dem kein Forum mehr geben", sagt Langer heute. Alle Fachleute, von denen Kritik kam, habe er hingegen eingeladen, sich seine Arbeit vor Ort anzusehen. Er mache das schließlich seit einigen Jahren. Und könne vor Ort zeigen, wie gut es funktioniert.

Der Kinderarzt Renz-Polster nahm diese Einladung an. Er wollte ebenfalls reden. Und fuhr nach Gelsenkirchen. "Eine unbefriedigende Reise", sagt er heute. "Erst haben sie mir erklärt, dass sie nur missverstanden wurden. Und dann haben sie mich in die Tonne getreten, weil ich angeblich die Horde auf sie gehetzt hätte. Fragen danach, warum ich ihre Arbeit schwierig finde, haben sie keine gestellt."

Und so kommt es, wie so oft, dass alle Beteiligten in dieser Debatte zwar vorgeben, zuhören zu wollen, am Ende aber freilich vor allem selbst reden möchten.

Wobei Ralf Bücheler und Jörg Adolph im grünen Münchner Innenhof so aussehen, als ob sie das eigentlich beides nicht mehr wollen: nicht mehr zuhören. Aber auch nicht mehr allzu viel reden. Sie sind müde, sie verstehen die Welt nicht mehr.

Es gab mal eine Zeit, da konnte man Filme machen, die einen kleinen Ausschnitt der Welt einfingen und abbildeten. Ein dokumentarfilmaffines Publikum sah diese Filme, freute sich an den genauen Einblicken und ging danach noch ein Eis essen. Heute erreicht ein Film wie Elternschule auch all jene, die sich womöglich selten einen Dokumentarfilm anschauen - aber das Thema Kindererziehung mit viel Leidenschaft als ein sehr grundsätzliches begreifen. Als ein Thema, das sich in einem enormen kulturellen Wandel befindet. Und für dessen Richtung sie kämpfen. Dass die Filmemacher diesen Wandel nicht mitbekommen haben und sich bis heute wehren, das Grundsätzliche darin zu sehen, das könnte das eigentliche Missverständnis in dieser Debatte sein.

Elternschule, Das Erste, Mittwoch, 22.45 Uhr.

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