Letzte Folge der "Ellen DeGeneres Show":Seid lieb zueinander!

Lesezeit: 4 min

Letzte Folge der "Ellen DeGeneres Show": Ausgetanzt: Ellen DeGeneres brachte in ihrer Show auch Barack Obama zum Tanzen und Reden.

Ausgetanzt: Ellen DeGeneres brachte in ihrer Show auch Barack Obama zum Tanzen und Reden.

(Foto: Mandel Ngan/AFP)

Am Donnerstag wurde die letzte Folge der "Ellen DeGeneres Show" ausgestrahlt. In den 19 Jahren hat Ellen bewiesen, dass das im sarkastisch-satirischen Amerika auch geht: lustig und freundlich sein.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Am Ende, als ohnehin schon alle weinten, da sagte Ellen DeGeneres noch ein paar wichtige Worte. Es war die letzte Folge der nach ihr benannten Lifestyle-Show, deren Motto 19 Jahre lang gelautet hatte: Be kind! Das klingt so einfach: gütig, gnädig, mitfühlend zu sein; doch wem gelingt das schon, gerade heutzutage in einem gesellschaftlichen Klima, das sehr oft das Gegenteil von "kind" provoziert?

"Wenn ich in diesen 19 Jahren eines geschafft habe, dann hoffentlich dies", begann Ellen - jawohl, es reicht, einzig den Vornamen zu nennen; sie gehört zu den wenigen Menschen auf diesem Planeten, die so berühmt sind, dass der Vorname auch eine Marke ist: "Ich hoffe, dass ich euch dazu ermutigt habe, dass ihr wirklich ihr selbst seid. Und dass ihr, sollte jemand tapfer genug sein, euch zu sagen, wer sie wirklich sind, mutig genug seid, diese Person zu unterstützen - auch wenn ihr es nicht unbedingt versteht. Indem ihr euer Herz öffnet und euren Horizont erweitert, werdet ihr zu einfühlsameren Menschen; und das sorgt dafür, dass die Welt ein besserer Ort wird."

Ellen sprach über die Welt, aber natürlich sprach sie auch über sich selbst. Ellen ist auch deshalb eine Marke, weil sie ist, wer sie ist; weil sie dafür gekämpft hat, sein zu dürfen, wer sie ist. Ihr Einfluss auf die amerikanische Popkultur, aber auch auf die Gesellschaft, er könnte größer kaum sein.

"Als ich angefangen habe, war das Wort 'schwul' im TV verboten", sagte Ellen nun, die seit 2008 mit Partnerin Portia de Rossi verheiratet ist: "'Ehefrau' durfte ich keinesfalls sagen, gleichgeschlechtliche Ehe war ja verboten - ich durfte noch nicht einmal 'wir' sagen, weil das ja ein Hinweis darauf gewesen wäre, dass ich eine Partnerin habe." So war das damals, als Ellen nach ihren Anfängen in der Stand-up-Szene (sie war 1986 die erste Frau, die in der Late-Night-Show von Johnny Carson nach ihrem Auftritt auch interviewt wurde) eine eigene Sitcom bekam - die abgesetzt wurde, weil sie ihre Homosexualität 1998 im Magazin Time öffentlich machte.

Jennifer Aniston war 20 Mal zu Gast, die Obamas führten Tänze auf, Missy Elliot sang ein Duett mit einem Fan

In der New York Times stand damals: "Die Chefs vom TV-Sender ABC wollten, dass sich nicht jede Folge ums Schwulsein dreht; und irgendwann beschlossen sie, dass es aufgrund dieses Inhalts ein Hinweisschild für die Zuschauer brauchen würde." Wer heute 1990er-Jahre-Sitcoms guckt, in den USA laufen sie in Endlosschleife, der dürfte bemerken, wie normal Homophobie und Misogynie damals waren. Es habe 2003 auch Vorbehalte gegen die Nachmittags-Lifestyle-Show gegeben, wie Ellen nun sagt: "Nicht, weil die Show anders war, sondern weil ich anders war."

Um es kurz zu machen: Die Show war ein gigantischer Erfolg, die Folge am Donnerstag war die 3280. - Gast wie schon bei der ersten Episode im September 2003: Jennifer Aniston. Die scherzte auf die Frage, was sie denn beim Ende der Sitcom Friends getan habe, in Anspielung auf die Trennung von Brad Pitt: "Ich habe mich scheiden lassen und mich in psychiatrische Behandlung begeben." Über Ellen sagte sie: "Es ist unglaublich, welchen Beitrag du geleistet hast."

Ja, The Ellen DeGeneres Show war ein Format, in dem sich Promis wohlfühlten: Aniston war insgesamt 20 Mal zu Gast, Michelle und Barack Obama führten Tänze auf, Missy Elliot sang ein Duett mit einem Fan. Es traten aber auch ganz normale Leute auf, die was Besonderes konnten und deshalb berühmt wurden, legendär waren Geschenke ans Publikum und Spenden an Bedürftige - insgesamt kamen in den 19 Jahren mehr als 450 Millionen Dollar zusammen. Auch Ellen wurde reich, in den vergangenen Jahren verdiente sie jährlich knapp 60 Millionen Dollar.

"Es ist kompliziert, als Be-kind-Lady bekannt zu sein."

Ellen bewies im satirisch-sarkastischen Amerika, geprägt von Witzen über so ziemlich alles, das anders war die männlich-weiß-heterosexuell dominante Gesellschaft, dass man lustig und lieb sein kann; und dass Begabung in der Entertainmentbranche wichtiger ist als Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Neigung. Das Motto dabei stets: Be kind! Das wurde ihr 2020 beinahe zum Verhängnis, als bekannt wurde, dass es bei der Produktion der Show nicht immer nett zuging; es gab Berichte über ein feindseliges Arbeitsklima. Die Vorwürfe gingen nicht gegen sie, aber sie war nun mal das Gesicht, der Name, die Marke. Sie entschuldigte sich, feuerte hochrangige Mitarbeiter, und sie sagte: "Es ist kompliziert, als Be-kind-Lady bekannt zu sein."

Ellen ist 64 Jahre alt - zu früh für die Rente. "Seht es als kleine Pause", sagte sie während dieser letzten Show: "Ihr dürft nun andere Sendungen gucken, ich darf was Neues probieren." Musikerin Pink sang noch mal den Titelsong "Today's the Day", den sie extra für Ellen geschrieben hatte. Die sagte: "Ich will, dass es euch möglich sein wird, dass ihr andere Leute glücklich macht und dass ihr Gutes tut; dass ihr das Gefühl habt, eine Bestimmung zu haben im Leben."

Dann setzte sie sich auf ihre Couch und schaltete den Fernseher aus. Die Bühne schloss sich, zu sehen war nur ein Wort, das als Synonym gilt für eine Person, die ist, wie sie ist; die dafür kämpft, dass sie sein darf, wie sie ist; und die sich einsetzt dafür, dass die Leute ein bisschen netter zueinander sind. Es stand da nur: Ellen.

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