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ARD-"Framing Manual":"Ich habe noch nie einem Kunden vorgeschrieben, was er sagen soll"

Elisabeth Wehling zu Gast in der M Lanz ZDF Talkshow am 2 11 2016 in Hamburg M Lanz ZDF Talksho

Die Linguistin Elisabeth Wehling, 37, schrieb im Jahr 2016 ein Buch, das in Politik und Medien seitdem oft zitiert wird: "Politisches Framing. Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - und daraus Politik macht."

(Foto: imago)

Elisabeth Wehling hat das umstrittene ARD-Papier erstellt. Ein Gespräch über interne und öffentliche Begriffe.

Hätte man auch nicht gedacht: dass das halbe Land einmal aufgeregt einen Begriff namens "Framing" diskutieren würde. Gemeint damit sind Denkrahmen, die manche Wörter vorgeben. Den Anlass gab ein Handbuch, das die Linguistin Elisabeth Wehling der ARD schrieb - in dem etwa für kommerzielle Medien der Ausdruck "medienkapitalistische Heuschrecken" vorkam.

SZ: Frau Wehling, bereuen Sie es, das Handbuch geschrieben zu haben?

Elisabeth Wehling: Ich habe vor zwei Jahren ein internes Beratungspapier von knapp 90 Seiten erstellt. Das ist jetzt in die Öffentlichkeit gebracht worden, einzelne Stellen wurden dabei aus dem Zusammenhang gerissen und für eine Skandalisierung genutzt. Das ist natürlich unschön.

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Aber auch WDR-Intendant Tom Buhrow geht auf Distanz. Er sagt, er lasse sich seine Wortwahl nicht vorschreiben. Von ihm werde man "keine schlechten Beleumundungen" der Privatsender hören.

Da kann ich ihn beruhigen. Ich habe noch nie einem Kunden vorgeschrieben, was er sagen soll. Das Papier ist eine Diskussionsgrundlage für die ARD, nicht weniger, nicht mehr.

Die "medienkapitalistischen Heuschrecken" werden an Ihnen kleben bleiben.

Arbeit für einen Kunden ist intern. Deshalb kann ich dazu nicht viel sagen.

Das Wort ist nun mal in der Welt.

Und es als Sprachanweisung für die ARD zu interpretieren, ist schlicht falsch. Es gibt seit Jahren Kampfbegriffe, die gegen die Öffentlich-Rechtlichen verwendet werden. Die wurden analysiert. Und anschließend wurde diskutiert, dass man etwa globale Konzerne ebenso mit Begriffen belegen könnte - die dann das Denken über sie lenken würden.

Mehr nicht?

In der Framing-Arbeit geht es darum zu zeigen: Was steckt hinter Wörtern? Was macht Sprache mit dem Denken? Sagt man immer das, was man meint? Nehmen wir ein ganz anderes Thema: Steuern. Manche finden Steuern eher schädlich, andere wollen mehr Steuern. Sie wenden also unterschiedliche Bewertungen auf den Fakt "Steuern" an. Aber dies spiegelt sich in der Sprache nicht wider. Man spricht, über die Bank hinweg, von "Steuerlast" oder von "steuerfrei". Eine Last ist etwas Negatives, und befreit werden kann man auch nur aus einer negativen Lage. "Geldfrei" würde keiner sagen. So suggerieren alle, dass Steuern etwas Schädliches sind. Man sollte jedoch dafür sorgen, seine Sicht der Fakten für seine Mitmenschen begreifbar zu machen. "Steuerlast" sollten jene sagen, die Steuern als Last empfinden. Wer das nicht tut, sollte es auch nicht über seine Sprache suggerieren. Und eben anders sprechen.

Im "Spiegel" h at diese Woche ein Politologe Ihr Anliegen spöttisch so zusammengefasst: Ab jetzt wird zurückgefram t.

Großes Missverständnis. Es geht darum, dass sich gedankliche Vielfalt zu ein und denselben Fakten in sprachlicher Vielfalt spiegeln sollte. Anders gesagt: Was man denkt, sollte man auch sagen. Nur so können wir konstruktiv streiten.

Ihre Grundthese ist, rein an Fakten orientiertes Denken gebe es nicht. Dazu schrieb uns ein Leser, der in der Forschung und Entwicklung arbeitet: Dort sei es gelebte Realität, allein nach genauer Bewertung der Fakten zu entscheiden.

Ich verstehe das Bestreben. Aber hätte Ihr Leser Recht, würde dies bedeuten, dass alle Menschen aus denselben Fakten dieselben Schlüsse zögen. Dass dies nicht so ist, erleben wir doch jeden Tag. Permanent werden Fakten wertend eingeordnet. Es ist ein Fakt, dass am Nordpol Eis schmilzt. Auf der Grundlage kann ich zwar von "Klimawandel" sprechen. Ein Wandel kann aber positiv oder negativ sein. Will ich indes zum Ausdruck bringen, dass dies gefährlich ist, sage ich besser "Klimakrise". Damit ordne ich das Faktum ein.

Der Leser überschätzt sich also?

Das nicht. Aber die Vorstellung, dass wir die Welt rein objektiv begreifen können, ist durch breite Forschung widerlegt. In einer Studie hat man einmal Probanden in zwei Gruppen aufgeteilt. Der Gruppe A wurde gesagt, bei einer bestimmten Operation betrage die Überlebensrate 90 Prozent. Der Gruppe B wurde gesagt, das Sterberisiko betrage zehn Prozent. In beiden Fällen wurde also unbewusst ein Frame gesetzt - ohne den man ja auch nicht kommunizieren kann. Fragen Sie Ihren Leser, wie es ohne die Wörter "Überleben" oder "Sterben" hätte gehen sollen. Nur: Mit der Wahl des Wortes geben Sie den Denkrahmen vor. Und Sie können sich denken, in welcher der beiden Gruppen die Zustimmung zu der OP höher war.

Viele Menschen hat auch ein Slogan in Ihrem Papier empört: "Kontrollierte Demokratie statt jeder, wie er will." Warum empfehlen Sie so etwas? Jeder denkt dabei an Einschränkungen der Demokratie.

Noch einmal: Einzelne Schlagwörter in einem Papier mit knapp 90 Seiten waren nur für die interne Diskussion vorgesehen.

Aber jetzt kennt es nun mal jeder. Also erklären Sie's lieber.

Wenn man den Kontext nicht kennt, in dem damals in den Workshops mit Verantwortlichen der ARD diskutiert wurde, kann man auch einzelne Schlagwörter nicht einordnen. Zugleich kann ich jedoch nicht hier in der Öffentlichkeit interne Debatten mit Kunden wiedergeben.

Sie haben 120 000 Euro Honorar erhalten. Warum haben Sie und die ARD sich entschlossen, den Betrag zu nennen?

(Atmet tief durch.) Auch die Honorarfrage ist letztlich keine öffentliche. Hier wurde entschieden, nachdem die Arbeit in der Sache publik wurde, auch das Honorar öffentlich zu machen.

Wie lange haben Sie dafür gearbeitet?

Es gab eine Reihe von Workshops, ich habe das Papier auf Basis der Arbeit mit dem Kunden erstellt. Darin wurden Inhalte aus den Workshops aufgegriffen, zusammengefasst und widergespiegelt. Der Prozess lief über mehrere Monate.

Was heißt "mehrere"?

Die Arbeit fand 2017 über mehrere Monate statt. Wie das ARD-Generalsekretariat ja mitgeteilt hat, belief sich die reine Projektarbeit auf 90 000 Euro. Weitere 30 000 Euro betreffen weiterführende Workshops.

Aber Sie können verstehen, dass da viele Gebührenzahler finden: schicker Betrag.

Wir reden hier über eine Vergütung für eine mehrmonatige Arbeit.

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Auf dem Briefkopf Ihres ARD-Papiers steht: Berkeley International Framing Instititute. Unter einem Institut stellt man sich etwas mit Büros, Mitarbeitern, Rechnern und vielleicht Labor vor. Ist es das?

Es ist eine Marke, unter der ich berate.

Also es besteht aus Ihnen.

Die Uni weiß davon: von der Tätigkeit und von der Verwendung der Marke. Und die Kunden wissen es auch. Sie werden nicht einen Kunden finden, der annimmt, dass ich aus der Universität Berkeley heraus berate. Meine Beratung ist natürlich auch kein wissenschaftliches Gutachten.

Sondern?

Ich berate auf der Grundlage meiner wissenschaftlichen Kenntnis. Es wundert mich, dass mancherorts nun behauptet wird, ich hätte der ARD ein wissenschaftliches Gutachten geschrieben. Es enthält noch nicht einmal Fußnoten. Damit müsste eigentlich jedem schnell klar sein, dass hier kein wissenschaftlicher Text vorliegt.

Warum beraten Sie nicht einfach als Elisabeth Wehling, sondern als "Institute"?

Dazu möchte ich erläutern, wie die Marke eigentlich entstanden ist: Vier Forschungskollegen und ich bekamen immer wieder Anfragen aus Deutschland, unsere Erkenntnisse zu vermitteln. Also haben vier US-Forschungskollegen und ich vor gut zwei Jahren diese Marke gegründet. Dann wurde schnell klar, dass sich die vier Kollegen für Beratung in Deutschland nicht berufen oder kompetent fühlten. Also habe ich alleine weitergemacht. Die Marke war ja da.

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