Ein Jahr Recherchebüro "Correctiv" Ein bisschen Größenwahn

Es sind wohl Sätze wie diese, wegen derer Schraven hin und wieder "Größenwahn" unterstellt wird - durchaus respektvoll gemeint. Wenn er von einem Projekt überzeugt ist, tritt er nicht bescheiden auf. Wie zum Beispiel von der Sache mit den Sparkassen: Mit Hilfe von Lesern will Correctiv die Geschäftsberichte von Sparkassen in allen Regionen Deutschlands systematisch durchleuchten. Die Unterstützer von Correctiv will das Büro so zu Co-Rechercheuren ausbilden, ihnen dafür auch die richtigen Online-Instrumente an die Hand geben. Und dann die fertigen Geschichten wiederum an Lokalzeitungen verschenken. "Wir können das, wir machen das", sagt Schraven.

Er ist so einer, dem wirklich neue Dinge einfallen, von denen er so begeistert erzählt, dass man am liebsten mitmachen möchte: sein Herzensprojekt "Weiße Wölfe" zum Beispiel, eine Comic-Reportage. Die wurde als Buch im Correctiv-Verlag veröffentlicht, inzwischen ist die dritte Auflage erschienen. "Daraus ist eine Ausstellung geworden, mit der touren wir durch Deutschland", sagt Schraven. Als nächstes soll die Reportage zu Unterrichtsmaterial werden, außerdem schreibt er gerade an einem Theaterstück. "Um Leute zu erreichen, die ich mit normalen Mitteln nicht erreiche, muss ich mir immer neue Formen ausdenken."

Ist das noch Journalismus?

Das hat Correctiv auch beim Thema MH17 versucht: Im Zuge der Recherchen sei den Reportern klar geworden, dass das Auswärtige Amt über die Gefahren im ukrainischen Luftraum Bescheid gewusst haben muss, sagt Schraven. Sie hätten die Behörde damit konfrontiert und keine Antwort erhalten. Also haben die Correctiv-Leute einen Text an die Außenfassade des Auswärtigen Amtes in Berlin projiziert: "298 Menschen starben beim Abschuss von Flug #MH 17 über der Ostukraine. Das Auswärtige Amt kannte Tage vorher die Gefahren für Passagierflugzeuge. Warum haben Sie uns nicht gewarnt, Herr Steinmeier? Sie antworten nicht. Wir klagen auf Auskunft." Bilder davon verbreiteten die Journalisten über die sozialen Netzwerke.

Ist das noch Journalismus oder doch schon Aktivismus via Online-Pranger?, fragten da Kritiker.

Schraven findet: Das ist eine journalistische Form. "Ich muss mich doch fragen: Wie erreiche ich mit der Geschichte möglichst viele Leute?" Natürlich nur, wenn sie inhaltlich gedeckt sei - und in der MH17-Geschichte seien er und seine Reporter sich sicher. Die Klage gegen das Auswärtige Amt läuft momentan noch. Und Correctiv verspricht seinen Unterstützern: Wir bleiben dran.