"Ein Hauch von Amerika" in der ARD:"Ich hab eine Idee!"

Lesezeit: 4 min

Ein Hauch von Amerika (2)

Das Fräulein und der GI: Szene aus "Ein Hauch von Amerika".

(Foto: SWR/FFP New Media GmbH/Ben Knabe/SWR/FFP New Media GmbH/Ben Knabe)

Statt einer Kritik: Ein fiktives Protokoll aus der Drehbuchwerkstatt zur neuen ARD-Eventserie. Wie es gewesen sein könnte.

Von Willi Winkler

Die Süddeutsche Zeitung ist an ein brisantes Dokument gelangt. Es handelt sich um ein Tonbandprotokoll aus dem Writers Room der ARD. Versammelt waren dort die Drehbuchautoren Johannes Rotter, Jo Baier, Christoph Mathieu und Ben von Rönne. Sie hatten die Vorgabe, eine sechsteilige, netflixfähige und möglichst weltweit verkäufliche Serie zu schreiben, die von der Last der deutschen Geschichte handelt und dabei den Unterhaltungsfaktor nicht vernachlässigt. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes sind die Namen des jeweiligen Sprechers als A, B, C und D anonymisiert; die Verantwortung für "Ein Hauch von Amerika" tragen sie aber gemeinsam.

B: Wir brauchen ein Narrativ.

A: Luther vor dem Kaiser auf dem Reichstag?

B: Ist durch.

C: Die Geschwister Scholl, die Flugblätter im Lichthof der Universität, die Guillotine.

B: Gibt's mehrfach.

D: Fünfzigerjahre: Wirtschaftswunder, Ost gegen West, aber mit Petticoat und Rock 'n' Roll. Eine Tanzschule?

B: Gibt's schon, "Ku'damm 56". Aber deutsche Geschichte wäre wichtig, aus der Sicht der Menschen erzählt.

A: Eine Dorfchronik, vom Pferdefuhrwerk bis zum ersten Italienurlaub im Käfer.

B: Hatten wir. "Heimat" von Edgar Reitz.

A: War schwarz-weiß und viel zu lang. Wie wär's mit: Zwei deutsche Familien auf der einen Seite und auf der anderen die Amerikaner. Aber diesmal nicht die Befreiung 1945 mit gebügelten Uniformen, Hershey-Schokolade und Kaugummi, sondern ein paar Jahre später. In der Kaserne also schwarze und weiße Soldaten getrennt. Da holen wir die Leute beim Rassismus ab.

D: Die Deutschen sind noch bessere Rassisten und vermieten keine Zimmer an Neger. So wird ein Schuh draus!

A: Kann man das heute noch sagen - Neger?

D: Müssen wir sogar, wir haben einen pädagogischen Auftrag. Die haben damals so geredet, immer wieder das N-Wort, ganz schlimm.

B: Dann schreiben wir in den Vorspann, äääh: "Diese historische Miniserie enthält rassistische Sprache und andere Formen von Diskriminierung, welche die Lebenswirklichkeit zu Beginn der 1950er Jahre widerspiegeln ..."

C: Lebenswirklichkeit ist gut, dafür gibt's Sonderhonorar, aber nur mit dem Zusatz "... und heute immer noch existieren". Das ist doch genau der Gegenwartsbezug, den die Redakteure verlangt haben.

A: Ich dachte, es geht ums Narrativ?

B: "Narrativ ja, aber mit Flow." Hat die federführende Redakteurin ausdrücklich gesagt. Die Zuschauer haben ein Recht drauf, was zu sehen, was sie schon tausendmal gesehen haben!

D: Also?

B: Also: Zwei Welten, Deutsche und Amerikaner, Sieger und Besiegte, Konflikte, Korruption, Affären, die Schatten der Vergangenheit. Mit den Amis in der Pfalz ist für jeden was dabei: Goldene Fünfziger, Jazz, Nylons, die abenteuerlustigen Mädchen, die Amerikaner mit ihrem Geld, mit ihrer Musik. Da draußen ist eine neue Welt.

C: Merk dir den Satz, den brauchen wir.

D: Liebesgeschichte?

B: Das auch, aber besser. Wir kontrastieren die beiden Familien: Die eine ist arm, aber ehrlich. Kartoffelbauern, nur eine Kuh im Stall.

D: Nur eine?

B: Nur eine Kuh! Dazu: Wasser vom Brunnen, Außentoilette, Petroleumlampen. Das gibt schöne Chiaroscuro-Szenen, ich sag nur Kubrick.

D: Die andere wohnt in einem großen Haus, der Mann ist Bürgermeister, die Frau überfordert, die Tochter leichtlebig, ihre beste Freundin ist die Tochter vom armen Bauern. Der Sohn wird vermisst, aber ...

B: ... er kommt überraschend zurück. Traumatisierter Russlandheimkehrer.

A: Ich hab den perfekten Satz für ihn: "Ich glaube, du musst erst mal ankommen."

B: Okay, den sagt gleich mal seine Verlobte, die sechs Jahre tapfer auf ihn gewartet hat.

C: Und zack, erwischt er sie mit einem Ne... mit einem Schwarzen!

A: Das ist Fassbinder, "Die Ehe der Maria Braun".

B: Egal, kennt eh keiner mehr.

A: Und wie lernen sie sich kennen? Der Dings ... der Schwarze und das deutsche Mädchen?

B: Er fährt mit seinem Panzer aus Versehen in den Acker des Vaters.

A: Symbollek, ick hör dir trapsen!

B: Ich stell mir das sepiagetönt vor, also archaisch, die Frauen klauben Kartoffeln hinterm Pflug, bisschen Blut, bisschen Boden.

C: Der Schwarze ist ein ganz Lieber. Und der Deutsche ein Riesenarschloch. Brutalisiert durch den Krieg. Seine Verlobte muss sich entscheiden zwischen Liebe und Pflicht, zwischen dem Amerikaner und dem Deutschen.

D: Was wir auf jeden Fall brauchen, ist ein Nazi.

B: Der Bürgermeister.

D: Früher Ortsgruppenleiter, aber darüber wird im Ort nicht gesprochen, komplizenhaftes Schweigen.

A: Mein Gott, ich hab's: Der Nazi ist nicht bloß Bürgermeister, sondern auch der Bauunternehmer, er macht Geschäfte mit dem amerikanischen Oberst, der ...

C: ... eine frustrierte Frau hat, die trinkt, aber gutwillig ist und ...

A: ... und das Bauernmädchen neu einkleidet und ihm Nachhilfe in moderner Kunst gibt, Franz Marc, Picasso, das ganze Zeug.

B: Das Mädchen hat so eine Gretlfrisur, noch ganz Adolf-Ziegler-Schule. Bis dahin hat sie ihre Kuh gezeichnet, jetzt soll sie abstrakt werden, aber nicht plemplem. Damit hätten wir die re-education auch drin.

C: Aber das Narrativ, was ist das Narrativ?

B: Die Gretl heißt Marie, und ihre Freundin ist ein geiles Flittchen. Sie angelt sich einen Ami-Soldaten aus der Kaserne.

D: Einen Weißen aber.

C: Sie hofft, dass er sie mit nach Amerika nimmt.

D: Das wird nichts, aber sie wird schwanger und muss es geheim halten.

B: Die Abtreibung geht schief. Böse Sache.

A und C: Mann, gut!

D: Kann ich bitte trotzdem noch Lebenswirklichkeit haben? Was fehlt, ist ein bigotter Pfarrer, die sadistische Klosterschwester, die nette Hure, ein gefolterter Schwarzer und Freundschaftsverrat. So was in der Art.

A: Ich hab eine Idee. (Da er sie offenbar nur seinem Nachbarn ins Ohr flüstert, fehlt diese Passage in der Abschrift.)

B: Ost-Berlin??

A: Aber damit haben wir auch die neuen Länder im Boot. Ein Schleifchen für Haseloff. (kichert)

D: Ihr glaubt aber nicht im Ernst, den Quatsch kauft uns jemand ab?

"Ein Hauch von Amerika" mit Elisa Schlott, Reomy D. Mpeho, Franziska Brandmeier, Jonas Nay und Dietmar Bär; Regie: Dror Zahavi; befindet sich bereits in der Mediathek und läuft vom 1. Dezember an um 20.15 in der ARD.

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