Dschungelcamp und das "Leben danach":Nicht vom Jedermann zum Star, sondern vom Star zum Jedermann

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Jazzy versuchte das Camp als Entgiftungskur zu nutzen, und Ramona Leiß wurde nicht müde, sich als "Kämpfernatur" zu bezeichnen, die es "mit dem Dschungel aufnehmen" wolle. In ihrer engagierten Selbstanpreisung Richtung Zuschauer, doch bitteschön für sie abzustimmen, verwandelte sich die sichtlich angeschlagene Frau für wenige Sekunden wieder in die charmante Moderatorin von einst.

Dschungelcamp

Die Moderatoren Sonja Zietlow und Dirk Bach präsentieren sorgfältig durchkomponierte Texte, die von Jahr zu Jahr beleidigender werden. Unermüdlich werden die Bewohner für vogelfrei erklärt.

(Foto: RTL)

Wenn es im Reality-Format grundsätzlich darum geht, dass die Kandidaten durch das Fernsehen verändert werden (vom Unbekannten zum gefeierten Sänger oder Model, vom hässlichen Entlein zur Schönheit, vom Alleinstehenden zum Gebundenen), kehrt das Dschungelcamp dieses Prinzip der Modellierung um. Die Teilnehmer sind bereits in der Öffentlichkeit bekannt, und der Prozess, den sie im Camp durchlaufen sollen, ist eher eine Rückverwandlung: nicht wie sonst vom Jedermann zum Star, sondern vom Star zum Jedermann.

Prominenz im klassischen Verständnis bedeutete ja lange Zeit vor allem zweierlei: eine privilegierte Lebensführung und eine unnahbare Aura. Das Vergnügen an der Sendung besteht also für das Publikum darin, die konsequente Beseitigung dieser beiden Attribute mitzuverfolgen. Denn im Camp geht es um das genaue Gegenteil, um Nivellierung und Erdung.

Alle Kandidaten sollen sich mehr und mehr angleichen; aus einem Haufen narzisstischer Individuen wird ein uniformiertes, abgemagertes Kollektiv. Und die Unnahbarkeit der Stars verschwindet durch Experimente, in denen sie Schmerz, Angst und Ekel empfinden, also jene grundlegenden Eigenschaften, die ihre nackte Menschlichkeit am überzeugendsten ausweisen.

Genau in diesem Zusammenhang wird auch die Gehässigkeit von Dirk Bach und Sonja Zietlow verständlich, die in der aktuellen Staffel einen verblüffenden Grad angenommen hat. Dass Moderationstexte im Reality-Fernsehen eine derart zentrale Rolle spielen, ist ohnehin eine auffällige Ausnahme. In den Vorbildformaten wie The Real World, Big Brother oder Survivor gibt es so gut wie keine eingeschobenen Kommentare; das Leben der auf engem Raum zusammengeworfenen, unbekannten Menschen erzählt sich von allein. In der Dschungelshow dagegen müssen die dokumentarischen Szenen immer wieder von den Dialogen der Moderatoren umrahmt werden.

Jahr für Jahr beleidigendere Moderationen

Es sind sorgfältig durchkomponierte Texte, manchmal virtuos, von Jahr zu Jahr beleidigender. Warum diese Häme? Offenbar macht die Prominenz der Kandidaten eine solche Rahmung notwendig. Es reicht nicht aus, dass sich die Insassen im Camp-Alltag selbst darstellen und vielleicht sogar demontieren. Sie müssen in den Wortspielen von Bach und Zietlow, den Instanzen der Normalität im Camp, zudem unermüdlich für vogelfrei erklärt werden.

Die Macht dieser Anordnung zeigt sich darin, dass sich keiner mehr über eine wahrhaft seltsame Konstellation wundert: Ein knapp einsfünfzig großer, übergewichtiger Comedian im bunten Ganzkörperkostüm macht sich über die körperlichen Unzulänglichkeiten von Fotomodellen oder ehemaligen Profisportlern lustig.

Bemerkenswert am Dschungelcamp bleibt nach all den Jahren jedenfalls die scharfe Grenze zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen Bekenntnis und Schweigen. Denn so genau die Kameras und Mikrofone die schreckverzerrten Gesichter während der "Prüfung" und die Lebensbeichten am Lagerfeuer erfassen, so strikt blenden die Produktionsfirma Granada und der Sender RTL die Entstehungsbedingungen der Show aus. In den Verträgen ist festgeschrieben, dass die Kandidaten eine fünfstellige Konventionalstrafe bezahlen müssen, wenn sie nach ihrem Engagement Informationen über das Camp nach außen tragen.

Den langjährigen Creative Director von Granada, Uwe Schlindwein, der bis 2011 für die Zusammenstellung der Teilnehmer verantwortlich war, würde man gerne zu seinen Prinzipien der Auswahl befragen. Aber er erklärt am Telefon, dass er nichts über die Sendung sagen will. Und dann gibt es noch jenen Berliner Psychologen und Motivationscoach, den Giulia Siegel nach ihrem Auszug konsultieren musste.

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