Dschungelcamp:"Ich komm doch jetzt unsympathisch rüber, oder?"

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Dschungelcamp: Die Moderatoren des RTL-Dschungelcamps, Daniel Hartwich und Sonja Zietlow. (Archivbild)

Die Moderatoren des RTL-Dschungelcamps, Daniel Hartwich und Sonja Zietlow. (Archivbild)

(Foto: Stefan Gregorowius/dpa)

Die erste Folge Dschungelcamp beantwortet die große Frage: Warum tun sich Menschen das an? Und die noch größere: Wieso wird man (nicht) geliebt?

Von Nele Pollatschek

Wichtiger noch als die Frage "Wo geht es hin?" (Südafrika), oder "Wer ist dabei?" (Harald Glööckler; Anoushka Renzi; das bedingungslose Grundeinkommen zahlreicher plastischer Chirurgen), wichtiger sogar als "Was müssen sie runterwürgen? (Warzenschweinhoden; Kudu-Penis; keine Ahnung, musste selber würgen) ist die Frage: Warum tun Menschen sich das an?

Warum gehen Menschen, denen Kosmetik augenscheinlich wichtig ist, ohne Make-up an einen Ort, an dem sie ihr eigenes "Kacki" aus der Toilette kratzen müssen? Warum gehen Vegetarier wie Tina Ruland (bekannt aus Manta Manta und "200 anderen Sachen") in eine Sendung, in der neben Südafrikas begehrtestem Tofu eben auch Warzenschweinhoden auf dem Speiseplan stehen? Was treibt Menschen, die nach eigener Aussage an Höhenangst, Rücken und allgemeiner Jammerlappigkeit leiden, in eine Sendung, bei der der Untertitel "Holt mich hier raus" keine allzu überraschende Wendung ist.

Natürlich ist die Frage so alt wie das Dschungelcamp selbst (seit diesem Jahr 18, also volljährig). Und trotzdem drängt sie sich gerade in der ersten Folge dieser neuen Staffel auf. Die kränkelt zwar durch den ermüdenden Vorstellungsreigen bis dato ziemlich unbekannter Menschen ein bisschen an der Dramaturgie, geht dafür aber die großen Fragen an.

Und liefert zwei Antworten: die erste entwaffnend, die zweite ehrlich. Die entwaffnende bringt die Schauspielerin Anoushka Renzi, die, so viel steht nach der ersten Folge fest, von den Regiegöttern und der Persönlichkeitsfee zur Anti-Heldin dieser Staffel auserkoren wurde. Renzi beantwortet die Frage, was ihr der Dschungel bedeute, schnörkellos mit "gutes Geld." Und das nimmt man ihr ab, weil es so naheliegend ist. Immerhin, so heißt es, winken für zwei Wochen "kein Brot und Spiele" zwischen 40 000 Euro (Linda Nobat, Manuel Flickinger) und 250 000 Euro (Glööckler). Und dann gibt es da ja noch dieses Dschungelkönig-Preisgeld, auf das sich Anoushka Renzi allerdings sowieso keine Hoffnungen macht.

Die ehrliche Antwort liefert Glööckler, der, auch das scheint schon festzustehen, sehr gute Chancen auf das Krönchen hat und in jedem Fall den Titel "Dschungelqueen der Herzen" schon nach der ersten Folge kaum noch verspielen kann. Glööckler redet nicht von Geld, wobei er - mit oder ohne Krone - am meisten verdienen wird. Seine Entscheidung, nach mehrfachen Dschungel-Anfragen dieses Jahr zuzusagen, erklärt er so: "Dann kam die Pandemie. Du sitzt hier, findest nicht statt. Keiner sieht mich, was soll das werden?". Glööckler ist da, um gesehen zu werden - was bedeutet, um geliebt zu werden, oder was man dafür hält. Und irgendwie überrascht es nicht, bei einem, dem die Bedürftigkeit ins Gesicht tätowiert ist. So wie sie bei fast allen Teilnehmern physische Spuren hinterlassen hat.

Man kann Glööckler nicht verachten, weil er selbst nichts verachtet

Und so sagen die "Stars" auch alle ungefähr das Gleiche. Bitten nach markigen Sprüchen fast verlegen in die Kamera: "Lass uns das mal rausschneiden, das kommt scheiße, nicht, dass die Leute irgendwie denken, ich bin arrogant". Sagen: "Ich will nicht prahlen". Und erzählen dann vom Modelleisenbahnfahren mit Michael Jackson. Zählen alle Berühmtheiten auf, mit denen sie (angeblich) mal was hatten, in ihrer heißen Phase als "Teppichluderin". Oder: "Mir geht es auf keinen Fall ums Geld, mir geht es um mein Image". Und selbst Anoushka Renzi, vielleicht gerade Anoushka Renzi, kann nicht möchtegern-taff vom Geld sprechen, ohne sofort von dem anzufangen, um das es eigentlich geht: "Sag mal ganz ehrlich, ich komm doch jetzt unsympathisch rüber, oder?"

Ja, kommt sie. Und das ist die besondere Tragik des Formats: dass Menschen hineingehen, um sympathisch zu wirken und ihr Image aufzubessern, und, naja, es ist eben das Dschungelcamp. Und das ist die größte Dschungelprüfung von allen: Schafft man es, geliebt zu werden?

Auch hier gibt es zwei Antworten. Glööckler schafft es - auf eine Art, die allen, die selbst außerhalb des Dschungels geliebt werden wollen, zum Vorbild dienen kann. Nämlich mit dem ältesten Trick der Welt: indem er es ehrlich versucht. Unironisch und ohne doppelten Boden. Anfangs merkt man es nicht, man traut es ihm nicht zu - und das ist der größte Reiz des Formats, dass es Vorurteile eben nicht nur bestätigt, sondern mit ein paar gezielten Experimenten am lebenden Subjekt vollkommen ausräumt. Glööckler verblüfft, wenn er trotz Höhenangst von einem in einer Schlucht pendelnden Ball zum nächsten springt. Sich mit völlig klischeebrechender Kraft kurz vor dem Absturz doch wieder hochkämpft.

Selbst wenn er die Aufgabe nicht löst, knapp vor dem Ziel in die Tiefe stürzt, meistert er die wahre Aufgabe, die Zuneigung der Zuschauer zu erringen, alleine durch die Aufrichtigkeit des Versuchs. Man kann ihn nicht verachten, weil er selbst nichts verachtet: weder das Format, noch die Aufgaben, noch seine Mitspieler, die er an jeder Stelle ermutigt - ihnen zuruft, dass es nicht schlimm sei, wenn sie aufgeben, ausstrahlt, dass ihnen niemand böse wäre, vor allem er nicht. Spätestens, als er einen Kudu-Penis ohne jede Regung und mit besten Tischmanieren verspeist, hat er es endgültig geschafft. Er habe beim Essen an Queen Elizabeth gedacht, die sonstwas serviert bekommt und sich nichts anmerken lässt. "Ich halte es wie die englische Königin, bleib cool, bleib souverän". Er bleibt cool, er bleibt souverän, mehr als nur pompöös. Glööckler, ausgerechnet Harald Glööckler, lädt alles mit einer großen menschlichen Würde auf, sogar das Camp, selbst einen Kudu-Penis - und das schafft vielleicht nicht mal die Queen.

"Liebt mich trotzdem" bleibt ihr schreiender Subtext

Anoushka Renzi schafft es jedenfalls nicht, weder im Kleinen noch im Großen. Und das liegt, egal, was sie behauptet, nicht daran, dass sie es nicht will. Wie ein Schüler, der am Ende wenigstens noch sagen können möchte, dass er nicht gelernt habe, tröstet sie sich über ihr Scheitern, indem sie es gar nicht erst versucht. Erklärt ausgiebig, dass sie als zickig gelte, als schwierig, "bin ich aber nicht", sagt sie. Oder dass sie nicht als Mobberin gesehen werden will, nur sei sie eben kein Schaf. Sie weiß bereits zuvor, dass sie nicht sympathisch rüberkommen wird. Und weil sie ohnehin niemand liebt, versucht sie gar nicht erst, liebenswert zu sein. "Liebt mich trotzdem" bleibt ihr schreiender Subtext.

Doch der wird nicht gehört. Am Ende der Folge ist Renzi eine von zwei Personen, die die Moderatoren in die engere Wahl für die Dschungelprüfung nehmen. Die andere ist Glööckler. Eine interessante dramaturgische Entscheidung, da jedem Zuschauer klar ist, dass Glööckler diesen Beliebtheitswettbewerb nicht verloren haben kann. Andererseits könnte hier sowieso keine "Wer wird's?"-Spannung aufkommen. Sogar die Kontrahenten wissen, dass es Renzi werden wird. Und sie wird's. Sie ist nicht überrascht, trotzdem enttäuscht. Schaut wie ein trotziges Kind, dann unendlich traurig, lächelt die Tränen erst weg, dann nicht mehr.

"Ist alles ok. Alles ok. Ist alles gut," sagt sie. Und nichts ist gut. Nicht wegen der lächerlichen Prüfung, sondern wegen der ernsten Sache mit der Liebe. Man würde sie in den Arm nehmen wollen, schaffte man es nur für einen Moment, darüber hinwegzusehen, dass sie so unsympathisch ist. Glööckler schafft auch das, nimmt sie in den Arm, "und wenn du's nicht kannst, sagst du, du kannst es nicht. Alles gut." Vielleicht ist es das, wenigstens für einen kurzen Moment.

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