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Dschungelcamp-Finale:Dankbar für jede Demütigung

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13 Sekunden für die Ewigkeit - oder zumindest die TV-Annalen: Evelyn Burdecki, Dschungekönigin 2019, stürzt in ihrer finalen Prüfung ein Glas "Dschungelbier" (Hauptbestandteil: Kuhurin) hinunter.

(Foto: TV Now/Stefan Menne)

Evelyn Burdecki ist Dschungelkönigin 2019. Der Reality-TV-Profi steht für die neue Generation Dschungelcamper: anonyme Aufmerksamkeitssuchende.

Am Ende ergeht es Bastian Yotta wie dem geistigen Vater des Like-Buttons: Er bereut seine eigene Er­fin­dung. Der Selfmade-Selbstdarsteller hatte seinen Mitbewohnern im RTL-Dschungelcamp das Konzept des Miracle Mornings nahegebracht. Ein Ritual fürs eigene Ego: "I am strong, healthy, and full of energy!" Wie der digitale Daumen sollte auch der Yotta'sche Selbstverge­wisserungs­­slogan die Welt ein bisschen besser machen. Doch er führt direkt in eine bedenkliche psychische Abhängigkeit. So verspricht Schlagersänger Peter Orloff Bastian nach dessen Dschungel-Aus, den Mor­gen auch weiterhin magisch zu beginnen. Der Yotta lächelt - es ist die gequälteste Mimik der kompletten Staffel. Ganz ohne Ekelprüfung.

So beginnt das Finale der 13. Ausgabe von Ich bin ein Star - Holt mich hier raus! mit einer Parabel auf die Machtlosigkeit des Menschen im medialen Raum. Teilnehmer von Formaten wie dem Dschungelcamp können sich nicht aussuchen, was bei ihrem Publikum hängenbleibt. Das kann nur RTL. Und zum Schluss gewinnt nicht der, der denkt, er könne anderen seine Selbstoptimierungs­ethik aufzwingen. ( Tatsächlich war Yotta bereits kurz vor dem Finale ausgeschieden; dass er in der letzten Show überhaupt noch Bildschirmzeit bekommt, verdankt er der RTL-Sendelogik.) Nein, es gewinnt die, die ihr Selbst den Gesetzmäßigkeiten des Realityfernsehens unter­wirft. Die dankbar jede Demütigung annimmt. Und mit einem anrührend naiven Enthusiasmus alles aufisst, was ihr RTL auftischt. Buschschweinlunge, Lammhirn, einen lebendigen Skorpion, Kamelpenis und ein "Dschun­gel­bier" mit Kuhurin. Es gewinnt: Evelyn Burdecki.

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Die 30-Jährige darf sich zur Belohnung nicht nur über den Titel "Dschungelkönigin 2019" und jede Menge neue Follower in den sozialen Medien freuen. Sondern auch über 100.000 Euro - RTL hatte erstmals eine Gewinnprämie ausgelobt. In Wahrheit ist es der Mindestlohn für 16 Tage Maloche im Paradebau von Murwillumbah. Es galt, sich "authentisch" zu präsentieren. Streits zu provozieren. Dramen zu inszenieren. Auch das Publikum einer Trash-TV-Sendung ist schließlich anspruchsvoll. Es erwartet, unterhalten zu werden. Manch einer ist so angeknipst, dass er gar nicht mehr abschalten kann. "Currywurstmann" Chris Töpperwien, der ebenfalls am Vortag den Abmarschbefehl zurück ins Hotel bekommen hatte, sagt noch im Gehen: "Ich hoffe, das kommt auf der Kamera ganz gut?"

"I am strong, Hilti, and full of energy!"

So angestrengt wirkte Evelyn nie, sie ließ das Triviale stets leicht aussehen. Den Motivationsmumpitz von Bastian Yotta unterbot sie noch. Und dass dabei eine Bohrmaschine eine Rolle spielt, ist ausnahmsweise nicht symbolisch. Burdecki brauchte kein schweres Gerät, um in die Untiefen der Fernsehunterhaltung vorzudringen. Sie sagte: "I am strong, Hilti, and full of energy!"

Apropos Schlagkraft. Im Finale verweist Evelyn einen jungen Schauspieler (Felix van Deventer, größter Hit: Gute Zeiten, schlechte Zeiten) und einen in die Jahre gekommenen Schlagersänger (Peter Orloff, größter Hit: "Ein Mädchen für immer") auf die Plätze zwei und drei. Und das, obwohl in Burdeckis finaler Dschungelprüfung nicht alle Innereien auch drinnen bleiben. Sie holt nur drei von möglichen fünf Sternen. Für ihre Mitfinalisten eine willkommene Gelegenheit, sich selbst zu positionieren - als die verdienteren Gewinner. Doch es geht in einem Wettbewerb eben nicht immer um Leistung. Sondern manchmal auch darum, eine Niederlage charmant zu verkaufen.

Evelyn sagt: "Dafür, dass ich das ausgebrochen habe, habe ich das jetzt gut gemacht!" Und beweist damit etwas viel Siegentscheiden­deres als einen starken Magen: eine natürliche Liebenswürdigkeit.

Wobei ihre Konkurrenten im Camp bis zum Schluss rätselten, wie echt Evelyn ist. Ist sie wirklich keine große Leuchte? Oder stellt sie ihr Licht gekonnt unter den Scheffel? Peter Orloff für seinen Teil findet, sie hätte das Lammhirn mal besser bei sich behalten - "das hilft". Aus Zuschauersicht ist die Frage der Authentizität längst nachrangig. RTL legt seit Jahren ganz freimütig die Inszenierungsmechanismen des Realityfernsehens offen. (Man erinnere sich an die gestellte Naturpool-Züngelei von Indira Weis und Jay Khan 2011.) Das Publikum weiß, dass es beim Dschungelcamp keine Wahrhaftigkeit erwarten darf, dafür aber eine gute Show. Und die liefert Evelyn Burdecki. Ob sie nun ein sympathisches Dusselchen ist, das unfreiwillig von Lacher zu Lacher stolpert. Oder eine talentierte Reality-TV-Darstellerin.

Noch nicht mal anständige Buchstabenprominenz findet sich auf der Teilnehmerliste

RTL könnte sich mit ihrem Sieg darin bestärkt sehen, das "Star" im Sendungstitel weiter aufzuwei­chen. Eine Brigitte Nielsen - Buschbewohnerin in den Jahren 2012 und 2016 - sucht man vergeblich auf der diesjährigen Teilnehmerliste. Es findet sich noch nicht mal Buchstabenprominenz vom Kaliber einer Tatjana Gsell (2018). Stattdessen im Camp-Kader: jede Menge ehemalige Kandidaten anderer Reality-TV-Formate. Bastian Yotta ( Die Yottas!, Adam sucht Eva - Promis im Paradies), Chris Töpperwien ( Goodbye Deutschland, Das Sommerhaus der Stars), Gisele Oppermann ( Germany's Next Topmodel), Domenico de Cicco ( Der Bachelor, Bachelor in Paradise). Und eben Evelyn Burdecki. Die hatte vor dem Dschungel Engagements in diversen hauseigenen Kuppelshows und ließ sich 2017 von Sat.1 ins Promi Big Brother-Haus schicken.

Für den Sender sind Kandidaten, denen Schamlosigkeit nicht erst mühsam antrainiert werden muss, dankbar. Sie sind qua mangelnder Bekanntheit günstig im Einkauf, und wissen, sich danebenzubenehmen. Das bringt schließlich Sendezeit und hilft dabei, ein paar mehr Leuten ein Begriff zu sein. Allerdings bergen Vertreter der anonymen Aufmerksamkeitssuchenden auch eine Gefahr: die nämlich, dass sie das Format irgendwann mit in den Abgrund der medialen Bedeutungslosigkeit ziehen. Von dort sind die Töpperwiens, Oppermanns und de Ciccos gekommen und dorthin sinken sie nach den Tagen des Dschungels zurück. Oder wie es Bastian Yotta in Richtung seiner Mitcamper formuliert: "Sobald ich raus bin, werde ich nicht mehr groß an euch denken."

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