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Autor Schünemann über das Phänomen Soap:"Der Zuschauer findet alles andere dann einfach doof"

Süddeutsche.de: Ist für Schauspieler die Soap eher Chance oder Sackgasse?

Schünemann: Für manche ist es ein Sprungbrett, für Alexandra Neldel war "Verliebt in Berlin" das auf jeden Fall. Oder denken Sie an Yvonne Catterfeld und Jeanette Biedermann. Umgekehrt ist es natürlich schwierig, bekannte Schauspieler zu verpflichten, denn die sind dann für andere Rollen gesperrt oder können nur ganz schwer etwas anderes annehmen zwischendurch.

Süddeutsche.de: Werden nicht viele verheizt? Bekommen Sie mit, was aus den Schauspielern wird, die aussteigen, die rausgeschrieben werden, die den Serientod sterben müssen?

Schünemann: Es ist oft auch so, dass die Leute dann die Schnauze voll haben. Es gibt manche, die danach auf Schauspielschulen gehen. Oder in die Werbung. Oder in ganz andere Berufe. Immerhin haben die Darsteller dann einen Bekanntheitsgrad. Natürlich kann es passieren, dass andere auf sie heruntersehen und sie nicht besetzen. Aber vielleicht ist das Image doch nicht so schlecht. Die Serienschauspieler sind viel gewöhnt. Bei diesem Produktionstempo, da schlackern andere ja nur mit den Ohren. Manchmal tauchen sie dann doch anderswo wieder auf.

Süddeutsche.de: Nicht nur Darsteller, auch viele Szenen in Soaps wirken austauschbar. In Ihrem Krimi lassen Sie eine Schauspielerin sagen, das Problem sei nicht, den Text zu lernen, sondern ihn wieder loszuwerden - um ihn nicht an der falschen Stelle wieder aufzusagen.

Schünemann: Das hat eine Schauspielerin, die schon lange dabei ist, tatsächlich in einem Interview so gesagt, die Darstellerin von Elisabeth von Lahnstein aus "Verbotene Liebe". Da wäre ich selbst gar nicht drauf gekommen, aber ich konnte es sofort nachvollziehen. Die müssen so viel Text lernen und die Szenen und Konstellationen ähneln sich zum Teil so sehr, da müssen sie aufpassen, dass sie nicht in eine alte Szene reinrutschen.

Süddeutsche.de: Woran liegt es denn, dass sich die Szenen ständig ähneln?

Schünemann: Die Erzählweise der Soap ist nun mal sehr kleinteilig. Da passiert das fast zwangsläufig, dass es Textstellen gibt, die so in früheren Folgen schon einmal ähnlich gesagt wurden. Zumal Geschichten ja immer mal ein paar Folgen liegen bleiben und dann wieder aufgenommen werden. Da muss man im Dialog "recapen", also erzählen, was passiert war, damit sich der Zuschauer, der vielleicht auch mal die eine oder andere Folge verpasst hat, sich erinnert.

Süddeutsche.de: Sie waren mit einer kleinen Unterbrechung von Anfang bis Ende bei "Verliebt in Berlin" dabei. Diese Serie wurde nach der zweiten Staffel abgesetzt. Was lief damals schief?

Schünemann: Bei "Verliebt in Berlin" hat man gesehen, dass man die Versprechen an die Zuschauer halten muss. Das war ja - im Gegensatz zu potentiell endlosen Serien wie GZSZ - als Telenovela angelegt, als eine große Geschichte. Und wenn diese Geschichte erzählt ist, ist sie eigentlich vorbei. Als Autoren hatten wir uns damals eine Unterbrechung gewünscht, wie in Argentinien oder Brasilien, wo man den Zuschauern eine Pause gönnt, damit sie auch trauern können, weil die Lieblingsfigur jetzt weg ist. Um dann neu anzufangen mit einer neuen Geschichte. In Brasilien spielt zum Beispiel die eine Telenovela in der Modebranche und die nächste auf dem Bauernhof. Aber leider: "Verliebt in Berlin" war so erfolgreich, dass man irgendwie gehofft hat, mit einer neuen Hauptfigur und den alten Dekos den Erfolg hinüberzuretten. Aber der Zuschauer ist nicht blöd, der vermisst seine Hauptfigur und findet alles andere dann einfach doof.

Süddeutsche.de: Wie groß ist der Einfluss der Marktforschung auf die Entwicklung von Soaps?

Schünemann: Der Sender fragt natürlich ab und zu die Zuschauer, was ihnen gefällt und was ihnen fehlt. Das wird alles ausgewertet und kommuniziert. Und dann hört man zum Beispiel als Autor: "Diese und jene Figur ist so beliebt, mit der müsst ihr mehr Geschichten machen". Ich finde Marktforschung aber, ehrlich gesagt, völlig überflüssig. Denn der Zuschauer abstrahiert nicht. Ich glaube, der sagt höchstens: "Den Bösewicht finde ich doof, der soll weg" - und weiß vielleicht gar nicht, dass er gerade wegen dem immer einschaltet. Die Guten sind doch stinklangweilig.

Süddeutsche.de: Wie stark werden Sie im Alltag mit den Quoten konfrontiert?

Schünemann: Permanent. Man schaut morgens als erstes, wie die Quoten waren. Wenn die Quote langsam steigt, können Sie das auf bestimmte Geschichten zurückführen, die funktionieren. Und wenn sie sinkt und Angst angesagt ist und die Redakteure nervös werden, genauso. Die Quote ist halt wichtig. Man darf sich als Autor aber nicht verrückt machen lassen.

Süddeutsche.de: Sie haben für die Öffentlich-Rechtlichen und die Privaten gearbeitet: Sehen Sie bei der Quotenorientierung einen Unterschied?

Schünemann: Eigentlich nicht. Nach den Quoten schielen alle. Ich würde mir natürlich wünschen, dass wenigstens die Öffentlich-Rechtlichen etwas entspannter sind und den Soap-Autoren mehr vertrauen, mehr freie Hand lassen. Aber ist doch klar, dass ein Autor das sagt.

Süddeutsche.de: Wobei die Soap in den USA vor Jahrzehnten ja genau mit dem Ziel entwickelt wurde, ein Massenpublikum zu erreichen, um so Werbung platzieren zu können. Für Seife zum Beispiel, daher der Name. Also ein Format mit dem simplen Ziel, ein optimales Werbeumfeld zu schaffen.

Schünemann: Genau. Und packende Geschichten zu erzählen.

© Süddeutsche.de/pak/rus
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