Dortmunder "Tatort" Man muss erstmal tief durchatmen

Ende Geländer: Die Kommissare Faber und Bönisch.

(Foto: WDR/Frank Dicks)

Im letzten Moment explodiert doch noch eine Bombe - und dem Zuschauer bleibt die Luft weg. Der Dortmunder "Tatort" ist verstörend. Verstörend aktuell.

Kolumne von Carolin Gasteiger

Verstörendste Szene:

Langsam öffnet Tahir Erdem die Autotür und rollt sich vom Fahrersitz. Stöhnend steigt er aus, Hände und Gesicht blutüberströmt. Er hebt die rechte, von einem schwarzen Lederhandschuh bedeckte Hand, den Daumen auf dem Zünder. Dann zeigt die Kamera sein Gesicht, fast schon kunstvoll von Blut verziert, der Blick entschlossen, der Mund verzieht sich zu einem Grinsen. "Allahu akbar", sagt er leise - und die Szenerie explodiert. Auf diese Art ist noch nie ein Tatort zu Ende gegangen.

Ein Fall, so aktuell wie selten

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Erkenntnis:

Eigentlich hätte diese Folge an Neujahr gezeigt werden soll. Aber kurz nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt wurde die Ausstrahlung aus Rücksicht auf die Opfer verschoben. Auch viereinhalb Monate nach der ursprünglich geplanten Ausstrahlung hat der Tatort nicht an Brisanz und Aktualität verloren. Im Gegenteil: Vor gut einer Woche raste ein Attentäter mit einem Lastwagen in ein Kaufhaus in Stockholm, vor wenigen Tagen verübten Unbekannte einen Bombenanschlag auf den Mannschaftsbus des BVB. Verschieben bringt nichts, wenn der Terror allgegenwärtig ist.

Darum geht's:

Mitten in der Nacht werden in der Dortmunder Innenstadt zwei Polizisten erschossen. Kommissar Faber entdeckt kurz darauf einen Mann in einem Bankgebäude. Muhammad Hövermann, der vor kurzem zum Islam konvertierte, trägt einen Sprengstoffgürtel und transferiert hohe Geldsummen auf Konten in arabischen Ländern. Alle halten ihn für den Täter - bis sich herausstellt, dass Hövermann von islamistischen Fanatikern erpresst wird. Während Faber bei Hövermann bleibt und versucht, zu ihm durchzudringen, bemühen sich die übrigen Kommissare, mehr über die Hintermänner zu erfahren. Die Ermittlungen werden beinahe in Echtzeit präsentiert. Und die Bombe, die Hövermann trägt, kann jederzeit hochgehen.

Ein Fall, so aktuell wie selten

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Bezeichnender Dialog:

Im dunklen Keller des Bankgebäudes beobachtet Faber Muhammad Hövermann, wie dieser seine Überweisungen eifrig in die Tastatur hackt.

Faber: "Wie viel Kohle soll's denn sein? Hm? Herr Hövermann! Ihre Kollegen und Sie, die machen den Scheiß hier für Allah, ja? Jaja klar ... Gott braucht ja immer ne Menge Kohle. Und freut sich, wenn Ungläubige in die Luft gesprengt werden. Madrid, London, Paris, Brüssel, jetzt auch Dortmund."

Hövermann: "Ach hören Sie doch auf! Sie liefern doch die Waffen. Ihre Bomben töten täglich Tausende. Und Sie wundern sich wirklich, dass die dann irgendwann zurückschlagen?"

Faber: "Die? Wer sind die? Ich dachte, Sie gehören zu denen."

Hövermann: "Ach, seien Sie still."

Top:

"Sturm" verläuft auf einem schmalen Grat zwischen Kammerspiel, Psychodrama und Actionthriller - und ist so spannend wie schon lange kein Tatort mehr. Jeden Moment kann die Bombe, die um Hövermanns Bauch geschnallt ist, hochgehen. Als Kossik sich fast Faberesk masochistisch auf einen Alleingang begibt, um die Geisel zu befreien und prompt niedergeschossen wird, bangt man um sein Leben. Dieser Tatort ist aktueller als jeder andere. Paris, Brüssel, London, Stockholm - so etwas wie in "Sturm" passiert gerade immer wieder, überall auf der Welt. Gerade deshalb packt einen der Fall mit voller Wucht.

Was für manche ein Flop sein kann. Aber wer im Tatort nach Eskapismus sucht, landet beim tausendsten Beziehungsdrama - oder beim Klamauk aus Münster. Auch irgendwie langweilig.

Beste Auftritte:

Jörg Hartmann gibt einmal mehr den durchgeknallten Kommissar mit masochistischer Veranlagung und ohne jede Risikoscheu. Wer würde schon freiwillig bei einem potentiellen Selbstmordattentäter bleiben - und ihn dann auch noch so provozieren? Nur selten blitzt in den Augen des Kommissars Unsicherheit auf, meist gewinnt man den Eindruck, Faber habe alles trotz der Gefahr im Griff. Auf der anderen Seite wankt Felix Vörtler als Muhammad Hövermann zwischen unkontrollierter Wut und Todesangst. Auch wenn Faber eigentlich sein Feind ist, wandelt er sich bald zur einzigen Vertrauens- und Bezugsperson.

Die Schlusspointe:

Über den Dächern Dortmunds hängt trüber Explosionsdunst. Leichen oder zumindest unbewegliche Körper liegen zwischen brennenden Autowracks. Als erstes steht Kommissar Faber auf. Als wäre der Tatort eine Folge von The Walking Dead, taumelt er, von Staub bedeckt und blutend, zwischen den Trümmern. Trümmer, die er hoffte, verhindern zu können. Nach und nach regen sich auch die Kommissarinnen Bönisch und Dalay. Ähnlich verschreckt erinnern auch sie an wandelnde Zombies. Ein Schluss, nach dem man erst mal nach Luft schnappen muss.

Die besten Zuschauerkommentare: