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"Zimmer 2806: Die Anschuldigung" auf Netflix:Die erschütterte Macht

Zimmer 2806: Die Anschuldigung
Staffel in Deutschland ab 7. Dezember 2020

Dominique Strauss-Kahn bei seiner Verhaftung im Mai 2011. Was damals in Zimmer 2806 geschah, konnte juristisch nicht aufgeklärt werden, der Prozess endete mit einem Vergleich.

(Foto: Netflix)

Die Doku "Zimmer 2806" über Dominique Strauss-Kahn zeigt auf, was geschehen musste, damit die Welt endlich begriff, wie unantastbar inakzeptables Verhalten lange war.

Von Nadia Pantel

Manchmal braucht es keine Enthüllungen, damit eine Wahrheit sichtbar wird. Die Dokumentarserie über die Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn bei Netflix ist so ein Fall. Der Titel Zimmer 2806: Die Anschuldigung verweist auf die Nummer der Suite im Sofitel New York, in der Strauss-Kahn am 14. Mai 2011 das Zimmermädchen Nafissatou Diallo vergewaltigt haben soll. So schildert es Diallo. Strauss-Kahn spricht von einer einvernehmlichen sexuellen Begegnung.

Zimmer 2806 bietet nun keine neuen Erkenntnisse, in Form von Geheimdokumenten oder Zeugen, die ihr Schweigen brechen. Die Serie lässt das Umfeld von Strauss-Kahn ausführlich zu Wort kommen, die Ermittler werden befragt und die Anwälte. Und Nafissatou Diallo selbst erzählt ihre Version dessen, was ihr widerfahren ist.

Juristisch konnte nicht aufgeklärt werden, was damals im Sofitel geschah, Diallo und Strauss-Kahn beendeten den Prozess durch einen vertraulichen Vergleich. Und auch die Serie liefert keine eindeutige These, was passiert ist. Doch ihr großer Verdienst liegt darin, dass sie vor Augen führt, wie stabil sexuell übergriffige Männer 2011 noch geschützt wurden. Und wie viel weniger sensibel Medien, aber auch Feministinnen für sexualisierte Machtstrukturen waren. Es brauchte den "Me Too"-Aufschrei der glamourösen Hollywood-Frauen, damit sexuelle Übergriffe durch mächtige Männer sich von einer stillschweigend hingenommenen Wahrscheinlichkeit in etwas verwandelten, das die Öffentlichkeit tatsächlich empörte. Als eine Frau wie Diallo Anzeige erstattete, gab es keinen weltweiten Rückhalt, keine Welle der Solidarität.

Zimmer 2806: Die Anschuldigung
Staffel in Deutschland ab 7. Dezember 2020

"Alle Aufmerksamkeit lag auf mir, nie auf ihm": Nafissatou Diallo erstattete 2011 Anzeige gegen Strauss-Kahn - und sah sich selbst zur Täterin gemacht.

(Foto: Netflix)

Es entging den Medien 2011 nicht, wie extrem der Gegensatz zwischen Diallo und Strauss-Kahn war. Hier das 32 Jahre alte Zimmermädchen Diallo, schwarz, arm, alleinerziehend, aus Guinea eingewandert, um ihrer Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen. Dort der 62 Jahre alte Chef des Internationalen Währungsfonds, weiß, allein durch seine Ehe mit Anne Sinclair rasend reich, mit besten Chancen, 2012 französischer Präsident zu werden. Ein irres Machtgefälle, das 2011 und in den folgenden Jahren vor allen Dingen Anlass für Spekulationen war, wer Diallo gekauft haben könnte, um Strauss-Kahn zu stürzen. Die Möglichkeit, dass ein Mann wie Strauss-Kahn aus seiner Position und aus den bisherigen Erfahrungen seines Lebens so etwas wie seine eigene Unantastbarkeit abgeleitet haben könnte, war nicht Teil der Debatten.

Jack Lang: "Er ist vielleicht den Dingen der Liebe besonders stark zugeneigt, et alors?" Ja und?

Auch heute halten die DSK-Verehrer an ihrem großen Freund fest. "DSK" - in Frankreich war der Politiker schließlich längst zu einer Drei-Buchstaben-Formel des Erfolgs geworden. Da wäre zum Beispiel die frühere Justizministerin und Sozialistin Elisabeth Guigou, die in Zimmer 2806 lang und breit erklärt, warum sie es eigentlich für ausgeschlossen hält, dass DSK einer Vergewaltigung fähig sei. "Warum sollte so ein charmanter, brillanter, intelligenter Mann das nötig haben?", fragt Guigou. Und der frühere Kulturminister Jack Lang sagt über Strauss-Kahn: "Er ist vielleicht den Dingen der Liebe besonders stark zugeneigt, et alors?" Ja und?

Man weiß nicht, ob die "Me Too"-Bewegung die Zahl der sexuellen Angriffe reduzieren konnte, doch immerhin hat sie ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass eine Vergewaltigung nichts ist, was jemand "nötig hätte", sondern ein Verbrechen mit einem erschreckend diversen Täterprofil. Und dass es nichts mit "Liebe" zu tun hat, wenn Frauen gegen einen Mann, wie im Fall Strauss-Kahn, wiederholt den Vorwurf des sexualisierten Machtmissbrauchs erheben.

Diallos Anzeige bekam die meiste Aufmerksamkeit, doch Zimmer 2806 sammelt auch zahlreiche andere Aussagen von Frauen, die sich von Strauss-Kahn geschädigt sehen. Zum Beispiel eine seiner Mitarbeiterinnen beim Internationalen Währungsfonds, mit der er als Vorgesetzter eine Affäre hatte. Die Frau wird mit einem Brief zitiert, in dem sie sagt, sie habe das Gefühl gehabt, nur verlieren zu können, ob sie nun auf Strauss-Kahns Werben eingeht oder nicht. Oder die Prostituierte, die vor laufender Kamera beschreibt, wie Strauss-Kahn gegen ihren Willen Grenzen überschreitet, obwohl er sieht, dass sie weint.

Innerhalb kürzester Zeit wurde Nafissatou Diallo in der öffentlichen Wahrnehmung vom Opfer zur Täterin

Am stärksten ist Zimmer 2806 in den Momenten, in denen Diallo und die französische Journalistin Tristane Banon zu Wort kommen. Diallo beschreibt, wie sie 2011 in einen doppelten Horror geriet. Sie erstattete Anzeige. Und wurde in der öffentlichen Wahrnehmung vom Opfer zur Täterin. "Alle Aufmerksamkeit lag auf mir, nie auf ihm", erzählt Diallo. Sie sollte ihre Glaubwürdigkeit beweisen und ihr Leben offenlegen. Strauss-Kahn hingegen durfte schweigen.

Durch Tristane Banon wird deutlich, wie schwer es war, gegen einen Mann wie Strauss-Kahn Position zu ergreifen. Banon war 23 Jahre alt, als sie 2003 Strauss-Kahn allein interviewte. Sie habe ihn mit Fußtritten abwehren müssen, nachdem er sie gewaltsam zu Boden gedrückt habe, er habe ihren BH zerrissen, versucht, ihre Jeans zu öffnen. So beschreibt sie 2007 in einer Fernsehsendung erstmals öffentlich, was ihr dabei geschah. Der Moderator kommentiert die Szene mit einem begeisterten "J'adore", das finde ich großartig. Bei der Fernsehausstrahlung wird nur ein Detail in Banons Ausführungen ausgelassen: Statt des Namens Strauss-Kahn hört man ein "Biep". Keine Redaktion macht sich danach die Mühe herauszufinden, um wen es bei diesem öffentlich nacherzählten Vergewaltigungsvorwurf überhaupt ging. Und unter den TV-Gästen um Banon herrscht Einigkeit: Jaja, was willst du machen, so ist der Mann halt.

2011, nach Diallos Anzeige, geht auch Banon noch einmal an die Öffentlichkeit. Während sie den Angriff durch Strauss-Kahn vier Jahre zuvor im Fernsehen noch wie eine heiter-schockierende Anekdote erzählt, erstattet sie nun Anzeige. Sie habe "aus Unsicherheit die Idiotin gespielt", beschreibt Banon rückblickend ihren Talkshow-Auftritt von 2007. Und über den Angriff 2003 sagt sie: "Es war, als würde diese Gewalt ihn erregen." 2011 gibt Strauss-Kahn zu, er habe "erfolglos" versucht, Banon "zu küssen". Das Gericht spricht von einem sexuellen Übergriff, das Verfahren wird wegen Mangel an Beweisen trotzdem eingestellt.

Strauss-Kahn äußert sich in Zimmer 2806 nicht. Auf Twitter kündigte er jedoch an: "Ich habe zum ersten Mal akzeptiert, über das Gesamtbild meiner beruflichen und persönlichen Geschichte zu sprechen." Aktuell befände sich ein Dokumentarfilm in der Postproduktion, in dem es um "die Ereignisse, die meinen Rückzug aus der Politik zur Folge hatten", gehen werde. Der Film soll laut Strauss-Kahn 2021 erscheinen.

Zimmer 2806: Die Anschuldigung, auf Netflix.

© SZ/hy
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