Dokuserie "Vietnam" Das reine Grauen des Vietnamkrieges

Klima der Angst: Die südvietnamesische Armee stellt eine Soldatin zur Rede, die verdächtigt wird, dem Vietcong anzugehören.

(Foto: AP Images/Arte France)

In einer neunteiligen Dokuserie erzählt Ken Burns von dreißig Jahren Krieg in Südostasien. Die schiere Gewalt der Bilder schafft ein Zeitdokument jenseits nostalgischer Folklore und dem pornografischem Voyeurismus des Krieges.

Von Willi Winkler

Irgendwann ging es nur noch ums Töten, je mehr, desto besser. Neunzig tote Vietnamesen bei einem eigenen Verlust von zwei Soldaten galt als Ergebnis, das aller Kriegsorden wert war; der unsichtbare Feind musste doch dezimiert werden. Manchmal halfen auch kleine Gratifikationen: Ein Truppenführer versprach dem ersten, der ihm den Kopf eines Feindes brächte, eine Kiste Whiskey; natürlich wurde auch dieser Befehl ausgeführt, und der Krieg ging noch brutaler weiter.

Die Dokuserie Vietnam, die derzeit in vielen Ländern weltweit parallel zu sehen ist, auch in den USA, schlägt dort besonders hohe Wellen. Auch wenn es nicht ohne die überstrapazierte "Tragödie" geht, und auch wenn dieser Krieg, der nie ein Krieg heißen durfte, angeblich "gutgläubig" begonnen wurde, bietet sie das bisher umfassendste Bild des Irrsinns, der sich dreißig Jahre lang weit hinten in Südostasien, aber vor den Augen der Fernsehkameras ereignete. Ken Burns, der berühmt wurde mit seiner Serie über den amerikanischen Bürgerkrieg, hat mit Lynn Novick an die zehn Jahre an diesem neuen Projekt gearbeitet, hat Zeitzeugen aus Nord- und Südvietnam, Kriegsveteranen und Antikriegsaktivisten befragt, die Politiker hingegen ausschließlich in zeitgenössischen Bild- und Tonaufnahmen zu Wort kommen lassen.

Die historische Rekonstruktion ihrer Entscheidungen zeigt die "Torheit der Regierenden"

Die Geschichte beginnt tief im 19. Jahrhundert, als die Franzosen Vietnam erobern, schildert den Befreiungskampf, den der Wanderarbeiter Ho Chi-Minh anführt, der den Kampf gegen Frankreich mit den Worten Thomas Jeffersons aufnimmt, vergisst nicht zu erwähnen, dass die USA die vereinbarten freien Wahlen verhinderten, Südvietnam ein katholischer Polizeistaat war und im Norden umerzogen, gefoltert und hingerichtet wurde.

Die Tonspur liefert die apokalyptische Einstimmung mit den vertrauten Songs von Bob Dylan, Barry McGuire, Buffalo Springfield und Jimi Hendrix, aber das wäre heute nur nostalgische Folklore, wenn sich nicht die schiere Gewalt der Bilder nach vorne drängte. Es ist, wie der Dichter sagt und Marlon Brando wiederholt, das reine Grauen. Wo selbst gut gemeinte Filme wie Apocalypse Now und Platoon von den pornografischen Aufnahmen der Hubschrauber und Bomber profitieren, die den Dschungel mit Granaten und Napalm durchdringen wollen, bleibt die neunteilige Serie beim Dokumentarmaterial. Wenn abgetrennte Gliedmaßen zu sehen sind und Leichen tatsächlich zu Bergen gehäuft werden, geht endgültig jeder Wagner- oder Jünger-hafte Reiz verloren.

Zu Hause im friedlichen Amerika hatte ein anderer Krieg begonnen, die Schwarzen verlangten Bürgerrechte, die ihnen nur mit staatlicher Unterstützung und gegen ihre Mitbürger zu erkämpfen waren. Es erhob sich die studierende Jugend, weil der Einberufungsbefehl allen Wehrpflichtigen drohte. So wie die Söhne der nordvietnamesischen Funktionäre dem Krieg durch ein Studium in Moskau entgingen, drückten sich in den USA bessergestellte weiße Männer vor dem Vietnam-Einsatz. Einige davon brachten es bis in jenes Weiße Haus, von dem das Unheil einst ausgegangen war: Bill Clinton, George W. Bush und auch Donald Trump, der heute seinem politischen Gegner John McCain mangelnden Mut vorwirft, weil er mehr als fünf Jahre in Nordvietnam kriegsgefangen war.

Die "Torheit der Regierenden", von der die Historikerin Barbara Tuchman einmal sprach, wird nirgends deutlicher als in der historischen Rekonstruktion der politischen Entscheidungen. Da erscheint der jugendliche Kongressabgeordnete und Senator John F. Kennedy, der in die Kamera erklärt, dass die Amerikaner kein Glück in Vietnam hätten und die Franzosen in Vietnam unterliegen würden, was ihnen 1954 mit amerikanischer Hilfe dann auch gelang. Der gleiche Kennedy weitete als Präsident den Krieg unverantwortlich aus, seine Nachfolger taten es ihm gleich. Immer wieder wird das "Licht am Ende des Tunnels" gesehen, die "Kriegswende" erreicht und ist der Frieden "zum Greifen nahe".

Nicht zuletzt ist die Serie auch ein Beweis dafür, dass regierungsamtliches Abhören womöglich doch den größten Nutzen birgt, zumindest für die Nachwelt: Der Präsidentschaftskandidat Richard Nixon ruft 1968 den Amtsinhaber Lyndon Johnson an, um ihm zu versichern, dass er keineswegs die Friedensverhandlungen sabotiere. Nixon lügt und wird deshalb die Wahl gewinnen, und Johnson, der nicht nur dieses Telefonat aufzeichnen, sondern auch befreundete Botschaften abhören ließ, wusste genau, dass Nixon log. Der Krieg konnte weitergehen. Am Ende waren mehr als 58 000 Amerikaner tot. Die Zahl der getöteten Vietnamesen wird auf drei Millionen geschätzt.

Vietnam, Arte, bis Freitag, je zwei bis drei Folgen, ab 9.25 Uhr (Wdh.) und in der Mediathek.

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