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Dokuserie "Flint Town":Respekt!

FLINT IS A PLACE

Flint Town: Eine Polizeibeamtin hält ein Mädchen auf dem Arm - während dessen Vater durchsucht wird.

(Foto: zackary canepari)

In Flint ist das Wasser von Blei verseucht - und die Menschen von Rassismus, Drogen und Gewalt. Eine grandiose Netflix-Produktion zeigt die Polizeiarbeit in der US-Stadt. Und zwischen allem Elend immer wieder brutalste Menschlichkeit.

Diese Bilder hat man schon viele Male gesehen. Die Polizei beginnt in der Dunkelheit eine Drogenrazzia, Blaulicht flackert, Reifen quietschen, Cops ziehen ihre Waffen und brüllen Befehle. Aber in der nächsten Einstellung herrscht Ruhe, und als ein schwarzer Polizist einem Mann Handschellen anlegt, sagt er: "Junge, du siehst genauso aus wie dein Daddy." Während er ihn durchsucht, erzählt Scotty Watson dem mutmaßlichen Drogendealer, dass er schon als Kind mit dessen Vater gespielt habe. Und bevor er die Schuhe des jungen Afroamerikaners filzt, setzt Watson den Verdächtigen in das Polizeiauto, damit dessen Socken nicht nass werden.

Solche Szenen voller Respekt sind selten, wenn es um amerikanische Polizisten geht und sie machen die Netflix-Serie Flint Town so besonders. So nah dran wie Zackary Canepari, Jessica Dimmock und Drea Cooper war kaum ein Dokumentarfilmer. Von November 2015 an konnten sie ein Jahr lang die Beamten des Flint Police Department begleiten und auch deren Privatleben filmen. Intime Einblicke werden ergänzt durch lange Interviewpassagen, in denen auch Angehörige, Lokalreporter und Bürger zu Wort kommen

Der Filmemacher Michael Moore wurde hier geboren; schon sein erster Film handelte von Flint

Lange war Flint im US-Bundesstaat Michigan nur Fans als Geburtsort von Michael Moore bekannt. Der Filmemacher hielt 1994 in Roger and Me fest, welch katastrophalen Auswirkungen die Schließung von mehreren Autofabriken für die Stadt hatte. Im August 2015 bewiesen Forscher, dass aus den Leitungen bleihaltiges Wasser kam und die Einwohner es getrunken und zum Kochen, Waschen und Baden ihrer Kinder benutzt hatten. Politiker und Behördenvertreter hatten monatelang gelogen und die Brühe für unbedenklich erklärt.

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Die Wasserkrise taucht auf, wenn Familien ihre Kisten mit 24 Plastikflaschen abholen oder die Kamera Schilder mit der Aufschrift "Water Pick-Up" einfängt. Das nur am Rande zu zeigen ist richtig. Die Probleme aber, die Flint Town beleuchtet, existieren in vielen US-Großstädten.

Der erste Faktor ist die Armut. Es fehlt überall Geld. In den Sechziger Jahren arbeiteten 80 000 Menschen für General Motors und viele Schwarze schafften den Sprung in die Mittelschicht. Heute ist die Stadt mit 98 000 Einwohnern nur noch halb so groß und so gibt es statt 300 nur noch 98 Polizisten.

Zu Beginn von Flint Town installiert die neue Bürgermeisterin einen Polizeichef. Der ist Afroamerikaner und baut eine Spezialeinheit auf, die in den gefährlichsten Vierteln Präsenz zeigt und Kriminelle einschüchtern soll. Stolz werden beschlagnahmte Drogen und Waffen präsentiert, doch nicht nur die Reporterin des örtlichen TV-Senders zweifelt am Erfolg. Als Flint 2016 von der FBI-Liste der zehn gefährlichsten Städte verschwindet, ist der Jubel groß - aber er währt nur kurz. Denn weil die Spezialeinheit Personal braucht, sind oft nur vier Streifenwagen unterwegs und es fehlen die Polizisten, um die Anrufe der Bürger überhaupt aufnehmen zu können. Mitunter sind die Filmemacher Stunden vor der Polizei am Tatort und dokumentieren, wie schwarze Mütter viele Male "911" wählen und der Notrufzentrale beschreiben, dass ein bewaffneter Mann auf ihre Kinder geschossen habe.

Hier zeigt sich der zweite Faktor, das fehlende Vertrauen. Ein "Wir gegen die"-Gefühl ist spürbar. Für die mehrheitlich schwarzen Bewohner sind Polizisten Wegelagerer und eine potenzielle Gefahr fürs eigene Leben. Flint Town beschreibt die Zeit, als das Handy-Video von Philando Castile, der in Minneapolis von einem Cop erschossen wurde, die USA ebenso aufwühlte wie der feige Anschlag auf Polizisten in Dallas.

Die weißen Beamten sind es leid, als Rassisten beschimpft und per Smartphone gefilmt zu werden. Entlarvend sind jedoch die Reaktionen Einzelner, als im Gruppenraum die entsprechenden Videos gezeigt werden. Schockiert ist hier niemand, stattdessen wird den Angehörigen vorgeworfen, nicht objektiv zu sein.

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Der 32-Jährige wurde bei einer Verkehrskontrolle erschossen. Fünf Tage nach dem Freispruch für den Polizisten haben US-Behörden jetzt das Video veröffentlicht. Es zeigt, wie eine Mischung aus schlechter Ausbildung, Angst und Rassismus unschuldige Leben zerstört.

Schwarze Polizisten berichten, dass sie bei Nachbarn oder in der Familie als "Verräter" gelten, weil sie durch ihre Berufswahl zu Komplizen eines rassistischen Systems würden. Die Zahl der jungen Afroamerikaner, die sich zur Polizeiakademie anmelden, nimmt ab - und bald gehen jene Respektspersonen wie der schwarze Officer Scotty Watson in den Ruhestand.

Eines beklagen alle: Zusätzlich zur gefährlichen Arbeit und dem niedrigem Gehalt gibt es kaum Planungssicherheit. Die letzten Episoden drehen sich um den Wahltag im November 2016, an dem die Bürger in Flint parallel auch entscheiden, ob das Budget für Polizei und Feuerwehr gekürzt wird. Dass die blaue Uniform alleine nicht zusammenschweißt, offenbart Donald Trump. Für ihn stimmen alle weißen Cops, weil er von Recht und Gesetz schwärmt und mehr Geld verspricht. Trumps rassistische Aussagen tun sie als unbedeutend ab.

Die sechs Stunden Flint Town ernüchtern, aber die Dokumentation zeigt auch, wie gute Polizisten arbeiten: Sie reden, sie hören zu und sehen im Gegenüber nicht nur das Schlechteste. Die mangelnden Ressourcen ließen sich mit genug politischen Willen beschaffen. Dass Trump auch dieses Versprechen nicht einhält, spürt man in Michigan: 2017 war Flint mit 45 Morden und 96 Vergewaltigungen wieder die neuntgefährlichste Stadt Amerikas.

Flint Town , bei Netflix.

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