TV-Doku über den Durchschnittsdeutschen Max Mustermann heißt Thomas Müller

Dieser Thomas Müller ist Abteilungsleiter in Sankt Augustin.

(Foto: dpa)

Thomas Müller ist Börsenanalyst, Gefängniswärter, Priester und natürlich Fußballweltmeister. Aber wie sind eigentlich die Träger des häufigsten deutschen Namens? Das fragt eine TV-Doku - und erlebt Loriot-Momente.

Von Rudolf Neumaier

Mancher Thomas Müller erfüllt die schönsten Klischees. Wunderbar deutsch ist gleich der erste. Hat doch glatt jemand den Namen seiner Firma falsch geschrieben. Börsen-Verlag mit Bindestrich, Mannomann! Schreibt man aber so: Börsenverlag. Ohne Bindestrich. Andererseits hat dieser Thomas Müller, Börsenanalyst in Rosenheim, einen brillanten Defätismus. Wie er mit seinem Namen klarkommt? "Wenn man schon Müller heißt", sagt er und schaut aus der Wäsche, als hätte es ihm den DAX verhagelt, "dann ist Thomas auch schon wurscht."

Ein netter, offener Mann, dieser Thomas Müller. Nicht schlecht für Deutschland, wenn er den Prototyp darstellt, den Durchschnittsdeutschen. Dem Namen nach ist er das, statistisch betrachtet.

Der Dokumentarfilmer Christian Heynen hat für sein Projekt Wer ist Thomas Müller? mehrere Dutzend Männer besucht, die den laut Statistischem Bundesamt häufigsten Namen in Deutschland tragen. Seine Ausgangsfrage: Was ist deutsch? Eine ausgefallene Idee, aber auch eine tragfähige: Aus mehr als 1800 Minuten Material, für das er ein Jahr lang recherchierte, hat Heynen ein unterhaltsames und buntes Volksporträt von anderthalb Stunden geschnitten. Die Antwort auf seine Fragen lautet selbstverständlich: die Vielfalt. Den Film, der im März in den Kinos lief, zeigt am Dienstag die ARD.

Loriot? Deutschland! Herrlich

Es gibt kaum eine Stadt, keine Alters- und keine Berufsgruppe, die nicht einen Thomas Müller aufzuweisen hätten. Heynen wählte für seine Interviews neben dem Börsenfex einen katholischen Pfarrer, einen Berliner Musiker, den Fußball-Nationalspieler, einen Komödianten und einen Bundeswehr-Soldaten, den er in Afghanistan besuchte. So bewegend es ist, was der Soldat von seinem Einsatz und der permanenten Lebensgefahr zu erzählen hat, dieser Exkurs fremdelt gehörig. Kurz kommen ein Gefängniswärter, ein Koch, ein Förster und ein Arbeitsloser mit dem Namen Thomas Müller zu Wort. Wesentlich mehr Zeit widmet Heynen dafür einer Rechtsanwältin Sabine Müller und einem 16 Jahre alten Jan Müller. Sie sind laut Statistik das weibliche und das jugendliche Pendant zu Thomas Müller.

Ob Zufall oder nicht - Heynens Gesprächspartner Jan Müller deckt sich erstaunlich gut mit dem Durchschnittsjugendlichen, den die Werbe-Industrie identifiziert hat. Der verwahrt Kondome im Nachtkästchen sowie eine Schlagwaffe. Und er zieht vor der Kamera ein Hackebeil unterm Bett hervor - ein Geschenk vom Patenonkel aus Schweden. Man muss sich aber keine Sorgen machen um die Jugend: Jan Müller, dieser durch und durch typische Teenager, pfeift auf Abenteuer. Sein Traumurlaub findet im All-inclusive-Hotel statt. Beim Abendessen mit den Eltern redet er übers Wetter. "Soll ja wieder wärmer werden." Darauf die Mutter: "Am Donnerstag bekommen wir 16 Grad." Loriot? Deutschland! Herrlich.

Der Deutsche lacht durchschnittlich 15-mal am Tag

Der Film könnte gut und gern auf den Sozialkunde-Lehrplan gesetzt werden. Christian Heynen streut dezent Statistiken ein: eine Million Millionäre gibt es in Deutschland, jeder sechste Deutsche ist armutsgefährdet, der Deutsche lacht durchschnittlich 15-mal am Tag, in den Siebzigern lachte er öfter, jeder dritte Deutsche hatte schon einen Seitensprung, jeder vierte ist ausländerfeindlich, jeder zehnte hätte gerne wieder einen Führer - solche Sachen.

Es deutschelt dann am meisten, wo Heynen einen aus Syrien stammenden Hausmeister nach Thilo Sarrazins Untergangs-Theorien fragt: Recht hat Sarrazin, sagt der Mann, als Ausländer muss man seine Mentalität zu Hause lassen und sich anpassen. Heynen zeigt den voll integrierten Syrer beim Kicken mit deutschen Kumpels.

Den Fußballer Thomas Müller aber spart sich der Filmemacher bis zum Schluss auf. Wieder einmal triumphiert der Nationalspieler als praktischer Philosoph. Er versuche, er selbst zu sein, sagt er. "Da ich ja scheinbar der Durchschnittsdeutsche bin, passt es ganz gut, wenn ich ich selbst bin." Der Unterschied ist: Der durchschnittliche Thomas Müller fühlt sich als Weltmeister, dieser Thomas Müller ist es wirklich.

Wer ist Thomas Müller? ARD, Dienstag, 22.45 Uhr.