Herzog-Doku bei Netflix Bedingungslose Obsession für das Feuer

Der Regisseur und sein Lieblings-Vulkanologe: Werner Herzog (rechts) mit Clive Oppenheimer in Vanuatu.

(Foto: Peter Zeitlinger/Netflix)

Der deutsche Regisseur Werner Herzog reist für eine Netflix-Doku von Vulkan zu Vulkan - und darf sogar nach Nordkorea einreisen.

Filmkritik von David Steinitz

Wenn es einem Regisseur gelingt, eine Drehgenehmigung für das hermetisch abgeriegelte Nordkorea zu bekommen, dann natürlich Werner Herzog, dem unersättlichen Welterkunder. Für seine Vulkan-Dokumentation Into The Inferno, die ab Freitag auf Netflix abrufbar sein wird, reiste Herzog um die halbe Welt: Island, Indonesien, Äthiopien - und eben auch nach Nordkorea.

Das autoritäre Regime des Landes hatte zu Forschungszwecken einer Kooperation zwischen nordkoreanischen Vulkanologen und Wissenschaftlern aus Cambridge zugestimmt. Die westlichen Experten durften dafür den Paektusan besuchen, den "weißköpfigen Berg". Das ist ein mittlerweile inaktiver Vulkan direkt an der Grenze zu China, der vor über tausend Jahren einen der heftigsten Vulkanausbrüche überhaupt verursachte und der Bevölkerung Nordkoreas bis heute als mythologischer Geburtsort des Landes gilt. Gemeinsam mit den Wissenschaftlern durfte Werner Herzog, 74, einreisen. Der deutsche Filmemacher bekam eine ordentliche Lektion in Sachen Propagandakunst erteilt, denn bei einem solch prominenten Westbesuch überlässt die Führung in Pjöngjang natürlich nichts dem Zufall.

Die Liebe zum magischen Berg der Koreaner: eine große Inszenierung

Als auf dem Weg zum Vulkan eine Gruppe junger, uniformierter Männer in Zweierreihe aufmarschierte, dachte Herzog, es handele sich um Soldaten. Es waren aber Studenten, die sich aufstellten, um die Liebe der Nordkoreaner zu ihrem magischen Berg zu demonstrieren, mit Jubelschreien und Liedern - eine inszenierte Show.

"Alles ist anders in Nordkorea", sagt Werner Herzog in seiner Doku, die er in seinem hypnotischen Englisch mit deutschem Akzent eingesprochen hat, mit dem man sich durchaus auch das Telefonbuch vorlesen lassen würde. Er zeigt ein Land ohne Werbebanner und Plakate auf den Straßen und in den U-Bahnen, wo nur die Staatszeitung als Informationsquelle aushängt - und kitschige Fotos und Zeichnungen der Machthaber, die sich besonders gerne mit ihrem Vulkan Paektusan im Hintergrund zeigen.

Die von der Regierung ausgewählten Gesprächspartner geben Herzog zwar stolz Antwort über ihren heiligen Berg, aber nur im Sinne der linientreuen Propaganda. Immer dabei: der "Direktor des Instituts für Simultanübersetzungen". Han Myoong II., der beim Übertragen vom Koreanischen ins Englische vermutlich auch noch die letzte Privatmeinung weg übersetzt.

Into The Inferno ist ein typischer Herzog-Film, weil es trotz jeder Menge spektakulärer Aufnahmen von Lavaeruptionen, Magmaströmen und Aschewolken nicht direkt um Vulkane geht, sondern um das Verhältnis von Mensch und Natur. Vor zehn Jahren war Herzog in der Antarktis unterwegs gewesen, um die Dokumentation Begegnungen am Ende der Welt zu drehen. Dort kletterte er auf den Mount Erebus, einer von drei aktiven Vulkanen auf der Welt, bei dem man von oben direkt in die glühenden Magma-Massen hinab schauen kann. Auf dem Gipfel begegnete er einer Gruppe Vulkanologen, und mit einem von ihnen freundete er sich besonders an. Dieser Mann, Clive Oppenheimer, ist nun sein wichtigster Protagonist in Into the Inferno . Er reiste mit Herzog von Vulkan zu Vulkan, befragte für ihn vor der Kamera die Menschen, die um die Vulkane leben, von Nordkorea bis zu einem ehemaligen Kannibalenstamm auf einem Inselstaat im Südpazifik.

Mit seinem Kurzfilm Warten auf eine unausweichliche Katastrophe hatte Herzog 1976 das erste Mal einen Film über einen Vulkan gedreht, der damals kurz vor einem Ausbruch stand, auf einer Insel im Pazifik. Die Faszination fürs Feuer hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen, und sie interessiert ihn auch bei anderen Menschen, die ihr ganzes Leben Vulkanphänomenen gewidmet haben. Zum Beispiel zeigt er spektakuläre Archivbilder eines französischen Vulkanologenpaars, das so süchtig nach dem vulkanischen Feuerwerk wurde, das es sich im Lauf der Jahre und Forschungsreisen immer näher und näher an die heißen Krater heran wagte. Beide kamen Mitte der 1970er-Jahre in einer Lawine heißer Gase ums Leben.

Diese bedingungslose Obsession fürs Feuer überträgt sich in Into the Inferno auch sehr eindrucksvoll auf den Zuschauer, wenngleich die Bilder von platzenden Lavablasen und Funken-Stürmen im Kino wohl noch eindrucksvoller aufgehoben gewesen wären als auf dem Fernsehbildschirm.

Into The Inferno, von diesem Freitag an abrufbar bei Netflix

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