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Fernsehen:Echt jetzt

Mein Haus zieht mit

Camper für immer: Familie Weiser lebt jetzt mobil.; 37 Grad, diverse Stills

(Foto: Erik Weiser/ZDF und Erik Weiser)

Wahnwitzig, was im Fernsehen alles unter "Dokumentation" firmiert . Ein Überblick, vom Lebensmitteltest bis zum Sozialporno.

Von SZ-Autorinnen und -Autoren

Als der Life-Reporter Robert Drew, der Filmemacher Richard Leacock und der aspirierende Dokumentarist D. A. Pennebaker sich 1960 in den Vorwahlkampf in Wisconsin stürzten und dem Präsidentschaftskandidaten John F. Kennedy hinterherliefen, hatten sie nichts als die Abbildung der Wahrheit im Sinn - versehentlich haben sie damals aber wohl auch die Fernsehdoku erfunden. Denn während sich einerseits der Dokumentarfilm zu einer eigenen Kunstform im Kino mauserte, die mit viel Aufwand versuchte, einem Gegenstand auf den Grund zu gehen, wurde die Dokumentation auch zu einem festen Bestandteil jedes Fernsehprogramms.

Schon für die Helden des Direct Cinema waren die technischen Möglichkeiten ein wichtiger Faktor - Kameras waren leichter und beweglicher geworden. Inzwischen hat die Digitalisierung sie weiter schrumpfen lassen, während der Markt seit Ende der Achtzigerjahre immer größer wurde. Das Privatfernsehen, das Senden rund um die Uhr, inzwischen die Streamingdienste - das alles hat eine große Nachfrage geschaffen nach Inhalten, um all die Sendeplätze zu füllen, für weit weniger Geld, als ein im Studio produzierter Spielfilm mit teuren Schauspielern kosten würde. An der Ursprungsidee, ein Stückchen von der Welt möglichst unverfälscht auf Film einzufangen, orientiert sich nur ein kleiner Teil dessen, was heute aufs Publikum losgelassen wird. Dass es in letzter Zeit immer wieder Diskussionen darüber gab, wie viel von dem stimmt, was da gezeigt wird - wie bei Lovemobil beispielsweise -, hat allerdings auch mit uns, dem Publikum zu tun. Denn wir fragen viel zu selten: Was gucken wir da eigentlich? Susan Vahabzadeh

Der Armutsporno

Aus schwierigen Lebensumständen zusammengecastete Laiendarsteller folgen erniedrigenden Drehbüchern. Das Genre nennt sich großspurig Dokusoap und wer RTL 2 anschaltet, landet schnell dort. In Sendungen wie Frauentausch, Hartz aber herzlich oder Familien im Brennpunkt wird gepöbelt, geprügelt, geheult. Sozialhilfeabhängige Sechsfachmutter gegen Stripperin, Alkoholiker gegen Obdachlosen und so weiter. Wer das schaut, kann sich sicher sein, im Zweifel doch auf der Sonnenseite zu stehen, das Set an Kompetenzen und Ressourcen, mit denen die Autoren die Figuren ausstatten, ist schwer zu unterbieten, das Schwarz-Weiß, dem die Dramaturgie folgt, ist unmissverständlich, auch dank zynischer Off-Kommentare und Musikeinsatz ("She Works Hard for The Money"). Lässt sich als Fremdschäm-Fernsehen abtun, hat aber gerade wegen der billigen Produktion eine echte Karriere im Privatfernsehen hingelegt. Und letztlich üben die Formate eine nicht zu unterschätzende Form von subtilem Druck aufs Publikum aus, selbst aufs ironisch schmunzelnde: Bloß nie so dick, dumm, zahn- und mittellos werden wie die da. Laura Hertreiter

Die Empörungsbediener

Zu neueren Enthüllungsdokus gehört die eingepreiste Empörung des Publikums. Nicht nur die "Verkaufe" solcher Dokus durch PR-Fexe zielt auf Wirkungstreffer, schon die Machart der Kurzserien tut es. Es ist, als hätte man für die Reaktionen der Erregungsmaschine Twitter gedreht. Die geradlinig auf Klimax ausgerichtete Dramaturgie ist darum überschaubar: Angeblich erhalten alte Vorwürfe neue Nahrung wie im Fall von Leaving Neverland, das den Fall Michael Jackson aufrollte. Oder man trägt, wie gegen Woody Allen, noch einmal im Bewegtbild alle bekannten Vorwürfe zusammen. Oder, wie in Framing Britney Spears, man buhlt darum, einen zu Unrecht verfemten Star doch bitte neu zu bewerten. Niemals begnügen sich die Dokumentationen damit, zu zeigen, was ist. Ungeheuerlich muss dagegen die Beiläufigkeit einer Dokumentation wie Cocksucker Blues von Robert Frank über eine USA-Tournee der Rolling Stones aus dem Jahr 1972 erscheinen, in der in Minute achtzehn ein Pärchen neben Mick Jagger kopuliert und sich ein Groupie aus der Stones-Entourage in Minute 70 eine Heroin-Injektion vor laufender Kamera setzt. Einfach so, ohne anschließende Befragung der vom Sehen betroffenen Zuschauer. Bernd Graff

Titel: natur exclusiv Untertitel: Wilder Yak - Wildes China

Traurige Helden: Sie leben weitab in der riesigen und unzugänglichen Steppe in Chinas wildem Westen - die letzten wilden Yaks. Szene aus der Natur-Doku: "Wilder Yak - Wildes China".

(Foto: Jan Kerckhoff, Susanne Delonge)

Naturdokus

Naturdokus wuchern mit dem Pfund, dass es nur noch wenig Natur gibt. Die Trauer um deren Verlust ist gepaart mit dem melancholischen Blick zurück auf das Verlorene. Gerade in den Naturfilmchen, die von öffentlich-rechtlichen Sendern vor dem Zubettgehen der Senioren in die dritten Programmen gepumpt werden, hört man dieses düstere Raunen: Das, was du hier siehst, wird es auch bald nicht mehr geben. Die nahezu überall auf der Welt gedrehten 45-Minüter (Wilder Yak - Wildes China) bilden also das "Futur 2" dokumentarischer Berichterstattung: Die (noch) in spektakulärem Licht gezeigte Natur ist das, was bald ganz verschwunden sein wird. Und "der Mensch", also jeder, trägt an ihrem Verschwinden die Schuld. Da können die Ohreulen noch so munter krakeelen, der Wald wird lichter. Naturdokus sind ein neuzeitliches Memento mori in bester Ausleuchtung, meist unterstützt von einer gebrochenen Stimme aus dem Off. Oft werden daraus aber auch kitschtriefende Wehmutsspiele wie in dem mehrfach preisgekrönten Octopus Teacher, in dem die fragile Natur auf die Leere eines verlorenen Taucher-Ichs trifft. Natur- und Tierdokus gucken ist "guilty pleasure", getarnt als Fernsehen. Bernd Graff

Die Gänsehaut-Doku

Was in diesen kurzen Dokus geboten wird, ist der sehr intensive Blick in das Leben anderer Menschen. Je nachdem, was da dann zurückschaut, macht das schon etwas mit einem. Die Klassiker heißen 37 Grad (ZDF) und Menschen hautnah (WDR), dauern kaum länger als eine halbe Stunde, und sie signalisieren schon im Vorspann große Emotionen. Die Themen heißen zum Beispiel "Bei aller Liebe - Paare mit großem Altersunterschied"; "Wenn Herr Pfarrer zur Pfarrerin wird: Elke kämpft um ihre Gemeinde"; "Wagnis Hausbau - Der steinige Weg zum Eigenheim". Und immer wieder und sehr verdienstvoll: Schicksale von Familien mit kranken oder gehandicapten Kindern. Probleme werden hier freundlich umarmt, randaliert wird selten. Egal, wie es einem zu Beginn der Sendung geht, am Ende fühlt man sich besser, aufgehobener in der Welt, von der Tapferkeit anderer gestärkt. Die Wirkung entspricht oft der einer guten Schnulze, nur mit dokumentarischer Wirklichkeit. Oder meistens. Seit vor drei Jahren bekannt wurde, dass die Gänsehaut in Menschen hautnah auch mal von der hautnahen Vermittlungsplattform Komparsen.de kam (für ein dokumentarisches Format "nicht akzeptabel", stellte der WDR klar, das Vertrauensverhältnis zur Autorin sei zerstört), hat Komparsen.de für Fans dieser Art Doku immer noch einen gewissen Lesewert. Claudia Tieschky

´Making a Murderer"

Szene aus der düsteren Justiz-Saga des Steven Avery "Making a Murderer". (undatiertes Foto).

(Foto: Netflix PR/picture alliance / dpa)

Die True-Crime-Doku

Bilder eines normalen Lebens, einer scheinbar glücklichen Familie, von ein paar verschrobenen Provinz-Teenagern. So fängt die True-Crime-Doku beim Streaminganbieter des Vertrauens für gewöhnlich an, doch es dauert nicht lange, bis es passiert: Ein Kind verschwindet, eine Frau wird zuletzt gesehen, ein Leiche wird im Wald gefunden. Die True-Crime-Doku will menschliche Abgründe be-, nein, durchleuchten, und macht auf der Suche nach der Wahrheit ihre Zuschauer zu Detektiven. Die alles entscheidende Frage: Was passierte damals wirklich? Die Netflix-Serie Making a Murderer setzte 2015 Maßstäbe für das Genre und war in der Art und Weise, wie sie einen Mordfall völlig neu aufrollte, polizeilichen Ermittlungen und angeblichen Alibis nachging und dabei eine zweifelhafte Scheinneutralität aufbaute, so erfolgreich, dass sie seither vielfach kopiert und sogar persifliert wurde (Tipp am Rande: die Spoof-Serie American Vandal). Nicht fehlen dürfen hier aufwendige, wenn auch manchmal sinnlose Grafiken. Jedes noch so beliebige Gebäude kann in Form eines aufleuchtenden Grundrisses plötzlich zentral wirken. Spannend für alle, die meinen, dass sie auch gute Kriminalermittler abgeben würden, sich aber nie an einen echten Tatort trauen würden. Aurelie von Blazekovic

Sport-Pseudo-Glanz-Doku

Die Bundesliga muss dem Bezahlsender Sky dankbar sein, Sky zahlt schließlich weiter für die Übertragungsrechte, trotz Corona und Geisterpartien. Sender und Liga sind aufs Engste verbandelt, also ist das Doku-Genre auf Sky nicht darauf angelegt, Schattenseiten auszuleuchten, im Gegenteil. Beispiel: Auf Sky läuft die praktischerweise vom 1. FC Köln selbst produzierte Serie 24/7 FC, die nichts erklärt, sondern alles verklärt. Den Spieler bei Sky privat zeigen heißt: Er sitzt authentisch auf dem Riesensofa / steht authentisch in einer beneidenswert aufgeräumten Küche / hebelt authentisch an der Espresso-Maschine rum. Emotionen transportieren heißt: Fehlpass noch und noch mal in Super-Slow-Mo. Und wenn die Kamera ganz nah rangeht und die leeren Blicke der Spieler ganz groß zeigt, kann sie auch ein Nullnull gegen Red Bull zum Spiel des Lebens hochfotografieren. Ist ja eh alles dasselbe, so ohne Publikum. Zwischendurch: Trainer Gisdol: "Spielt wie harte Männer!", krächzt er, authentisch aus der Kabine. Hier bringt eine Sky-Doku sogar mal ungewollt Erkenntnisgewinn, denn dass Gisdol inzwischen nur noch Ex-Trainer ist, erstaunt nach diesen Ansprachen kein bisschen. Holger Gertz

Die Test-Doku

Es ist eine deutsche Besessenheit, die in diesem Genre zutage kommt: das Preis-Leistungs-Verhältnis. In einfach produzierten Videos werden in diesem Format brennende Verbraucherfragen geklärt. Meistens wird ein bestimmtes Produkt getestet, wie etwa eine Funktionsregenjacke. Das Produkt unterläuft verschiedene Testrunden und wird von einem Experten, dessen Expertise einem vorher noch unbekannt war, eingeordnet. Fast immer gewinnt die mittlere Preisklasse. In anderen Formaten geht es aber auch investigativ zu. Etwa wenn der Produktentwickler Sebastian Lege den Tricks der Lebensmittelindustrie auf der Spur ist. In trockenen Interviews wird dann davor gewarnt, dass Kinderriegel nicht gesund sind oder aufbackbare Vollkornbrötchen eigentlich Schummelware sind. Dem Ganzen wird ein unterhaltender Touch hinzugefügt, in dem Lege versucht, die Supermarktprodukte nachzukochen. In den meisten Fällen werden ein paar unbeholfene Passanten zum Testen aufgefordert. Ihnen wird dann beispielsweise ein Löffel echtes und nachgeahmtes Nutella vorgesetzt. Fazit: Das echte Nutella mit Palmöl schmeckt besser, auch wenn dafür der Regenwald abgeholzt wird. Sabina Zollner

Lovemobil

Die Spielfilm-Doku ,,Lovemobil' löste mit nicht gekennzeichneten mit Freunden und Bekannten der Regisseurin Elke Lehrenkrauss nachgespielten Szenen eine Krise des Dokumentarfilms aus.

(Foto: Christoph Rohrscheidt/obs)

Die Spielfilm-Doku

Die Welt, wie sie ist? Von wegen. Wenn Alpinisten im Schneesturm zu erfrieren drohen, historische Figuren von den Toten auferstehen oder im animierten Waltz with Bashir von Ari Folman Zeichentrickfiguren im Dokumentarfilm agieren, ist klar, dass alles nur gespielt ist. Die Kamera kann schließlich nicht überall sein, und manches lässt sich mit echten Protagonisten auch gar nicht filmen. Deshalb gibt es die Spielfilm-Doku, das Dokudrama, das das Beste, aber auch das Schlechteste zweier Welten verbindet: Hochspekulatives Laienspieltheater kann so entstehen, aber auch Meisterwerke wie Heinrich Breloers vielfach ausgezeichnete Mehrteiler Todesspiel (1997) über den Deutschen Herbst 1977 oder das Familienporträt Die Manns - ein Jahrhundertroman (2001). Zur Fälschung werden Dokus, die nachgespieltes Leben als echtes verkaufen - wie es Lovemobil-Regisseurin Elke Lehrenkrauss getan hat, die Freunde und Bekannte als Prostituierte und Freier ausgab, sie ihre Recherchen im Sexarbeiterinnen-Milieu nachspielen ließ, ohne das kenntlich zu machen. Wahrhaftig ist die Verbindung von Fiktion und Realität, wenn sich die Inszenierung zu erkennen gibt und historisch oder durch aktuelle Recherchen belegt ist. Dann kann diese Form eine enorme Wirkung erzielen - mitreißen oder klug auf Distanz halten. Andres Veiel etwa ließ in Der Kick (2006) über einen grausamen Mord die Aussagen von Beteiligten von zwei Schauspielern nachsprechen und kam mit diesem filmischen Theater den Ursachen von Gewalt analytisch näher als mit emotionalen O-Tönen. Wenn dagegen Joachim Król in Schuss in der Nacht - Die Ermordung Walter Lübckes (2020) als Ermittler den aus diversen TV-Krimis bekannten Robin Sondermann in der Rolle des tatverdächtigen, mittlerweile verurteilten Mörders Stephan Ernst verhört, dann weht ein kräftiger Hauch von Tatort durch diesen Film. Aktuell, hochpolitisch, und eine Doku ist er trotzdem. Alles echtes Leben? Aber klar doch! Martina Knoben

Wie finde ich mich?

Ein Neuzugang unter den wundersamen Dokumentarfilm-Genres sind Porträts und Biopics, deren Arbeitstitel lauten könnte: Wie finde ich mich? Ein Dokumentarfilm kann nie einen ganzen Menschen einfangen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass er mit seinem Gegenstand kritisch umgeht, sinkt drastisch, wenn dieser Gegenstand der eigentliche Boss am Set ist. Becoming, auf Netflix zu sehen, ist einer der prominentesten Vertreter - der Film heißt wie das Buch von Michelle Obama, handelt von Michelle Obama. Und sie selbst ist auch noch die Produzentin. Auch in diese Kategorie fallen Lady Gaga: Five Foot Two (2017) und der brandneue Vierteiler Demi Lovato: Dancing with the Devil, produziert von der Firma ihres eigenen Managers. Mit dem herkömmlichen Dokumentarfilm, bei dem Regisseur und Porträtierter auch schon mal aneinandergeraten wie in Errol Morris' The Fog of War (2003) über Lyndon B. Johnsons Verteidigungsminister Robert McNamara, ist da jede Ähnlichkeit rein zufällig. Susan Vahabzadeh

© SZ/cag/hy
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