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Dokudrama:Einer, der nicht ruhig sein wollte

Ignatz Bubis besucht 1997 das Konzentrationslager Oranienburg-Sachsenhausen.

(Foto: AP)

Was hat ihn bloß so demoralisiert? "Bubis - Das letzte Gespräch" erzählt die Geschichte einer Enttäuschung. Der Film über den früheren Vorsitzenden des Zentralrats der Juden ist hochaktuell.

Der Rahmen für die Dokumentation Bubis - Das letzte Gespräch ist ein Kammerspiel: drei Herren, ein Tonband, eine karge Bühne. Das echte letzte Gespräch gibt es nicht als Filmaufnahme, und das Tonband ist nicht mehr vorhanden, deswegen stellen Schauspieler es nach.

Es gibt nur noch die Wortlaut-Abschrift jenes Interviews, das Ignatz Bubis (gespielt von Udo Samel) 1999 den damaligen Stern-Autoren Michael Stoessinger und Rafael Seligmann gegeben hat. Und es existiert das gedruckte Interview, so wie es im Juli 1999, zwei Wochen vor Bubis' Tod, erschienen ist, wohl viel kürzer als ursprünglich geplant.

Ignatz Bubis wollte dieses Fazit seines politischen Lebens in Deutschland unbedingt ziehen, es kam auf seine Initiative hin zustande, aber dann fiel es ihm doch unendlich schwer, sein Vermächtnis in all dieser bitteren Wucht in die Archive zu geben. "Ich habe nichts bewirkt", sagte Bubis den beiden Interviewern im Wortlaut; vor der Veröffentlichung relativierte er den Satz: "Ich habe fast nichts bewirkt."

Was hat Ignatz Bubis am Ende eines viel beachteten, bisweilen bewunderten politischen Lebens dermaßen demoralisiert? 90 Jahre alt wäre der frühere Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland am 12. Januar geworden.

Herzensangelegenheit

Walid Nakschbandi hat mit seiner Firma AVE den Film von Johanna Behre und Andreas Morell für die ARD hergestellt; es war ihm, sagt Nakschbandi, "eine Herzensangelegenheit".

Der Produzent ist in Solingen aufgewachsen, er hat Bubis gut gekannt und ihn einst in seine Heimatstadt eingeladen, nachdem dort am 29. Mai 1993 fünf Menschen türkischer Abstammung bei einem Brandanschlag gestorben und viele verletzt worden waren. Solingen war das vorläufige Ende einer Reihe solcher Taten, die anderen Orte heißen Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln.

Bubis erhob damals und immer wieder seine Stimme, als Mahner, als Mensch, als Minderheit in Deutschland. Die Dokumentation zeigt die Bilder von damals, sie wiederholt die Reaktionen der Politik. Und alles klingt: wie heute.

Bubis als streitbarer und doch verletztlicher Mann

Was kann passieren, wenn eine Gesellschaft vergisst? Der junge Ignatz Bubis hat im Nationalsozialismus seine gesamte Familie verloren. Er hat trotzdem versucht - seine Tochter versteht bis heute nicht, warum - zu diesem Land zu gehören, Deutscher jüdischen Glaubens zu sein.

Die Erkenntnis, dass das nicht gelingen wird, hat ihn schließlich so bitter gemacht. Weggefährten und Zeitzeugen zeichnen in diesem hochaktuellen Film das feine Bild eines streitbaren und doch verletzlichen Mannes, der in einer Gesellschaft, die anscheinend ihre Ruhe vor der Vergangenheit haben will, nicht ruhig sein wollte.

Die lehrreichste Passage ist wohl die Szene aus der Frankfurter Paulskirche, die Wiedergabe der komplizierten Friedenspreis-Rede von Martin Walser 1998 über Auschwitz als "Drohroutine", der glucksende Applaus des entzückten Publikums, die versteinerten Gesichter von Ida und Ignatz Bubis. In seinem war zu lesen: Ich habe nichts erreicht.

Bubis - Das letzte Gespräch , ARD, 23.30 Uhr.