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ARD-Doku:Was ist die Wahrheit im Fall Warmbier?

Otto Warmbier

Schauprozess in Pjöngjang: Otto Warmbier im März 2016.

(Foto: Reuters)
  • Der junge US-Amerikaner Otto Warmbier verstarb 2017 kurz nach seiner Freilassung aus einer anderthalb Jahre dauernden Haft in Nordkorea.
  • Was dort im Gefängnis genau geschehen ist, ist ungeklärt. Auch die neue ARD-Doku ändert daran nicht viel.
  • Es ist aber ein Verdienst des Films, dass er Zweifel sät an der Version der Geschichte von der Folterung Warmbiers, die vielen in den USA als Wahrheit gilt.

Von Kai Strittmatter

Otto Warmbier wurde 22 Jahre alt. Der Fall des Amerikaners aus Cincinatti, Ohio, ging um die Welt: Als unternehmungslustiger Student reiste er für einen Silvesterausflug Ende 2015 nach Nordkorea, als Wachkomapatienten holten ihn Emissäre der US-Regierung eineinhalb Jahre später wieder aus dem Land. Otto Warmbier hatte ein Propagandabanner aus dem Hotel in Pjöngjang eingesteckt und war in einem Schauprozess zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt worden. Keine Woche nach seiner Entlassung in die USA, am 19. Juni 2017, starb er. Was war in der Haft geschehen?

Die ARD zeigt am Montagabend die Doku Die Akte Otto Warmbier des langjährigen Asien- und Amerika-Korrespondenten Klaus Scherer. Untertitel: "Was geschah wirklich in Nordkorea?" Gleich vorweg: Die Frage beantwortet auch diese Recherche nicht. Aber sie beleuchtet den Fall Warmbier mit einer beeindruckenden Reihe von Augen- und Zeitzeugen, was am Ende natürlich mehr Licht auf die Vorgänge in den USA wirft als auf jene in Nordkorea.

Verstörend an der Geschichte ist vieles. Wie ein junger Mann aufgrund eines leichtsinnigen Streichs zum Spielball eines geostrategischen Schlagabtausches wird: Zuerst behalten ihn die Nordkoreaner als Geisel. Dann müssen seine Eltern erleben, wie ihr Sohn noch im Tod in der Propaganda von Donald Trump missbraucht wird. Denn der US-Präsident hat sich ausgerechnet Kim Jong-un als Sparringspartner für seine Show als weltgrößter Staatsmann ausgesucht, den nordkoreanischen Diktator, den er am einen Tag als "Rocket Man" verspottet, am nächsten als Brieffreund anhimmelt ("Wir haben uns verliebt"). Das Schicksal Warmbiers ist Trump erst nützlich, dann aber, mit Schmetterlingen im Bauch, ziemlich lästig.

Es ist ein Verdienst von Scherers Film, dass er Zweifel sät an der Version der Geschichte, die vielen in den USA als Wahrheit gilt: nämlich jener, wonach Otto Warmbier in Nordkorea gefoltert worden sei. Scherer lässt Mike Flueckiger zu Wort kommen, den Rettungsarzt, der im Auftrag der US-Regierung den Studenten aus Pjöngjang holte. Flueckiger sagt, er habe bei seinen Untersuchungen "keine Zeichen von Folterspuren" erkennen können. Die nordkoreanischen Ärzte hätten zwei mögliche Erklärungen gehabt für das Koma: Eine Vergiftung durch schlechtes Schweinefleisch, was er für unwahrscheinlich halte. Oder eine Überdosis eines Beruhigungsmittels. Auch die zuständige Gerichtsmedizinerin in Cincinatti, Lakshmi Sammarco, hält im Film letzteres für "absolut möglich". Für Folter aber, etwa die angeblichen Verletzungen an den Zähnen Warmbiers, habe auch sie keine Belege gefunden.

Zu jener Zeit, als Trump auf Twitter verbreitete, Warmbier sei "unglaublich gefoltert" worden, sagt die Gerichtsmedizinerin, habe sie "leicht bedrohliche" Mails erhalten, in denen sie aufgefordert worden sei "dem Präsidenten nicht zu widersprechen". Die Wahrheit im Fall Warmbier? Bleibt verborgen. Stattdessen, sagt Arzt Flueckiger, kursierten noch immer "zu viele Lügen".

Die Akte Warmbier, ARD, Montag, 22.45 Uhr.

© SZ vom 09.03.2020/khil
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