Doku-Drama Fliegendes Toupet

„Ja, Jürgen, zeig’s denen“: Gesine Cukrowski und Reiner Schöne als Ehepaar Schneider.

(Foto: MDR/Saxonia Entertainment/Axel B)

Das Erste zeigt eine neue Aufarbeitung des Falls Jürgen Schneider, die sich nicht nur auf Fakten stützen möchte, sondern die Story des betrügerischen Bauunternehmers mit Spielszenen unterlegt. Der Versuch wird zur schrecklichen Pleite.

Von Hans Hoff

Anfang der 90er-Jahre wurde die Republik von der größten Baupleite der Nachkriegsgeschichte geschüttelt. Der Unternehmer Jürgen Schneider hatte 50 Banken genarrt, für unendlich viele Bauprojekte Kredite ergaunert und bei seiner Flucht ins Ausland mehr als fünf Milliarden Mark Schulden hinterlassen. Im Mai 1995 wurde er gefasst und später zu einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren und neun Monaten verurteilt. Das ist über die Jahre in mehreren Dokumentationen, in denen Schneider auch selbst ausführlich zu Wort kam, gründlich aufgearbeitet worden.

Wenn nun also die öffentlich-rechtliche ARD ein Doku-Drama zum Thema (Buch und Regie Christian Hans Schulz) auf dem prominenten 20.15-Uhr-Sendeplatz präsentiert und dafür gleich 90 Minuten Zeit spendiert, stellt sich die Frage nach dem Warum. Aus welchem Anlass geschieht das? Hat dieser Film etwas Neues beizutragen? Hat er nicht. Er verbrät mit viel Fleiß gesammelte Fakten und Interviews mit Richtern, Staatsanwälten, Fahndern und Journalisten zu einem überlangen Werk, das Doku-Drama zu nennen verboten sein sollte, weil das alle Doku-Dramen diskreditiert, die es kunstvoll geschafft haben, Spannung und Realität zu vereinen.

Gleich zu Beginn sieht man den Schauspieler Reiner Schöne, der Jürgen Schneider spielt und als solcher seine Schilderung des Falles in einen Kassettenrekorder diktiert. "Ja, Jürgen, zeig's denen. Unsere Geschichte hat es verdient, genau betrachtet zu werden", sagt dazu Gesine Cukrowski, die Schneiders Frau spielt, und schon da ahnt man, dass es fortan furchtbar werden wird. Weil Gesine Cukrowski, die angesehene Schauspielerin, sicherlich noch nie so schlecht gespielt hat, beziehungsweise noch nie so schlecht inszeniert wurde. Das ist Reenactment in schlimmster Form. Darüber gegossen ist unerträgliche Filmmusik, und dann sind da noch die Momente, in denen sich das Gezeigte anfühlt wie von der Resterampe eines cineastischen Kunstgewerbeladens gefallen: Als Schneider in einem Genfer Hotel seine Flucht vorbereitet, trennt er sich von seinem Toupet. Er schmeißt es aus dem Fenster, und es segelt in Zeitlupe in die Tiefe. Warum?

In dieser Art kleistern hier technische Spielereien den Inhalt zu. Es ist nicht nur die Perücken-Zeitlupe, es ist auch das immer wieder eingesetzte Split-Screen-Verfahren, das normalerweise Gleichzeitigkeit abbilden soll, hier aber nur wirkt, als habe man mal Lust auf diese Spielerei gehabt. Hätte man die Aussagen der Zeitzeugen sauber hintereinander montiert und sachlich erzählt, wäre eine ordentliche 45-Minuten-Dokumentation dabei herausgekommen, denn auf den ersten Blick lässt sich in Sachen Faktentreue nichts bemängeln. Aber hier musste das ganz große Doku-Drama-Rad gedreht werden. Den Fakten allein wurde offenbar nicht vertraut. Am Ende hat man die Frage, die auch nach der Schneider-Pleite gestellt wurde. Wie konnte das geschehen?

Der Auf- Schneider. Aufstieg und Fall eines deutschen Baulöwen. Das Erste, 20.15 Uhr.