Reaktionen auf Friedensnobelpreis:"Er ist talentiert, er ist tapfer"

Friedensnobelpreis - Dmitri Muratow

Dmitrij Muratow ist Chefredakteur der Moskauer Zeitung "Nowaja Gaseta"

(Foto: Alexander Zemlianichenko/dpa)

Dass der russische Journalist Dmitrij Muratow den Friedensnobelpreis erhält, wird ausgerechnet vom Kreml lobend kommentiert - während Teile der Opposition enttäuscht sind. Philippinische Medien heben den Kampf der zweiten Preisträgerin Maria Ressa gegen Falschnachrichten hervor.

Von Silke Bigalke, Moskau, und David Pfeifer , Bangkok

Mit der Vergabe des Friedensnobelpreises an die beiden Journalisten Dmitrij Muratow und Maria Ressa setzt das Nobel-Komitee in Oslo ein deutliches Zeichen für die Pressefreiheit. In den Heimatländern der Reporter, Russland und den Philippinen, stößt die Entscheidung auf ein geteiltes Echo. Die Reaktionen im Überblick.

Der Kreml-Sprecher gratuliert

Die russischen Reaktionen auf den Friedensnobelpreis für Dmitrij Muratow, Chefredakteur der Nowaja Gaseta, hätten kaum gemischter ausfallen können. Grob lassen sie sich in drei Gruppen unterteilen, die größte ist die der ehrlichen Gratulanten: Unabhängige Journalisten und Oppositionelle freuten sich sehr über die Auszeichnung, die Muratow ja irgendwie stellvertretend für all jene gewonnen hat, die in Russland unter großen Risiken für Pressefreiheit kämpfen.

"Echter russischer Journalismus hat diesen Preis verdient, Nowaja Gaseta hat diesen Preis verdient, Dmitrij Muratow hat diesen Preis verdient", schrieb etwa Alexej Wenediktow, Chefredakteur des Senders Radio Moskwy, auf dessen Online-Seite. "Fantastisch!", schrieb der Oppositionspolitiker Wladimir Ryschkow, der derzeit im Moskauer Stadtparlament sitzt, auf Twitter. "Die beste Nachricht seit vielen Jahren!!!" Muratow und seine Zeitung seien "der Stolz Russlands", sie bewahrten "Freiheit und Würde in unserem Land".

Kremlnahe Journalisten reagierten weniger euphorisch. Moderator und Chefpropagandist Dmitrij Kisseljow etwa erklärte die Nominierung zu einer der umstrittensten des Nobel-Komitees. Die Auszeichnung für Muratow "entwertet den Preis", so Kisseljow, es sei schwierig, "sich daran zu orientieren". Der Kreml äußerte sich positiver: "Wir können Dmitrij Muratow gratulieren", sagte Sprecher Dmitrij Peskow am Freitag. "Er arbeitet konsequent im Einklang mit seinen Idealen. Er ist talentiert, er ist tapfer." Er wisse allerdings nicht, so Peskow, ob Präsident Wladimir Putin Muratow auch persönlich gratulieren werde.

"Armer Muratow", schreib der kremlnahe Moderator Wladimir Solowjow in ironischem Unterton auf Twitter. Die Anhänger von Alexej Nawalny würden ihn nun wohl "in Stücke reißen". Tatsächlich reagierten viele Unterstützer des inhaftierten Oppositionellen beinahe enttäuscht auf die Entscheidung aus Oslo - sie sind die dritte Gruppe im Reigen derjenigen, die den Preis für Muratow kommentierten. Ljubow Sobol aus Nawalnys Team beispielsweise gratulierte dem Journalisten zwar auf Twitter, betonte aber, der wichtigste Kämpfer für den Frieden in Russland sei Nawalny. Auch der Oppositionelle Dmitrij Gudkow gratulierte Muratow und nannte die Nowaja Gaseta die beste Zeitung des Landes. Trotzdem wäre es noch besser gewesen, so Gudkow, wenn Nawalny den Preis bekommen hätte.

Der Preisträger selbst sagte am Freitag mehrfach, auch er hätte eher Nawalny ausgezeichnet. Muratow widmete den Preis umgehend der gesamten Redaktion - und vor allem seinen toten Kollegen. Sechs Journalisten der Nowaja Gaseta sind seit deren Gründung ermordet worden. Dmitrij Muratow ist der dritte russische Friedensnobelpreisträger - nach dem Regimekritiker Andrej Sacharow, der ihn 1975 erhielt, und dem früheren Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow. Der gratulierte "diesem großartigen, kühnen und ehrlichen Mann und Journalisten, meinem Freund Dmitrij Muratow". Gorbatschow hat die Nowaja Gaseta seit ihrer Gründung 1993 unterstützt. Der Friedensnobelpreis sei "eine sehr gute Nachricht", so Gorbatschow, er unterstreiche die heutige Bedeutung der Presse.

Rodrigo Duterte wird nicht begeistert sein

Leni Robredo, Vize-Präsidentin der Philippinen, twitterte nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an Maria Ressa - und wenige Tage nachdem sie selber ihre Kandidatur für das höchste Amt im kommenden Jahr bekannt gegeben hatte: "Das ist Anerkennung und Wertschätzung für Deinen unablässigen Einsatz für Wahrheit und Verantwortung. Ich applaudiere Dir für Deinen Mut." Mit ihrer investigativen Plattform "Rappler" deckt Ressa seit Jahren auf, wie der philippinische Staatschef Rodrigo Duterte seine Macht missbraucht und die sozialen Medien kapert.

Friedensnobelpreis - Maria Ressa

Maria Ressa, Journalistin und Chefin der Online-Nachrichtenagentur Rappler

(Foto: Aaron Favila/dpa)

Die Manila Times berichtete weniger über Ressa selber, als über die Rede der Nobelpreis-Sprecherin Berit Reiss-Andersen, die darauf hinweist, wie sehr die Pressefreiheit heute unter Druck geraten sei, auch durch die Verbreitung von Fake News. Reiss-Andersen würdigte, dass Ressa sich auch kritisch mit Facebooks Rolle bei der Manipulation öffentlicher Debatten auseinander gesetzt habe. "Die Verbreitung von Falschmeldungen und Propaganda ist ein Angriff auf das Recht der freien Meinungsäußerung", zitierte die Manila Times.

Nikkei Asia erinnerte an das Urteil gegen Ressa wegen "Cyberlibel", also die Verbreitung einer Falschmeldung über Netzwerke, in einem Verfahren, das die meisten unabhängigen Beobachter in Süd-Ost-Asien für einen Scheinprozess gehalten haben. Ein Geschäftsmann hatte Ressa wegen einer Geschichte verklagt, die bereits 2012 in ihrem Magazin Rappler veröffentlich worden war - sowohl "Amnesty International" als auch "Human Rights Watch" hielten die Verurteilung für einen "Schlag gegen das Recht der freien Meinungsäußerung", wie Nikkei Asia anlässlich der Nobelpreisverleihung noch einmal schrieb. Dahinter stand, dass Präsident Rodrigo Duterte, den Ressa seit Jahren nervt, weil sie seinem brutalen "War on drugs" hinterherrecherchiert, vermutlich hinter der Anklage steckte. Von Duterte wurde bis Samstag keine Reaktion bekannt, obwohl immerhin der Friedensnobelpreis an eine Preisträgerin aus seinem Land vergeben wurde. Er wird nicht begeistert sein.

© SZ/cvei/gba
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