Hörbuch: "Wack to the Future":Bot, steh uns bei

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Hörbuch: "Wack to the Future": Unter dem Titel "Android Ergo Sum" ist das Stück auch schon aufgeführt worden, wie hier bei den ARD-Hörspieltagen in Karlsruhe im November.

Unter dem Titel "Android Ergo Sum" ist das Stück auch schon aufgeführt worden, wie hier bei den ARD-Hörspieltagen in Karlsruhe im November.

(Foto: Uwe Riehm/SWR)

Das Künstlertrio DLÉ malt in seinem musikalischen Hörstück eine wunderbar verrückte Zukunft aus.

Rezension von Stefan Fischer

Wenn in 50 Jahren Geschichten erzählt werden, wird sich das womöglich so anhören: "0100 1101 0110 0001 0110 0100 0110 1001." Digitale Dialoge, durchaus melodiös und rhythmisiert, aber für Menschen unverständlich.

Ach, die Menschen! Als ob es auf die in einem halben Jahrhundert noch ankäme. Das Trio DLÉ - das sind Florian Hertweck, Tim Kapper alias Jaques Tabaques und Malcolm Kemp alias Kemo - katapultiert seine Hörer in dem sehr lustigen, sehr sprachverspielten Musical-Trash-Sci-Fi-Hörspiel "Wack to the Future" in eine Zukunft, in der es die Menschen sehr bequem haben - aber auch sehr öd.

Hörbuch: "Wack to the Future": DLÉ: Wack to the Future. 1 CD oder 1 farbige Doppel-LP, 52 Minuten. Kreismusik, Dresden 2022, 15 beziehungsweise 29 Euro.

DLÉ: Wack to the Future. 1 CD oder 1 farbige Doppel-LP, 52 Minuten. Kreismusik, Dresden 2022, 15 beziehungsweise 29 Euro.

(Foto: Kreismusik)

Die wesentlichen Dinge regeln Bots. Menschen, die noch selbst einer geregelten Arbeit nachgehen, sind irgendwie anrüchig. Gesteuert wird das große Ganze von MADI, der Multiplen Artifiziellen Dividuellen Intelligenz. "Die Erdbevölkerung ist reguliert / Die Erdressourcen wohl dosiert / Umwelt und Klima kontrolliert / Krankheit und Siechtum ausradiert."

Was folgt, ist die große Langeweile. Die nur unterbrochen wird von den sogenannten Dezunden. Dann werden jeweils für ein paar Sekunden alle Bots deaktiviert. Die Menschen sind für weniger als eine Minute vollkommen schutzlos. Womit sie längst nicht mehr umgehen können. Renato wird fast wahnsinnig, glaubt in diesem Augenblick, sein Kind zu verlieren, und fühlt sich von seiner Frau Jeanne Kran im Stich gelassen - in dieser Zukunft sind es die Männer, die die Kinder gebären.

Doch alles geht gut, jedenfalls für die beiden und ihr Ungeborenes. Nicht jedoch für die Direktorin des Museums für antike Technologie, das Renato und Jeanne gerade besuchen und in dem ausgestellt ist, was vor fünfzig Jahren, also in unserer Gegenwart, der (lächerliche) Stand der Entwicklung war. Die Direktorin wird ermordet, und weil die MADI wegen der zurückgesetzten Bots auf keinerlei Daten zurückgreifen kann, muss Frau Kommissaire, so wird Jeanne gelegentlich genannt, ganz klassisch ermitteln.

Die Krimihandlung ist aber nur der Katalysator für einen wilden Ritt. Denn in diesem musikalischen Konzeptalbum geht es um sehr viel: um das Verhältnis der Geschlechter, um die Frage, inwiefern der Mensch noch die Technik beherrscht und nicht umgekehrt. Ja, um die Frage, wie wir künftig leben wollen.

"Wack to the Future" ist eine rasante, anspielungsreiche Satire, Wortwitz und Kalauer sind die sprachlichen Mittel der Wahl. Aber auch musikalisch hat das Hörstück eine gute Dynamik - Elektro vermischt sich mit Bassläufen, die Lyrics werden auf softe Weise gerappt.

Unter dem Titel "Android Ergo Sum" ist das Stück auch bereits auf Theaterbühnen aufgeführt worden, bei den ARD-Hörspieltagen in Karlsruhe war es Mitte November als Live-Hörspiel zu sehen. Die Komik funktioniert jedoch auch auf der rein akustischen Ebene sehr gut. Nicht zuletzt, weil all die Bots letztlich Geschöpfe der Menschen sind. Ihnen also durchaus gleichen in zentralen Eigenschaften. Die hervorstechende ist, Algorithmus hin, 0110-Stupidität her, ihre Unberechenbarkeit.

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