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Talksendung:"Rezo hätte nicht so gesprochen"

Die Gäste aus der Zielgruppe rekrutiert: Kevin Kühnert und Philipp Amthor in der Stern-Talksendung Diskuthek.

(Foto: Screenshot: SZ)

Die "Diskuthek" zeigt, dass eine nachvollziehbare Diskussion über Politik und Gesellschaft in einer Talkshow möglich ist - ganz ohne Anbiederung.

Ende 2018 war der Jungsozialist Kevin Kühnert schon einmal Premierengast eines neuen Talkformats, geblieben ist von diesem Auftritt ein feines Oxymoron. "Ich bemühe mich um Authentizität", sagte Kühnert seinerzeit über sein öffentliches Agieren und beschrieb damit ganz nebenbei die Anspruchskonkurrenz zwischen Politik und ihrer medialen Vermittlung. Seit Donnerstag bemüht sich nun der Stern mit einem Talkformat um Authentizität. Auf dem Dach des Gruner+Jahr-Verlagsgebäudes wurde dafür ein ganz neues Studio eingerichtet und gleich wieder auf alt getrimmt, damit es modern wirkt. Die Diskuthek wurde auf den Weg gebracht von einer wohl sechsstelligen Anschubfinanzierung durch die Google News Initiative und wird wöchentlich zu sehen sein.

Die Frage ist erlaubt, ob Diskursdeutschland einen weiteren Er-sagt-sie-sagt-Halbstünder wirklich nötig hat. Erlaubt ist aber auch die Antwort, dass zumindest der Auftakt mit Kevin Kühnert und dem CDU-Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor durchaus gelungen ist. Drei Hauptthemen hat die Redaktion dafür vorgegeben: Exzesse des Mietmarkts, soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz. Zunächst müssen Kühnert und Amthor jeweils klar Ja-Nein-Position beziehen, in der Folge dürfen sie ihre Haltung erläutern. Die halbe Stunde Sendezeit ist damit ein wenig überfrachtet, jedoch federt die angenehm zurückhaltende Moderation durch Aimen Abdulaziz-Said dies ganz gut ab. Nur einmal übertreibt dieser es etwas. Als er die Diskutanten mit einem Verweis auf den aktuellen Heiland ermahnt, einfach zu formulieren, sagt er wirklich: "Rezo hätte nicht so gesprochen."

Die Diskuthek könnte bald auszeichnen, was jetzt schon das in aller Regel gelungene Format Klamroths Konter auf n-tv auszeichnet. Es ist möglich, im Bewegtbild nachvollziehbar Politik und Gesellschaft zu diskutieren - ohne Anbiederung an wen auch immer, ohne diesen nutzlosen Lärm, mit dem Gäste sonst ständig etwas "entschieden zurückweisen" und ohne diese einfältige Obsession, auf sachliche Kritik immer gleich zu antworten, ja, aber die von der anderen Partei hätten auch schon mal was falsch gemacht, 1983 in Bremen sei das gewesen.

In genau diesem Sinne ist der Diskuthek zu wünschen, dass in ihr künftig noch mehr nach vorne im Sinne von lösungsorientiert gerungen wird. Dass die Redaktion dies nicht nur für eine jüngere Zielgruppe leisten möchte, sondern auch die Gäste aus dieser rekrutiert, muss überhaupt kein Manko sein. Kommt selten genug vor im Fernsehen, dass ein Moderator kurz inne- und dann verwundert festhält, mit seinen 31 Jahren sei er offenbar der älteste in der Runde.

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