Diskussion um Medien für Kinder Sie wischen sich in die Zukunft des Lesens

Werden die "digital natives" noch Bücher in die Hand nehmen? Verkommt die Lesekultur mit den neuen Medien? Verlage suchen nach Antworten auf die angeblich zunehmende Lesefaulheit - und landen bei kindgerechten Angeboten auf Ebook und Tablet-PC.

Von Daniel Wüllner

Auf dem Tablett unterm Tannenbaum werden dieses Jahr keine Geschenke liegen, denn das Tablett selbst ist schon das Geschenk. Technikaffine Väter werden ihr digitales Präsent mit ihren Kindern teilen müssen, denn der Tablet-PC mutiert zum multimedialen Familienunterhalter. Ein Grund für die Kinderbuchverlage, sich mit den neuen E-Books und Apps auf der zweiten Tagung für Kindermedien auseinanderzusetzen.

Die Lager sind gespalten: Gegner der Tablets sehen in diesen keinen Ausweg aus dem funktionalen Analphabetismus von Kindern und Jugendlichen.  Befürworter hingegen halten sie für eine mögliche Lösung zur Bekämpfung von Leseschwäche.

(Foto: dpa)

Wollte man im Vorjahr noch wissen, was da eigentlich für ein Gerät unter dem Tannenbaum lag, rückten die Verlagsvertreter zum zweiten Kindermedienkongress (organisiert von der Akademie des deutschen Buchhandels) mit Tablets und Smartphones ausgerüstet im Literaturhaus in München an. Die Frage nach dem "Was" schien somit beantwortet zu sein, jetzt musste nur noch das "Wie" geklärt werden.

Um zu verstehen, welche Inhalte sich die junge Leserschaft auf den mobilen Geräten wünscht, hilft es bereits, ihnen beim digitalen Lesen etwas genauer über die Schulter zu schauen. Das YouTube-Video "A magazine is an iPad that doesn't work" zeigt ein Kleinkind, das mit einem "Schwupps" seines Fingers zwar spielerisch ein iPad bedienen kann, das sich aber mit der ungewohnten Haptik eines realen Magazins schwertut.

Die unterschiedlichen Lesarten des Videos trennen die Apokalyptiker von den Integrierten: Das iPad kann eine Möglichkeit sein, Kindern das Lesen wieder schmackhaft zu machen. Gleichzeitig zeigt das Video jedoch die erschreckende Desorientierung, die durch ein digitales Überangebot erzeugt wird. Sind diese neuen Geräte also verantwortlich für den "funktionalen Analphabetismus", vor dem Joerg Pfuhl von der Stiftung Lesen warnt, oder sind sie die perfekte Lösung, um Leseschwäche zu bekämpfen?

Die entscheidenden Weichen für das Leserverhalten, so Pfuhl, werden in der frühen Kindheit gestellt. Vor allem das Vorlesen ist ein wichtiger Teil dieser Entwicklung, - stolz verweisen alle Referenten auf die Vorlesefunktion ihrer Apps und E-Books. Die kritische Frage, ob die Rolle des menschlichen Vorlesers in Zukunft von einer Maschine übernommen werden soll, verhallt auf dem Kongress unbeantwortet.

Stattdessen wird die Stärke des Digitalen, des E-Books, gerühmt: die Möglichkeit, Leseanreize zu erzeugen, zu denen eine statische Bleiwüste neben starren Illustrationen nicht imstande ist. Ein Schütteln des Tablets lässt die Buchstaben übers Display fliegen, und wischende Fingerbewegungen auf dem Touchscreen verändern Form und Farbe von Figuren. Die Interaktion mit dem Gerät ist erwünscht. Welche digitale Variante - E-Book, enhanced ("verbessertes") E-Book oder App - für den jeweiligen Verlag Sinn ergibt, hängt ganz von der DNA der Inhalte ab.

Lesen, wischen, interagieren

Die Möglichkeiten lassen sich am besten anhand von amerikanischen und britischen Produktionen aufzeigen. So kann man bei der Lektüre von Booksurfers per Hyperlink direkt von der Geschichte in die dort thematisierten Klassiker der Jugendbuchliteratur und zurück springen. Präsentation um Präsentation weicht das Lesen einem Mitmachen und wird letztendlich zu einem Zugucken. Während Erwachsene bei den Apps von Moving Tales, wie den "Going to bed books", noch Schritt halten können, stellt sich bei dem wahnwitzigen Tempo von The Phantom Clickerist bereits das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ein.

Um auf dem internationalen Markt nicht abgehängt zu werden, haben deutsche Verlage sich die Lizenzen für anglophone Apps, wie zum Beispiel Aschenputtel (Carlsen), gesichert, bevor die Amerikaner einfach ihre eigene deutsche Sprachausgabe mitliefern. Denn die Produktion von orginären Titeln geht in die Tausende und lohnt sich nur für Reihen wie Die drei Fragezeichen (Europa) oder andere wiederkehrende Formate.

Ebenso wenig wie sich die Neuerungen auf dem Markt vorhersehen lassen, kann das Heranwachsen der "digital natives" gesteuert werden. Die Verlagsangestellten berichten über die Erfahrungen ihrer eigenen Kinder mit Tablet-PCs und wie sie deren Medienkonsum kontrollieren. Weder mit dem Typus der alles überwachenden Helikoptermutter noch mit den Laisser-faire-Eltern möchte man sich identifizieren. Ein gesunder Mittelweg muss das Ziel sein.

Die Zukunft des digitalen Kinderbuchs wird davon abhängen, inwieweit sich die Produzenten mit den vielfältigen Möglichkeiten, aber auch mit bevorstehenden Gefahren auseinandersetzen. Die Kinderbuchbranche scheint auf einem guten Weg zu sein: Die Euphorie über Tablets und Smartphones droht nicht in blinden Aktionismus zu münden, sondern lebt von einer gesunden Skepsis - nicht zuletzt, weil E-Book-Produzenten auch gleichzeitig Eltern sind.

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