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Digitaler Hörfunk:Einsam voran

Communications tower and complex at Honningsvag, Northern Norway.

Was macht ein Sendemast nach Feierabend? In Nord-Norwegen zumindest genießt er den unverbauten Blick auf den Mond.

(Foto: mauritius images/STEPHEN FLEMING/Alamy)

Norwegen hat als erstes Land der Welt begonnen, das analoge Radio abzuschalten. Wie auch in Deutschland ist die Umstellung sehr umstritten - und wird nun als Wahlkampfthema entdeckt.

Von Silke Bigalke

Erst gab es Fanfaren, danach einen Countdown, noch einen Trommelwirbel. Erst dann legte eine Frau mit pinken Fingernägeln feierlich einen silbernen Hebel von links nach rechts. So altmodisch hat es ausgesehen, als Norwegen am Mittwoch seine Radio-Zukunft startete: Mit dem silbernen Hebel hat es in Bodø die analogen Radiosender abgeschaltet, zumindest im ersten Teil des Landes. Bis Jahresende möchte Norwegen flächendeckend auf digitales Radio, DAB, umstellen.

Norwegen ist das erste Land weltweit, dass sich vom analogen Radio verabschiedet. Es ist ein Schritt, der in vielen Ländern, auch in Deutschland, heftig diskutiert wird. In Norwegen hat die Regierung ihn einfach beschlossen, 2011 stimmte das Parlament dafür. Ein wichtiger Grund sind die Kosten: Wegen der hohen Berge und tiefen Fjorde sei es teurer, analoges Radio in jeden Winkel zu senden. Indem sie es durch digitales Radio ersetzt, hofft die Regierung den nationalen Radiosendern 200 Millionen Kronen im Jahr zu sparen, etwa 22 Millionen Euro. Den Hörern verspricht sie 22 landesweite Kanäle statt bisher fünf. Außerdem sollen die Sender zuverlässiger sein, die Qualität besser.

Die Provinz Nordland mit ihrer Hauptstadt Bodø hat den Anfang gemacht, ein lang gezogener Landesteil der sich bis über den Polarkreis streckt. Dort oben ist Jan Fredriksen mit seinem Boot Reinsbåen unterwegs, er ist Fischer. An dem Tag, als der Schalter umgelegt wurde, hörte er auf See erst mal gar nichts mehr. Er hat zwar ein digitales Radio an Bord. Aber das gab nun fast keinen Ton mehr von sich.

Wie ihm ging es vielen Hörern in Nordland. In den Callcentern des öffentlich-rechtlichen Senders NRK riefen am vergangenen Mittwoch doppelt so viele Menschen an wie an normalen Tagen. Sie beschwerten sich nicht nur, weil ihre alten UKW-Radios nichts mehr empfingen. Probleme hatten auch Norweger, die längst digitales Radio hören. NRK hat seinen ersten DAB-Sender bereits 1995 geöffnet. Mit dem Switch in Nordland hat es nun auf DAB Plus umgestellt. Viele Hörer mussten deswegen erst mal Sender suchen.

"Wir hätten nicht das erste Land sein dürfen, das das probiert", sagt der Lokalradio-Chef

Fragt man die norwegischen Hörer, hätten sie den silbernen Hebel lieber nicht umgelegt. Noch im Dezember stimmten in einer Umfrage zwei Drittel gegen das digitale Radio. Denn während die Sender nun Geld einsparen, müssen sich ihre Hörer neue Geräte anschaffen. Eine Studie von 2015 hat ergeben, dass etwa 55 Prozent aller Haushalte mindestens ein DAB-Gerät haben. Die Zahl dürfte heute höher liegen, die großen Sender haben schließlich Werbung gemacht für die Umstellung. Doch wer ein DAB-Gerät im Haus hat, der hat noch lange keines im Auto, im Schlafzimmer, auf dem Boot, sagt Svein Larsen, der den Norwegischen Lokalradioverbund leitet und gegen den UKW-Abschied ist. Der macht knapp acht Millionen alter Geräte in Norwegen nutzlos. Einer Schätzung zufolge fahren zudem etwa zwei Millionen Autos ohne DAB-Empfang durchs Land, die dann weder Verkehrsnachrichten noch Warnmeldungen empfangen können.

Und dann sind da die Schiffe, in Norwegen kein unwesentlicher Faktor. Versprochen war, dass DAB-Sender bis mindestens 50 Kilometer vor der Küste empfangbar sind. Aber so sehr Jan Fredriksen auf seinem Boot suchte, er schipperte am Mittwoch 18 Kilometer ohne Empfang. "Radio ist für die kleinen Fischerboote die einzige Möglichkeit, Wetterberichte und andere Nachrichten zu bekommen, wenn sie auf See sind", sagt er. Es gehe da auch um Sicherheit. Fredriksen ist der Chef der lokalen Fischergewerkschaft Nordland Fylkes Fiskarlag. Wie viele Lücken es noch gibt und wie groß die sind, weiß er nicht, denn seit einer Woche waren sie wegen schlechten Wetters nun nicht mehr draußen. Er sagt aber, NRK habe sich dann sehr bemüht, das Sendeloch zu schließen, in das er vergangene Woche geraten war.

Lokalradio-Chef Larsen geht davon aus, dass alle nationalen Sender nun Hörer verlieren werden. Die Umstellung hält er für "falsch und unnötig. Wir hätten nicht das erste Land sein dürfen, das das probiert." Denn für die DAB-Umstellung sei es eigentlich schon zu spät. Larsen glaubt, dass viele Hörer nun zum Internetradio wechseln, statt sich neue Geräte zu kaufen.

Etwa 200 norwegische Lokalradios haben sich der Revolution verweigert und werden mindestens noch bis 2022 weiter analog senden. Was danach passiert, sei unklar, sagt Larsen. Bis dahin sieht er für die Lokalradios sogar einen Vorteil darin, dass die drei großen nationalen Sender, NRK sowie die Privatsender Radio Norge und P4, sich von ihren analogen Sendern verabschieden. Er schätzt, dass allein NRK dadurch eine halbe Million Hörer verlieren und die Lokalradios beinahe ebenso viele dazugewinnen könnten. NRK hat diese Zahlen nicht bestätigt. Für den öffentlich-rechtlichen Sender ist es längst auch eine Prestigefrage, die Umstellung nach so langer Vorbereitung auch durchzuziehen. Die beiden großen privaten Sender scheinen zögerlicher zu sein. Sie haben vereinbart, dass sie in vier der sechs Regionen ihre Sender später umschalten als NRK, lassen das staatliche Unternehmen vortesten. Schritt für Schritt wird so eine Provinz nach der anderen ihre UKW-Sender verlieren. Der letzter Schalter soll am 13. Dezember 2017 in Troms und Finnmark umgelegt werden, in den beiden nördlichsten Regionen.

Weil die Norweger im Herbst ein neues Parlament wählen, haben nun auch einige Politiker die Radiorevolution als Problemthema ausgemacht. Im Dezember gab es letzte Versuche im Osloer Parlament, die Umstellung zu stoppen. Drei der acht Parteien im Storting, die Grünen, die Zentrumspartei, die vor allem ländliche Interessen vertritt, und die Fortschrittspartei, die selber in der Regierung sitzt, wollten einen Aufschub. Sie klagten plötzlich über Kosten für die Verbraucher, über den Elektroschrott aus nutzlosen UKW-Radios, über die Unsicherheiten, die Norwegen als DAB-Pionier erwarten. Die Zentrumspartei schlug dann noch vor, wenigsten einen Plan für die alten Radios aufzustellen. Man könne sie ja zum Beispiel in die Nachbarländer schicken.

Das schwedische Parlament hat sich im vergangenen Jahr klar gegen DAB Plus ausgesprochen. Schweden will stattdessen Platz für mehr UKW-Sender schaffen und Online-Radio stärker verbreiten. Wenn die Schweden also mit ihren Autos nach Norwegen über die Grenze kommen, werden sie bald vermutlich keinen Verkehrsfunk mehr hören können. "Die schwedische Entscheidung war der nächste Schlag für die norwegischen Sender", sagt Svein Larsen. Norwegen sei nun ein seltsames Zugpferd. "Zeigt den Weg, aber niemand folgt."

© SZ vom 20.01.2017
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