"Diener des Volkes" mit Wolodimir Selenskij:Da war doch was

"Diener des Volkes" mit Wolodimir Selenskij: Einmal hat er das Badezimmer doch für sich - und ahnt nicht, dass dies der letzte ruhige Moment in seinem Leben sein wird: Wassyl Holoborodko (Wolodimir Selenskij), künftiger Präsident der Ukraine.

Einmal hat er das Badezimmer doch für sich - und ahnt nicht, dass dies der letzte ruhige Moment in seinem Leben sein wird: Wassyl Holoborodko (Wolodimir Selenskij), künftiger Präsident der Ukraine.

(Foto: Eccho Rights)

Als Komiker hat Wolodimir Selenskij die Realität bereits vorweggenommen: Er wird Präsident der Ukraine. Nun ist seine sehr lustige Serie "Diener des Volkes" in der Mediathek von Arte zu sehen.

Von Stefan Fischer

Hat sich denn streng genommen viel verändert im Leben des Wassyl Petrowitsch Holoborodko? Nun, der Mann ist vollkommen überraschend zum Präsidenten der Ukraine gewählt worden. Dabei war er bis eben noch ein unterbezahlter Geschichtslehrer an einer gewöhnlichen Schule in Kiew. Seine Kandidatur für das höchste Staatsamt war lediglich ein symbolischer Akt. Dazu gedrängt hatten ihn seine Schüler. Ein Video, das der Aufmüpfigste unter ihnen heimlich von Holoborodko aufgenommen hatte, als dieser sich in eine Wutrede gegen Korruption und Misswirtschaft hineinsteigerte, spielt dabei die entscheidende Rolle. Aktiv Wahlkampf hat der 39-Jährige aber nicht betrieben. Umfragen haben ihn nicht einmal unter den zehn aussichtsreichsten Bewerbern gesehen.

Doch abgesehen davon, dass er seinen Job gewechselt hat, bleibt für Holoborodko alles beim Alten: Er wird weiterhin bevormundet, nur eben nicht mehr von seinen Eltern, seiner Schwester, seiner Nichte und dem Hauswart, sondern vom ukrainischen Machtapparat. Dem gehören eine Unzahl Menschen an, die ihm bedeuten, wie er zu gehen, zu lächeln, sich zu kleiden habe. Und vor allem: was er öffentlich zu sagen hat.

Die ukrainische Serie Diener des Volkes von 2015 erzählt auf verschiedenen Ebenen eine verrückte Geschichte. Die bizarrste führt in die aktuelle politische Realität des Landes, denn Wolodimir Selenskij, der die Figur des Wassyl Holoborodko erfunden hat und auch spielt, ist inzwischen selbst Präsident der Ukraine. Und steckt damit selbst in den Mühlen eines von ihm bereits fiktiv beschriebenen Systems, die ihn binnen kürzester Zeit zerrieben haben. Sollte Selenskij jemals lautere Absichten gehabt haben, so ist davon kaum noch etwas übrig.

Der Oligarch Kolomoiskij hat Selenskijs politischen Aufstieg unterstützt

Er muss - vielleicht will er das auch - sich mit den Oligarchen seines Landes arrangieren, die die Wirtschaft und die Politik der Ukraine steuern. In den Pandora Papers, einem Leak von geheimen Daten aus Steueroasen, tauchen Selenskij und sein engstes Umfeld mit einigen Briefkastenfirmen auf. Das Geld auf deren Konten stammt möglicherweise aus einer gigantischen Plünderung der Privat-Bank durch den Oligarchen Ihor Kolomoiskij zu einer Zeit, als diesem die Bank gemeinsam mit einem Geschäftspartner gehört hatte.

Kolomoiskij hat den Aufstieg des Schauspielers und Komikers Selenskij trotz dessen Kritik am Oligarchentum gefördert. Sein Fernsehsender 1+1 hat Diener des Volkes ausgestrahlt. Selenskijs Wahlkampf wurde von einem Anwalt Kolomoiskijs organisiert, der Oligarch stellte dem jetzigen Präsidenten Bodyguards und Autos.

Diesen Einfluss des Machtapparates, jederzeit alles möglich zu machen, zeigt Wolodimir Selenskij in Diener des Volkes. Die Serie ist nun zum ersten Mal als Original mit deutschen Untertiteln zu sehen, und zwar in der Mediathek von Arte. Der entscheidende Unterschied dieser Fiktion zur Realität ist: Präsident Holoborodko ist definitiv ein ehrenhafter Mann, seine Aufrichtigkeit ist so ehrlich wie naiv. Im Verlauf der Serie wird sie schweren Schaden nehmen. Dennoch entfaltet sie eine Kraft, die schließlich manches zum Besseren wenden wird.

Die Fiktion greift in eine Zukunft voraus, die in der Realität noch nicht eingetreten ist

Diener des Volkes steht insofern herrlich schräg in der Zeit: Einerseits ist die Serie, was die ersten Folgen betrifft, von der Realität bereits überholt worden. Andererseits greift sie in ihrer zweiten Hälfte immer noch voraus in eine Zukunft, die bislang realiter nicht eingetreten ist, da Selenskij nach wie vor im Amt und sein politisches Erbe nicht abzusehen ist.

Was man über Wolodimir Selenskij jedoch mit Sicherheit sagen kann, ist, dass er die Mechanismen, wie Politik in der Ukraine funktioniert, offensichtlich sehr gut durchdrungen hat. Und er auch genau analysiert hat, wie unter diesen Prämissen die Gesellschaft tickt. Diener des Volkes wird gelegentlich mit House of Cards verglichen. Doch vom kalten Zynismus der US-Serie ist hier nichts zu finden. Viel eher entdeckt man in Holoborodko etwas vom anarchischen Chaos, mit dem beispielsweise auch Roberto Benignis Filmfiguren häufig auf die Zumutungen des Lebens reagieren.

Die Pilotfolge von Diener des Volkes, mit 45 Minuten doppelt so lang wie die weiteren Episoden, ist meisterhaft. Sie führt alle wichtigen Figuren ein und setzt bereits die meisten Nebenhandlungen in Gang, ohne auch nur im Ansatz überfrachtet zu sein. Vielmehr greifen die Szenen allesamt organisch ineinander.

Wassyl Holoborodko lebt wieder bei seinen Eltern, seit er von seiner Frau, mit der er einen Sohn hat, geschieden ist. Der Vater, Taxifahrer und Lebenskünstler, hält wenig von seinem studierten Sohn, die Mutter erstickt ihn mit ihrer Fürsorge. Kurz: Beide nehmen ihn nicht für voll. Das gemeinsame Badezimmer bleibt Wassyl scheinbar auf ewig verschlossen, vor allem seine Nichte, die ebenfalls in der Wohnung lebt, blockiert es weitgehend. Nicht einmal in den kleinen Dingen des Alltags kann er sich also durchsetzen - und nun soll er die Ukraine führen.

Im Badezimmer des Präsidenten verbirgt sich manche Überraschung

Das Badezimmer ist darüber hinaus ein gutes Beispiel dafür, wie Selenskijs Komik funktioniert: Wie ein Jack in the Box kommen immer wieder Menschen daraus hervor und lenken die Szene, die sich im Flur davor abspielt, in eine neue Richtung. Solche Situationskomik macht sich Selenskij häufig zunutze, außerdem schätzt er Running Gags. Eines der Opfer ist der belarussische Präsident Lukaschenko. Manchmal ahnt man die Pointen, auf die Selenskij zusteuert. Immer wieder setzt er dann aber noch eine Überraschung obendrauf.

Der eigentliche Witz besteht jedoch in dem grotesken Gefälle zwischen der Lebenswirklichkeit Holoborodkos, aus der er sich auch als Präsident nie befreit, und jener in den Zirkeln der Macht. Selenskijs Punching-Partner ist der Schauspieler Stanislaw Boklan. Er spielt Jurij Iwanowytsch Tschujko, Troubleshooter und eine Art Nanny für den neuen Präsidenten. Tschujko bedient sich mit der größten Selbstverständlichkeit der unerschöpflichen und häufig perversen Möglichkeiten eines potenziell diktatorischen Systems. Wer über Macht verfügt, spielt sie skrupellos aus.

Die Serie dekliniert diesen Mechanismus durch die gesamte Bevölkerung. Vor allem der Vater erlaubt sich Ungeheuerliches in dem Vertrauen darauf, dass sein Sohn die Dinge schon regeln wird. Umgekehrt wird die Unterwürfigkeit der Nichtprivilegierten ausgeweidet. Wolodimir Selenskij ist eine Satire geglückt, in der das Feinsinnige und das Brachiale bestens nebeneinander existieren. Und die immer und immer wieder den realen Kern trifft.

Diener des Volkes, Arte-Mediathek, von 19. November 2021 an.

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