bedeckt München 23°
vgwortpixel

Die Welt von Al-Dschasira:Herz der Erleuchtung

Keiner ist so frei, so ausführlich, so kontrovers - der Fernsehsender Al-Dschasira hat die arabische Medienwelt revolutioniert. Ohne ihn sind die Freiheitsbewegungen in Nordafrika kaum denkbar. Ein Besuch in der Zentrale in Doha.

Es ist zwei Uhr nachts, als Rawya Rageh unter ein Bett flüchtet und so angestrengt nach ihren Verfolgern lauscht, dass sie hört, wie ihr Herz immer schneller zu schlagen beginnt. Die Reporterin des Senders al-Dschasira hat Unterschlupf bei einer Familie gefunden, um sich vor Unterstützern des ägyptischen Regimes zu verstecken. Doch nun haben die Schlägertrupps ihre Fährte aufgenommen und klopfen an alle Türen des Häuserblocks. Es sind endlos lange Minuten, in denen die Stimmen der Verfolger lauter werden, und Rageh nur ein Gedanke durch den Kopf geht: "Alles, was sie wollen, ist unser Blut."

QATAR-MEDIA-JAZEERA

Blick in den Newsroom von Al-Dschasira in der Zentrale in Doha. Von den Protesten in der restlichen arabischen Welt berichtet kein Sender so schnell, so ausführlich und so genau.

(Foto: AFP)

Diese Angst, die Rageh, zusammengekauert unter dem Bett, beschleicht, ist ein kurzes Gefühl in einer langen Schlacht: Dabei kämpfen Sicherheitskräfte in etlichen arabischen Staaten gegen Journalisten um die Hoheit über Informationen. An vorderster Front stehen die Journalisten von al-Dschasira. Sie sind eine Art Elite-Einheit des arabischen Fernsehens. Niemand manövriert in der Region so geschickt wie sie, niemand erzielt dabei eine solche Wirkung, niemand führt diesen Kampf seit so langer Zeit. Denn für al-Dschasira begann die Auseinandersetzung nicht mit den tunesischen Protesten im Dezember, sondern im Frühjahr vor 15 Jahren.

"Es war an einem Nachmittag im April 1996", erinnert sich der frühere BBC-Reporter und heutige Al-Dschasira-Chefredakteur Ahmed Sheikh. An jenem Tag erhielten die damaligen Mitarbeiter des arabischen Programms der BBC die Aufforderung, nicht mehr in ihre Büros im Londoner Viertel White City zu kommen. Ihr Sender wurde geschlossen. "Während wir ungeduldig darauf warteten, dass die Verwaltung abgewickelt wird, erfuhren wir, dass ein Gast aus Katar da war, der versuchte, die alten Angestellten für einen neuen Sender anzuwerben", erzählt Sheikh. Nur zwei Monate später flog er aus dem Regen in London in die erdrückende Schwüle der katarischen Hauptstadt Doha. "Es war wortwörtlich ein heißer Start für meine Arbeit bei al-Dschasira, und die Erfahrung sollte so bleiben."

Arabische Sender waren lange Zeit nur Hofberichterstatter für ihre örtlichen Herrscher gewesen. Doch der Emir von Katar, Hamad bin Khalifa al-Thani, hatte 1995 bereits mit einem Putsch gegen seinen eigenen Vater gegen den arabischen Ehrenkodex verstoßen. Nun suchte er Ansehen mit Hilfe von Reformen - und spendete Berichten zufolge etwa 150 Millionen Dollar für die Gründung eines neuen Senders, den er bis heute bezuschusst. Erstmals in der Geschichte des arabischen Fernsehens sollten darin alle politischen Lager zu Wort kommen und so das Motto von al-Dschasira untermauern: "Die Meinung und die andere Meinung."

Nirgends ist diese Devise so klar zu erkennen wie in einer Sendung, die zur kontroversesten Show des arabischen Fernsehens wurde: "Al-Ittijah al-Muakis" - auf Deutsch: "Die entgegengesetzte Richtung". Darin debattieren zwei prominente Gäste über Themen, die viele Menschen bewegen, die aber in öffentlichen Diskussionen verschwiegen werden. Als al-Dschasira etwa die konservative ägyptische Schriftstellerin Safinaz Kazim und die jordanische Menschenrechtlerin Tujan al-Faisal einlud, über Polygamie zu diskutieren, endete die Debatte in einem Eklat: Die Damen schrien sich an, und auf den Hinweis, dass die Gäste live auf Sendung seien, antwortete Kazim nur noch: "Selbst wenn wir auf dem Mars wären, ich gehe." In den ersten Jahren von al-Dschasira waren viele Araber so fasziniert von der Talkshow, dass sie Gerüchten zufolge bis zu 100 Dollar für Videokassetten mit Aufzeichnungen davon bezahlten.

Die spektakulärsten Effekte erzielte die Sendung jedoch mit politischen Themen. "Bald fing ich an, meine Freiheit zu nutzen, ganz nach dem Prinzip: Wenn sie dir einen Meter geben, dann nimm drei", erzählt der frühere BBC-Journalist Faisal al-Kassem, der die Show bis heute moderiert. Also lud er zwei Gäste zu einer Debatte über den Friedensvertrag zwischen Jordanien und Israel ein. Die Folge löste eine solche Kontroverse aus, dass die jordanische Regierung das örtliche Al-Dschasira-Büro schloss. Eine weitere Sendung über Libyen verärgerte die Regierung in Tripolis derart, dass sie sogar ihren Botschafter aus Katar abzog. So schrieb die US-Zeitschrift The Atlantic über Kassem: "Niemand in der arabischen Fernsehwelt ist so kontrovers, so gehasst oder so geliebt wie er."