Süddeutsche Zeitung

"Die Luther-Matrix" in der ARD:Schlechte "Checker Tobi"-Folge für Erwachsene

Lesezeit: 3 min

Die ARD unternimmt den ambitionieren Versuch, das krimisüchtige Volk von innen heraus mit Wissen über Martin Luther zu infiltrieren? Das Experiment geht total schief.

Von Ralf Wiegand

Wenn man es wohlwollend betrachtet, von der Absicht her und nicht vom Ergebnis, dann hat da einfach mal jemand etwas versucht. Und das ist es ja, was viele vom Fernsehen, gerade vom öffentlich-rechtlichen, verlangen: Probiert doch mal was, und wenn es der Verblödung der Bevölkerung entgegenwirkt, umso besser.

In diesem Fall hat die ARD gleich mal ein neues Genre erfunden, das sie vollmundig "Doku-Thriller" nennt und das wohl die Absicht haben soll, Bildungsfernsehen in eine Krimi-Handlung zu gießen. Damit, einer Art Trojanischem Pferd gleich, könnte man das krimisüchtige Volk von innen heraus mit Wissen infiltrieren. Wie raffiniert.

Leider ist das Ergebnis ein einziges Desaster. "Im Zentrum des Doku-Thrillers stehen ein Whistleblower, das Bundeskanzleramt, Geheimdienste und - Martin Luther", wirbt die Pressemappe für Die Luther-Matrix. Falls das so klingt, als würde da irgendetwas irgendwie nicht zusammenpassen, liegt das womöglich daran, dass es nicht zusammenpasst. Als würde man eine Jeans und ein T-Shirt zusammennähen in der Hoffnung, es kommt ein Abendkleid dabei heraus.

Kurz die "Handlung", der fiktive Teil des Flickwerks: In Berlin fängt das Bundeskriminalamt einen Hacker im Bundeskanzleramt. Gehackt hat der mal einfach alles, die Daten an die Öffentlichkeit gegeben, als moderner Aufklärer. Ein Whistleblower.

Auf seinem Handy hat er als Startbildschirm ein Luther-Porträt, auf seinem Schreibtisch steht ein Playmobil-Luther, und beim Verhör stellt er sich vor mit dem Luther-Zitat: "Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen." Das BKA kommt recht bald darauf, dass das alles etwas mit diesem Luther zu tun haben könnte.

Die Ermittler versuchen alles herauszubekommen - über Martin Luther

Die Ermittler im Berliner "Cyberabwehrzentrum", sie sind entweder vollkommen dämlich, cholerisch-hysterisch oder irgendwie vergeistigt, versuchen nun alles herauszubekommen über - nein, nicht den Hacker, sondern über Martin Luther.

Dabei schauen sie vor allem dabei zu, wie ihre Kollegin verdeckt "ermittelt", was sich darin erschöpft, dass sie als Journalistin getarnt Luther-Experten um Luther-Experten interviewt und die Gespräche live in die Kommandozentrale überträgt. Mit GPS-Daten und Experten-Dossiers.

Die Beamten setzen sich erstmal ans Internet und laden einen Kinderfilm über Luther herunter

Dieser Luther ist für die Beamten ganz offensichtlich ein vollkommen Unbekannter. "Dieser schwarze Typ, der ermordet wurde in Amerika?" fragt der eine. "Nein, der Reformator", sagt der andere. "Hä, zwei Luthers?" erwidert der Erste.

Dann setzen sich die Beamten ans Internet und laden sich erst einmal einen Kinderfilm über Martin Luther herunter. Die animierten Stücke, die die Macher der Kinder-Nachrichten Logo nicht besser hingekriegt hätten, begleiten den gesamten Film.

Dramaturgisch und logisch ist das ganze Stück leider eine einzige Katastrophe. Warum muss man Peter Gauweiler, Margot Käßmann, Kardinal Gerhard Ludwig Müller oder Friedrich Schorlemmer - die allesamt tatsächlich auftreten - als verdeckte Ermittlerin entgegentreten, um Hintergrundmaterial zu Luther (und, das ist der Kniff, damit zu Motiv und möglichen weiteren Taten des inhaftierten Hackers) zu bekommen? Warum muss diese Ermittlerin ihre Fragen so naiv stellen, als hieße sie nicht Carlotta Kuttner, sondern ehrlicherweise gleich Karla Kolumna und berichte nicht dem BKA, sondern Benjamin Blümchen? Und wie schafft sie es überhaupt, in einem Moment in Berlin und in nächster Sekunde in Lübeck, Rom oder Weimar zu sein?

Das könnte im Prinzip egal sein - wenn der Film seine Zuschauer nicht mit Zeitstempeln im Stile von Echtzeit-Krimis ständig mit der Nase auf diesen Unfug stoßen würde.

Der Whistleblower spuckt im Verhör Luther-Zitate wie ein Sprechautomat aus

Und im Keller sitzt währenddessen der gefangene Whistleblower, der gegen den Überwachungsstaat kämpft, und spuckt im Verhör Luther-Zitate wie ein Sprechautomat aus. Luthers nerdiger Wiedergänger heißt übrigens ernsthaft "von Lupfer" und muss gespielt werden von Marek Harloff.

Die Idee, die Motivation von heutigen Systemgegnern mit dem Systemgegner des Mittelalters, mit Luther, abzugleichen, verpackt in eine fiktiv-dokumentarische Handlung, war groß. Herausgekommen ist aber nur eine schlechte Checker Tobi-Folge im Luther-Jahr für Erwachsene mit Schlafstörung, Beginn 23 Uhr, eineinhalb Stunden Dauer.

Die Luther-Matrix, ARD, 23 Uhr.

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SZ vom 11.04.2017/pak
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