Auf den ersten Blick ist alles beim Alten. Die ARD-Serie Die Heiland - Wir sind Anwalt beginnt mit derselben aufgekratzt-hibbeligen, fiepend-ironischen Titelmusik, die man aus der ersten Staffel kennt. Da wird eine Fernseh-Feelgood-Leichtigkeit erzeugt, die man auch nervig finden kann. Wie ein überdeutliches Augenzwinkern. Andererseits ist auf die Harmlosigkeit dieser Musik Verlass. Mag es in der Anwaltsserie Die Heiland auch um Straftaten, Kriminal- und Gerichtsfälle gehen - wirklich böse, blutig und brutal wird es nie. Die Grundstimmung ist heiter bis skurril wie die Musik, die Assistentin eine lustige Nudel, und am Ende siegt verlässlich das Gute. Auch daran hat sich in der zweiten Staffel nichts geändert. Wie überhaupt die Konstellationen, die Figuren, der ganze Kosmos der Reihe rund um die blinde Titelheldin gleich geblieben sind. Und doch hat die Serie ein anderes Gesicht. Was wörtlich zu nehmen ist.
Nach dem tragischen Tod von Lisa Martinek im Juni 2019 in Italien spielt nun die Schauspielerin Christina Athenstädt (bekannt aus der ARD-Serie Familie Dr. Kleist) die Rolle der blinden Anwältin Romy Heiland. Eine Neubesetzung, der man erst einmal skeptisch begegnet: Kann und muss denn jeder, jede immer gleich ersetzt werden? Hauptsache, das Ding läuft weiter? The show must go on - auch wenn das Herz der Serie nicht mehr schlägt?
Christina Athenstädt, um es gleich zu sagen, macht ihre Sache sympathisch, würdig und gut. Auch bei ihr ist Romy Heiland eine sehr freundliche Erscheinung, blond nun, eine Spur hand- und standfester, nicht mehr so durchscheinend filigran. Martinek verlieh der sehbehinderten Figur ein unergründliches Lächeln, das von innen heraus kam, ein zartes Leuchten, man sah sie gerne an. Bei Athenstädt leuchtet Romy nun mehr äußerlich: in Gelb. Gelb ist ihre Farbe, von den Haaren über ihre Blusen bis zu den Stiefeln. Eine ganze Garderobe in Honig-, Gold- und Kanariengelb. Gelb, schon klar, steht für Sonne, Licht und gute Laune - bei einer Blinden die offenkundigste Kontrast- und Signalfarbe. Athenstädts Spiel ist gottlob nicht so dick aufgetragen wie diese Farbsymbolik. Die 41-Jährige ist gewinnend und wirkt auch am Telefon wie eine reflektierte, sensible Person. Sie habe selber auch Skrupel und Zweifel gehabt, nach Lisa Martineks Tod der Casting-Einladung zu folgen, gesteht sie. Und habe sich gefragt: Hätte man nicht eine komplett neue Figur erfinden müssen? Aber wie die Produktionsfirma (Olga Film) sich verhalten habe, sei alles andere als herzlos, sagt die Schauspielerin. Es fallen Begriffe wie "Demut" und "Ehrfurcht". Sie habe vonseiten des Teams so viel Zuspruch bekommen, und alle seien so "respekt- und liebevoll" mit der Fortsetzung umgegangen, dass ihr klar geworden sei: "Ich nehme niemandem etwas weg. Ich erzähle eine Geschichte weiter, ohne das anzutasten, was vorher war."
Athenstädt sagt, sie mochte die Heiland als Figur von Anfang an: "Die ist für mich eine Heldin. Sie hat Jura studiert, schafft als Blinde den Anwaltsberuf, setzt sich extrem für ihre Mandanten ein, sehr unerschrocken oft. Auf der anderen Seite hat sie dieses Handicap und darüber hinaus ganz normale Probleme." Dieses Spannungsfeld sei reizvoll. Was sie am meisten an dieser Frau mag: "Die biedert sich nicht an. Die muss und will niemandem gefallen. Damit kann ich viel anfangen."
Wie man glaubhaft blind spielt, hat Athenstädt mit einem Bewegungstrainer geübt, "und viel mit Augenbinde". Außerdem bekam sie Tipps von der blinden Berliner Anwältin Pamela Pabst, auf deren Biografie die Serie fußt. Sechs Folgen sind es jetzt erst mal. Sie führen die einsatzfreudige Heiland in den Knast (zu einem vermeintlichen Totschläger), zur Bundeswehr (in den Diensthundezwinger), in den Wald (zu einem angeblichen Wilderer) und privat in eine Tanzschule, wo Staatsanwalt Illic (Aleksandar Jovanovic) ihr Tanzpartner wird. Schade, dass sie seine bestechend blauen Augen nicht sieht. Romys Assistentin ist nach wie vor Ada Holländer, die kesse Plattenbau-Göre mit der Berliner Schnodderschnauze (Anna Fischer). Der Pfiff der Serie besteht aus dieser Konstellation. Romys Ex Ben Ritter hat übrigens eine Neue. Gespielt wird er von Peter Fieseler, Athenstädts Ehemann.
Die Heiland - Wir sind Anwalt. Das Erste, dienstags, 20.15 Uhr und in der ARD-Mediathek