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Arte-Serie "Die Brücke":Meine geniale Freundin

Episode 8

Soziale Interaktion ist nicht ihre Sache, Humor auch nicht, Saga Norén hat andere Stärken: Sofia Helin als schwedische Ermittlerin auf der Öresundbrücke.

(Foto: Jens Juncker-Jensen/picture alliance / Everett Colle)

Die ungewöhnlichste, befremdlichste und faszinierendste Kriminalermittlerin ist immer noch Saga Norén in der Serie "Die Brücke". Eine Liebeserklärung. 

Von Christine Dössel

Das Genre "Nordic Noir" oder auch "Scandi-Noir", vormals subsumiert unter dem Label "Schwedenkrimi", hat starke Frauenfiguren hervorgebracht. Taffe skandinavische Kommissarinnen wie Irene Huss, Maria Wern, Sarah Lund oder die Staatsanwältin Rebecka Martinsson. Schließen wir die brillante Hackerin Lisbeth Salander aus Stieg Larssons extraordinärer Millennium-Trilogie mal als ohnehin unvergleichlich aus, dann ist von all diesen gut aussehenden, selbstbewussten, hochintelligenten, meist von privaten Schicksalsschlägen gebeutelten oder traumatisierten TV-Ermittlerinnen die mit Abstand ungewöhnlichste, befremdlichste, faszinierendste: Saga Norén von der Kripo Malmö, die blonde schwedische Kommissarin aus der Serie Die Brücke - Transit in den Tod (schwedisch: Bron).

Es sei vorangestellt, dass dies ein persönlicher Text ist, eine Fan- und Liebeserklärung anlässlich der Wiederbegegnung mit der von 2011 bis 2018 ausgestrahlten schwedisch-dänisch-deutschen Serie. In der Arte-Mediathek sind derzeit die ersten zwei (von insgesamt vier) Staffeln noch einmal zu sehen. Beim erneuten Anschauen stellen sich nahezu dieselben Reflexe ein wie beim soghaften ersten Mal: dieses Hineingezogenwerden in einen düster funkelnden Kosmos der sonst als so glücksvorbildlich geltenden schwedischen und dänischen Gesellschaft, eingestimmt jedes Mal durch den elegischen Titelsong "Hollow Talk" von Choir of Young Believers. Die raffiniert aufgebaute, bisweilen hochdramatische Spannung. Die nähere Bekanntschaft mit höchst interessanten, skurrilen oder auch stinknormalen, in ihrem Normalsein aber sehr fein und würdig gezeichneten Charakteren. Der schmerzhaft-schaurige, aber eben auch detailgenaue, schonungslose Realismus dieser Serie, ohne Gefälligkeiten, ohne Konzessionen an die Nerven, den Geschmack oder den Seelenfrieden der Zuschauer. Dieses drogensüchtige Weiterschauen, Nicht-abschalten-Wollen.

Die Serie hat Prototypen-Qualität und überzeugt durch den menschlichen Faktor

Dass dies beim Wiedersehen immer noch so perfide gut funktioniert, obwohl man doch die Morde und Täter bereits kennt, und obwohl in den vergangenen zehn Jahren so viele andere, ähnliche Serien über die Kanäle gegangen sind, ist frappierend. Aber es ist eben auch bezeichnend für die herausragende Prototypen-Qualität der Brücke. Mögen auch viele Tat- und Ermittlungsdetails nach dem Erstsehen wieder in Vergessenheit geraten sein - unvergessen sind die absonderliche, sozial gestörte Art von Saga Norén und ihr distanziert-inniges Vertrauensverhältnis zu ihrem dänischen Polizeikollegen Martin Rohde. Auch dessen belastete Familienverhältnisse, sein Stress mit Frau und Kindern sind noch sehr präsent - schon deshalb, weil das nicht nur privates Beiwerk ist wie in so vielen Krimis, sondern integraler Bestandteil der Tragödie, auf die Staffel eins wuchtvoll hinausläuft und auf denen Staffel zwei aufbaut.

Das eigentliche Geheimnis dieser fesselnden, vielfach kopierten Nordic-Serie liegt nicht in ihren brutalen, im Laufe der Staffeln immer bizarrer werdenden (und auch schon mal nervenden) Mordinszenierungen und den damit zusammenhängenden Nebensträngen, Finten und oft falschen Fährten. Sondern in den psychosozialen Gefasstheiten und privaten Konstellationen der Figuren, in ihrem Hier- und So-Sein, für das sich das Buch, die Regie und die fabelhaften Schauspieler besonders viel Zeit und Raum nehmen. Es ist der menschliche Faktor, der hier so intensiv wirkt und Nähe herstellt. Er ist vielfältigst ausdifferenziert, verdächtig und unberechenbar.

Es gibt in dieser Serie einfach unglaublich gute Typen. Allen voran sie: Saga Norén, die komplett ironiefreie, radikal ehrliche, geradezu roboterhaft rationale Schwedin, die schon deshalb jeder sofort zuzuordnen weiß, weil sie ihre Visitenkarte immer gleich mitspricht. Selbst wenn die eigenen Kollegen am Telefon sind, sagt sie mechanisch ihr Sprüchlein auf: "Saga Norén, Kripo Malmö." Es ist auch eine Selbstdefinition, denn das Leben der Enddreißigerin, phänomenal eindringlich gespielt von Sofia Helin, besteht nur aus Arbeit. Das sieht man ihr auch an. Sie ist notorisch ungekämmt, ungeschminkt, trägt immer die gleichen Sachen, als Basic: eine schwarze Lederhose. Wenn sie nach einem Schnuppern an den Achseln doch mal den Pullover wechselt, tut sie das ungeniert im Büro vor allen Leuten.

Das einzig Exzentrische, das diese Frau sich leistet, ist ihr matschbrauner Porsche, passend zur Farbe ihres Mantels. Gelegentlich braucht sie Sex, dann holt sie ihn sich wie eine Pizza vom Italiener, geht in die nächste Bar und nimmt, ohne Zeit mit Flirterei zu verschwenden, einen Typen mit. Auch beim Geschlechtsverkehr kommt sie direkt zur Sache, danach dreht sie sich um und schläft. Oder setzt sich wieder an den Laptop.

Saga ist extrem fokussiert. Ihre Einsamkeit bemerkt sie gar nicht. Man möchte sie manchmal in den Arm nehmen, aber das würde sie nicht zulassen. Obwohl sie durchaus auch menschliche Regungen und Verletzungen zeigen kann. Das tut sie zunehmend ab Staffel zwei, wenn ihr schwieriger Familienhintergrund zum Vorschein kommt. Sie ist eben doch kein Roboter.

Die Brücke - Arte

Ungleiches Ermittlerduo, aber sie mögen sich: Saga Norén von der Kripo Malmö (Sofia Helin) und ihr dänischer Kollege Martin Rohde (Kim Bodnia).

(Foto: Jorgen Johansson)

Saga Noréns Verhalten deutet auf eine autistische Störung, das Asperger-Syndrom, hin. Das wird zwar in der Serie nie benannt - da heißt es nur, sie sei "anders", "speziell" -, gilt unter Kennern und Fans aber als ausgemacht. Soziale Interaktion ist daher nicht Sagas Stärke, Humor auch nicht. Empathie zu zeigen, fällt ihr schwer, Smalltalk geht gar nicht. Die Frau ist ungemein regelfixiert, korrekt und direkt. Sie hat null Gespür für Peinlichkeiten, stößt Menschen brüsk vor den Kopf. Nie fragt sie ihre Kollegen mal "Wie geht's?", und loben tut sie schon deshalb nicht, weil es ja zum Job gehört, gut zu sein. Wobei sie selber die Beste ist. Man zweifelt keine Sekunde an ihrer überragenden Kompetenz. Sie hat auch immer Zahlen, Fakten und Statistiken parat, und als in Staffel zwei tatsächlich ein liebenswürdiger junger Mann den Mumm hat, bei ihr einzuziehen, studiert sie Beziehungsratgeber.

So sehr Saga eine Spaßbremse ist, so komisch sind oft die Dialoge mit ihr

So sehr Saga Norén eine Spaßbremse ist und seltsam starr durch andere hindurchstiert, so komisch sind oft die Situationen und Dialoge mit ihr - überhaupt die Dialoge: Hans Rosenfeldt gebührt für das Drehbuch die höchste Anerkennung. Vor allem in den Gesprächen und Erlebnissen mit ihrem Ermittlungspartner Martin, diesem von Kim Bodnia so einnehmend knuffig, fehler- und kumpelhaft gezeichneten Sympathieträger, ergeben sich anrührende Momente von Menschlichkeit, gegenseitigem Verständnis und Freundschaft. Und wenn in Staffel drei der jüngere, pathologischere Henrik Sabroe (Thure Lindhardt) als dänischer Kommissars-Kompagnon auf den dann inhaftierten Martin folgt, entsteht auch zwischen Saga und ihm eine ungewöhnliche, eigenartig traurige und zugleich tröstliche Beziehung, nun sogar: eine Liebesbeziehung. Es ist die Verbindung zweier verlorener Seelen.

Aber derzeit gibt es ja nur die ersten zwei Staffeln in der Arte-Mediathek, und da sind es Saga und Martin, die ermitteln, und zwar zunächst im Fall des sogenannten "Wahrheitsterroristen", der mit seinen perversen Mordszenarien angeblich gesellschaftliche Ungerechtigkeiten vor Augen führen will. Und in Staffel zwei sind es Öko-Gerechtigkeitsfanatiker, die mit einer Reihe von Giftmorden die Gesellschaft terrorisieren. Immer sind es Fälle, die diesseits und jenseits - oder auch mal unmittelbar auf - der eindrucksvollen Öresundbrücke spielen, die die dänische Hauptstadt Kopenhagen mit dem schwedischen Malmö verbindet, und dadurch zu einer länderübergreifenden Poilzeikooperation zwingen. Daher der Titel Die Brücke.

Die Serie ist so saga-haft gut, dass internationale Adaptionen nicht ausblieben, von der amerikanischen Neuverfilmung The Bridge - America, angesiedelt zwischen Mexiko und Texas (mit Diane Kruger), über eine britisch-französische Eurotunnel-Variante bis hin zu der deutsch-österreichischen Gebirgspass-Version Der Pass mit Julia Jentsch und Nicholas Ofczarek (zu sehen in der ZDF-Mediathek). Aber es gibt nur eine Saga Norén. Sie in ihrem Anderssein lieb zu gewinnen und zu verstehen, ist eine Übung in Empathie und führt zu einer Freundschaft, die unverbrüchlich ist.

© SZ/hy
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