"Die Borgias" auf Pro Sieben Gesegnet. Gevögelt. Erdolcht. Vergiftet

Mehr Sex und Crime hat keine Familiendynastie der Renaissance zu bieten: Nach dem ZDF versuchen sich nun die Privaten an den Borgias. Ihr Spross Rodrigo Borgia, der zu Papst Alexander VI. aufstieg, segnet und mordet ab heute auch bei Pro Sieben.

Von Willi Winkler

Der Papst, den Jüngeren sei's unter dem Siegel der Verschwiegenheit verraten, der Papst war nicht immer ein zerbrechlicher alter Mann, der mit fiepsiger Stimme über den Petersplatz hinweg folgenlose Botschaften verkündete, während sich liebedienerische Journalisten um noch die bescheidensten Krumen vom Tisch des Herrn balgten. Der Papst gebot einst über genug Macht, um nicht bloß seine Töchter und Söhne zu versorgen, sondern um Kriege zu führen, in denen die christliche Nächstenliebe so realpolitisch ausgelegt wurde, dass es auf die paar tausend Toten nicht ankam, die das elfjährige Pontifikat Alexander VI. um die Zeitenwende des Jahres 1500 gekostet hat.

Ab Mittwoch auf Pro Sieben: "Die Borgias" mit Jeremy Irons in der Rolle von Papst Alexander VI. (1431 - 1503). Es wird ein wenig gesegnet, gevögelt, erdolcht, vergiftet, aber auch und ganz gewaltig gekünstelt

(Foto: obs)

Weil aber ein auch nur einigermaßen getreues Abbild der Macht- und Gewaltverhältnisse in der Renaissance Zuschauer wie Autoren überfordert hätte, besinnen sich Produzent Neil Jordan und sein Team in ihrer neuesten TV-Serie zur Borgia-Saga auf das bewährte Rezept, wonach Männer Geschichte machen und die Frauen dazu wohlgestalt ihren Busen zeigen. Die Serie mit dem sonderdämlichen Untertitel "Sex. Macht. Mord. Amen" bereichert nun das bisher von keinem größeren intellektuellen Anspruch gestreifte Programm von Pro Sieben.

Nicht weiter überraschend kommt es zu gewaltigen Händeln zwischen den Roveres, den Orsinis und natürlich den Borgias, deren Chef es an Ränkespielen nicht fehlen lässt und auch Mord sanktioniert, wenn's der Sache des wenig Heiligen Vaters dient. Für die weiblichen Zuschauer ist etwas Liebe dreingemischt, oder doch das Schicksal der sitzengelassenen Frau. Wie gewohnt, werden viele Kleider vorgeführt, die Kerle hauen sich, es wird ein wenig gesegnet, gevögelt, erdolcht, vergiftet, aber auch und ganz gewaltig gekünstelt.

Derek Jacobi schleudert als Kardinal Orsini seinem Widersacher purpurrot das Wort "Simonie!" entgegen, als wäre 1492 die ganze Kirche nicht ebenso geschäftsorientiert gewesen wie heute ein Film über diesen eben erst mit Jan Mojtos Hilfe beim ZDF ausgehobenen moralischen Abgrund aus Ämterschacher, Nepotismus und normal-männlichen Geschlechtsbetrieb. Wie auf dem Theater, aber mit reichlich Ausfluss, muss der Ankläger daher am Gift sterben, das womöglich einem anderen zugedacht war. Süß.

Mitten in dieser Ausstattungsorgie leuchtet als schwarze Sonne der große, inzwischen gramzerfurchte Jeremy Irons - vom jugendschönen Lebensanfänger zum melancholischen Gewaltherrscher gereift - der in seinen besten Momenten seltsamerweise mehr seinem großen Gegenspieler, dem Ketzer Savonarola, als dem fetten, hässlichen Alexander ähnelt, den die Bildgeschichte überliefert. Nur fand dieser Papst recht selten Gelegenheit zum theologischen Grübeln: Als Familienvater musste er schließlich eine Dynastie errichten und seine Herrschaft in eine halbe irdische Ewigkeit ausdehnen. Daraus ist dann doch nichts geworden, aber dafür ein buntes Programm für kalte Herbstabende fern von Rom, jedoch mindestens urbi et orbi.

Die Borgias, Pro Sieben, mittwochs, 20.15 Uhr.

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