Süddeutsche Zeitung

"Die Anstalt" im ZDF:Jetzt mal ganz langsam

Vom "Politikpräservativ aus der Uckermark" über die "Heilige Ursula von der Dauernden Empfängnis" bis hin zum "Joachim-Evangelium": Bei ihrer ersten Anstalt teilen Max Uthoff und Claus von Wagner munter aus. Den selbst formulierten Anspruch können sie aber noch nicht erfüllen.

Eine TV-Kritik von Irene Helmes

Mit Generationenwechseln ist das so eine Sache. Das ZDF erlebt bekanntlich gerade am Beispiel "Wetten, dass..?", wie nervenaufreibend sich Neustarts beliebter Sendungen gestalten können. Nun heißt "Neues aus der Anstalt" nach mehrmonatiger Pause nur noch "Die Anstalt", und es geht laut Sender um nichts weniger als "Deutschlands Flaggschiff des Fernseh-Kabaretts". Ob es diesmal klappt mit der Erneuerung im ZDF?

Urban Priol und Erwin Pelzig alias Frank-Markus Barwasser verabschiedeten sich im Herbst mit "Je ne regrette rien" und nahmen das Geheimnis um die genauen Umstände ihres Abgangs diskret mit. Am Erfolg kann es nicht gelegen haben: Gegen Ende hatten die beiden die besten Quoten ihrer gemeinsamen Anstalt-Karriere. Dem bisherigen "Hausjuristen" der Sendung, Max Uthoff, gab Priol am Schluss persönlich seinen Segen. Von jetzt an wird dieser mit Claus von Wagner über Politik und all die anderen Ärgernisse herziehen, die das Kabarett beschäftigen. Wagner hat sich schon in der "Heute Show" in Form gebracht.

Neulich beim gemeinsamen Aufwärmen - ausgerechnet bei Markus Lanz - sprühte es noch in Maßen. Viele Späße à la "Merkel saugt die SPD aus" waren allzu bekannt. Trotzdem ist es dem neuen Team gelungen, neugierig zu machen. Die beiden Bayern wollen "ein bisschen wegkommen von der Tagesaktualität", erklärten sie in der SZ. Lieber würden sie sich mehr Zeit für einzelne wichtige Themen nehmen, und auch die Studiogäste einbeziehen.

Irritierend angepasst

Das ist leichter gesagt als getan, wie das Debüt zeigt. Denn kaum sind Wagner und Uthoff verkleidet als Ex-Anstaltsleiter Georg Schramm und Priol in das Studio eingebrochen - "wir erklären diesen Sendeplatz für besetzt" - da geht es doch irgendwie um alles gleichzeitig. Um das "Politikpräservativ aus der Uckermarck" (genau, Merkel), "die Heilige Ursula von der Dauernden Empfängnis" (genau, von der Leyen) und "die moralische Knautschzone aus Rostock" (genau, Gauck). Um Steuerehrlichkeit, den ADAC, um Homophobie in Sotschi und anderswo ("Wir fordern Aufklärungsdrohnen für Baden-Württemberg!"), um die Lage der Opposition ("außerdem fressen die Linken kleine Kinder") und die blamable deutsche Politik gegenüber syrischen Flüchtlingen.

Der Herrentäschchen-Träger Pelzig und der Choleriker Priol, dem die Haare stets ganz buchstäblich zu Berge stehen, sie sind als Kunstfiguren schon äußerlich leicht derangierte Außenseiter. Uthoff und Wagner dagegen wirken auf der Bühne irritierend angepasst in ihren Sakkos und schicken Schuhen. Dass sie sich jederzeit unerkannt unter die Banker und Karrieristen mischen könnten, über die sie so gerne herfallen, gibt ihren Einlagen besonderen Biss. Und Zurückhaltung kann man ihnen nicht vorwerfen.

Für seine Solo-Nummer überspitzt Uthoff gnadenlos die jüngste Forderung des Bundespräsidenten nach einer aktiveren deutschen Außenpolitik. Im "Joachim-Evangelium" gebe es also "richtige Pazifisten und solche, die nur zu faul zum Schießen sind". Wagner schnappt sich das klassische Anstalt-Thema Deutsche Bank. Diese sei letztlich wie ein Autohändler, sagt er, der ein Fahrzeug ohne Bremsen verkaufe und dann auf den Tod des Fahrers wette. Gemeinsam mit ihren drei Sidekicks liefern Uthoff und Wagner dann noch die etwas wirre Polit-Quiz-Persiflage "ZDF-Bürgercheck". Das Fernsehen, der eigene Sender, wirklich jeder soll offenbar was abbekommen an diesem Abend.

Der Gernot Hassknecht der Anstalt

Dann sind da noch die Vorstellungen besagter drei Sidekicks. Nico Semsrott gefällt als niedergeschlagener Praktikant im Kapuzenpulli mit der schaurigen-schönen Powerpoint-Präsentation "Chancen und Perspektiven von Depression im 21. Jahrhundert" zum gesellschaftlichen Phänomen, "dass man mehr können soll, als man kann".

Matthias Egersdörfer gibt wie in seinen Soloprogrammen den grantigen Franken und erinnert mit seiner Tirade stark an Gernot Hassknecht mit seinen absehbaren Wutanfällen aus der "Heute Show". Das Geld, so seine These, verdrängt den Menschen. Ihm zuzuhören ist leider recht anstrengend. Simone Solga nimmt sich gegen Ende schließlich nochmals das deutsche Fernsehen vor und absolviert ein Zapping durch einen exemplarischen Abend voller Werbung, Talkshows, Kochshows und wieder Werbung. Auch nicht ganz neu, aber zumindest unterhaltsam.

Während es bei "Wetten, dass..?" derzeit spektakulär misslingt, es allen recht zu machen, liegt die Kunst beim Kabarett naturgemäß darin, es niemandem recht zu machen. Sondern möglichst heftig auszuteilen. Das haben Wagner, Uthoff und Kollegen mit sichtlicher Freude getan. Beim ZDF dürfte man fürs Erste aufatmen, der Applaus des Studiopublikums lässt hoffen. Den Haken an der Sache hat Wagner im Gespräch mit der SZ aber schon vorab selbst beschrieben: "Wir haben zu viele Ideen für zu wenig Zeit." Schneller hätte die 45-minütige Sendung wirklich kaum abgespult werden können. Vielleicht gelingt es ja bis zum nächsten Mal, sich besser zu sortieren.

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