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Dicke im Fernsehen:Ausnahmen gibt es wenige

Charakterzüge eines nicht schlanken Menschen stattdessen aus der Erzählung heraus zu entwickeln - das gelingt derzeit nur wenigen. Regisseure wie Dominik Graf, Aelrun Goette, Christian Petzold oder zuletzt Maren Ade in Alle anderen: Sie wagen das Offenlassen aller Zuschreibungen. Wenn ihre Figuren dick sind, dann sind sie es aus Gründen der Ernährung, der Genetik, des Stoffwechsels, wegen ihrer gegenwärtigen Befindlichkeit oder aus Armut, umständehalber eben. Wer das Phänotypische so behandelt, gestattet seinem Träger alles - auch zu lieben. So wie in der kitsch- und klischeefreien Romanze Zuckerbaby, wo sich der dürre Eisi Gulp ohne jeden Anlass zur Fremdscham ins Pfundsweib Marianne Sägebrecht verliebte. Das war 1986. Seither sind stilisierte Beziehungen von Normabweichlern selten. Der Besonderheit die Oberfläche zu nehmen, gilt dramaturgisch als unverwertbar. Film und Fernsehen wollen unterhalten - ohne Umwege.

Das Normalgewicht wird seltener

Wer über Dicke lacht, "lacht auch über sich und seine eigenen Vorurteile ihnen gegenüber", sagt Sat.1-Fiktionchef Jochen Ketschau über eine "Randgruppe mitten aus unserer Gesellschaft". Andererseits sind 39 Millionen Menschen im Land übergewichtig. Allein 14,1 Prozent der Männer und kaum weniger Frauen gelten mit einem BMI von 30 aufwärts als adipös. Da zudem die Zahl untergewichtiger Menschen steigt, müsste ein subtiles Außenseiterbashing als ein zentrales Funktionsprinzip des Fernsehhumors längst den Körperfettanteil Normproportionierter karikieren. Eine ARD-Anwaltsserie würde dann Der Normalgewichtige heißen statt: Der Dicke.

Das Entertainment wendet Korpulenz allerdings bloß auf drei Typen an: den Kasper, den Kommissar, den Onkel. "Es gab früher insgesamt weniger Dicke im Fernsehen", sagt Medienexperte Hickethier. Vollschlanke Frauen aber ("einst Trude Herr, nun Cindy aus Marzahn"), steckten seit je im Unterhaltungsfach. Und selbst da gab es lange nur Hella von Sinnen und Tine Wittler. Übergewicht, sagt Hickethier, "widerspricht dem allgemeinen Schönheitsideal". Auf Frauen werde das besonders rigoros angewendet.

Rigoroser jedenfalls als auf Polizisten. Ottfried Fischer, Dietmar Bär, Dieter Pfaff - der Krimi leistet sich liebevoll leibesvolle Hauptdarsteller. "Schlanke Ermittler neigen zu action-orientierten Formen", urteilt die Hamburger Medien-Professorin Joan Bleicher: "Das erhöht die Kosten für Special Effects". Im Klartext: Wer redet statt zu rennen, dreht auch billiger. Das hat man so vielleicht bisher gar nicht bemerkt.

Manchmal verlangt aber eine komplizierte Figuren-Anordnung nach einem dicken Darsteller - wie in amerikanischen Serien. Darin finden zwischen Models und Beaus, die nach Feierabend stets Zeit für Situps finden, oft noch ein Bulle/Pathologe/Arzt mit Übergewicht Platz - für die Quote. Es gilt: je höher die Freakdichte, desto größer das Ensemble. Je höher das Gewicht, desto kleiner die Rolle. Ausnahmen: King of Queens oder Roseanne.

Die dicke Eva darf im Sat-1-Happyend von Plötzlich fett! dünn bleiben, dem plötzlich dicken Nick hilft am Ende der Zauber in die alte Traumfigur. Kuss, Geigen, Trallalla und Aus. Grad noch mal gutgegangen.

Plötzlich fett, Sat 1, 20.15 Uhr.

© SZ vom 30.08.2011/caja

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