"Deutschland von oben" im Kino Märchenfilm

In "Deutschland von oben" fliegt die Kamera über das Land oder begleitet vom Weltall aus die Wege der Zugvögel als kleine Leuchtstreifen über dem Globus. Die Bilder liefern ein kontemplatives Naturerlebnis, ohne Bodenberührung. Kein Wunder, dass es die ZDF-Fernsehreihe ins Kino geschafft hat.

Von Claudia Tieschky

Es kommt nicht so oft vor, dass eine Fernsehreihe für das Kino adaptiert wird. Eine Kinoversion, das ist ja keine Frage der Filmlänge mehr, weil man heute alle Folgen einer Serienstaffel auf DVD zu Hause hintereinander wegsehen kann. Kino, das ist "going public", so etwas wie ein Börsengang.

Mehr als 30 Prozent des Materials von Deutschland von oben ließen die Produzenten neu drehen - mit enormem technischen Aufwand.

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So ein Börsengang ist der BR-Produktion Türkisch für Anfänger kürzlich gelungen, und der Spielfilm zur Pro-Sieben-Serie Stromberg ist geplant.

An diesem Donnerstag läuft nun Deutschland von oben im Kino an, die 2010 und 2011 im ZDF gezeigte Terra-X-Reihe, also ein nichtfiktionaler Stoff, Bildungsfernsehen, wenn man so will, nichts jedenfalls, das man unbedingt im Kino erwarten würde.

Dass diese Reihe trotzdem ins Kino gehört, glaubten die Manager der Firma Universum Film schon nach Ansicht der ersten Staffel und boten den Produzenten Petra Höfer und Freddie Röckenhaus (der auch Mitarbeiter dieser Zeitung ist) eine Zusammenarbeit an.

Zeitgemäßes Heimatfernsehen

Die Landeskunde aus Vogelperspektive hatte von Anfang an erstaunliche, brillante Bilder in HD-Technik, die nach dem großen Format verlangen. Vor allem aber löst die Produktion, deren dritte TV-Staffel das ZDF im kommenden Jahr zeigen wird, ein ziemlich direktes Gefühl von Überraschung aus. Emotionen im Kino sind immer gut gegen Langeweile, und hier kommen sie unmittelbar aus dem leicht rauschhaften Gefühl, mit der Kamera über das Land zu fliegen oder vom Weltall aus die Wege der Zugvögel als kleine Leuchtstreifen über dem Globus zu sehen.

Das TV-Projekt mit seiner am computeranimierten Kino und an den Zoomfahrten von Google Earth geschulten Ästhetik war als eine Art zeitgemäßes Heimatfernsehen angelegt, bei dem man viel lernte über die Geschichte und das Land - das man von etwas höher oben natürlich auch gleich viel netter finden kann.

Fünf Millionen Zuschauer und 15 Prozent Marktanteil brachte Deutschland von oben, die Reihe war 2011 für den deutschen Fernsehpreis nominiert, das ZDF ist jetzt als Koproduzent bei der Kinoversion dabei. Für den etwa 110 Minuten langen Film haben Höfer und Röckenhaus noch stärker auf die Wirkung der Bilder gesetzt; mehr als 30 Prozent des Materials ist neu gedreht worden.

Ohne Peter Thompson wäre es anders gekommen. Von dem Kameramann und Luftfilm-Spezialisten Thompson, der für Deutschland von oben den Deutschen Kamerapreis gewann und der im Film selbst natürlich nicht zu sehen ist, gibt es im ZDF-Begleitmaterial einen etwa zweiminütigen Video-Schnipsel, auf dem zu beobachten ist, wie der Neuseeländer auf einem Flugfeld kurz nach Sonnenaufgang die besondere Aufhängung und Funktionsweise seiner Cineflex-Kamera erklärt, die am Hubschrauber angebracht ist.

Im Lauf der Jahreszeiten durchs Land

Es muss kalt sein, Thompson trägt eine graugrüne Funktionsjacke und berührt mit den Fingern die Regler und Schalter einer verkabelten schwarzen Tastatur. Er hat für Filme wie Herr der Ringe oder die französische Dokumentarfilmproduktion Home gearbeitet. Versonnen bemerkt er, es sei schön, jetzt in Deutschland zu filmen - to put my eye over another country.

Noch immer ist Deutschland von oben ein Bildungsprodukt, aber alles ist auf die Optik und das große Format hin ausgerichtet. Informationen und Daten zu Wirtschaft, Klima, Tierwelt und Geschichte sind nur noch aus dem Off eingesprochen, und statt der Themenordnung der TV-Reihe (Stadt, Land, Fluss) fliegt man jetzt im Lauf der Jahreszeiten über die Allgäuer Alpen, den Bodensee, die Halligen in der Nordsee oder die Stahlwerke des Ruhrgebiets.

Der exakte technische Aufwand lässt sich erahnen am Abspann. Er listet neben der Helikopter-Kamera noch High-Speed-Kamera, Boden-Kamera, Kran-Kamera, Wingsuit-Kamera, Basejump-Kamera, Adler-Kamera, Jet-Kamera und Unterwasserkamera. Trotz spektakulärer Stunts - der Verfolgung einer Gruppe von Fallschirmspringern in ihren Wingsuits oder akrobatischer Segelflug-Kunststücke - ist Deutschland von oben vor allem ein erstaunlich kontemplatives Naturerlebnis mit zuweilen fast abstrakten Bildern und kaum Bodenberührung.

Zur Choreografie zwischen Landschaft und Kamera hat Boris Salchow einen Soundtrack für das Werk komponiert. Der Film ist gewissermaßen die spezifisch deutsche Antwort auf Produktionen wie Planet Earth, die die BBC vom Fernsehen ins Kino brachte. Es sind zwar dokumentarische Naturaufnahmen, doch so sehen moderne Märchenfilme aus.