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Deutscher Fernsehwahnsinn:Eine Karriere von ganz unten

Werner ist eigentlich Fernmeldeelektroniker von Beruf, machte auf dem zweiten Bildungsweg sein Abitur, studierte Luft- und Raumfahrttechnik und fing währenddessen an, in einem Buchladen zu jobben. "Dort gab es Lesungen mit Menschen wie Dieter Hildebrandt. Ich kam in Kontakt mit einer Welt, die mir bis dahin völlig fremd war. Ich hatte es vorher nie so mit dem Bücherlesen."

Irgendwann kam er mit einem Freund auf die Idee: Wir könnten doch Drehbücher schreiben. "Unsere ersten Bücher wurden allesamt abgelehnt. Einmal bekam ich es sogar schriftlich, dass ich das Drehbuchschreiben lassen soll, weil ich leider völlig talentfrei" sei.

Er ging dann, das sagt er selbst, so lange irgendwelchen Menschen auf die Nerven, bis er irgendwann in die Autorenförderung des ZDF aufgenommen wurde, was aber immer noch keine Früchte trug, bis er Mitte der Neunzigerjahre schließlich Assistent des Script Editors bei der erfolglosen Sat 1-Soap So ist das Leben! Die Wagenfelds wurde: "Darunter kommt nur noch der Wasserträger." Von dort aus hat er sich nach und nach vom Script Editor über den Dialog Editor über den Chefdramaturg zum Autor "hochgearbeitet".

Jetzt könnte man den Werdegang des Jürgen Werner natürlich leicht als Beleg dafür verwenden, dass im deutschen Fernsehen Menschen mit wenig Talent Serien mit wenig Tiefgang verfassen. Aber, wie in einem guten Drehbuch: So einfach ist die Geschichte nicht. Vor etwa vier Jahren hat Jürgen Werner für den WDR eines der besten Teams der Tatort-Reihe erfunden, das aus Dortmund mit Jörg Hartmann und Anna Schudt in den Hauptrollen. Er schrieb die ersten fünf Folgen, entwickelte den vom Leben ramponierten Kommissar Faber. Weiter weg vom Forsthaus kann eine Fernsehfigur kaum sein.

Der Mensch im Mittelpunkt

Man kann viel lernen über das deutsche Fernsehen, über Kunst, über Handwerk und über die Arroganz der Kritiker, wenn man von Jürgen Werner wissen will, wie das alles zusammengeht: die Abenteuer der patenten Nonnen, die Försterfamilie aus Küblach ("Der Erfolg war sicher die heile Welt und dass Bambi durchs Bild lief") und der düstere, oft anspruchsvolle Dortmunder Tatort.

Jürgen Werner erklärt es so: "Bei Serien wie dem Forsthaus lernt man, Geschichten aus den Figuren heraus zu entwickeln. Es passiert ja im Grunde nicht viel, trotzdem müssen die Figuren miteinander sprechen, etwas erleben, etwas durchleben. Du bist gezwungen, dich mit den Menschen zu befassen." So ungewöhnlich es vielleicht klinge: "Ohne Forsthaus Falkenau, kein Tatort Dortmund: Das eine baut auf dem anderen auf."

Routine statt Genie? Höchste Ehren verweisen auf anderes

Natürlich ist Um Himmels Willen eine schlicht gebaute Serie, die mit immer ähnlichen Geschichten die Intelligenz ihrer Zuschauer nicht strapaziert. Das muss man nicht toll finden, aber wahr ist: Freundliche Serien wie diese - oder wie sie in den Neunzigern im Vorabendprogramm von ARD und ZDF Erfolg hatten, Alle meine Töchter, Aus heiterem Himmel, Samt und Seide (auch Jürgen Werner) - sind handwerklich oft gut gemacht.

Nicht von allen Serien der vergangenen Monate, die mit großem Hallo die Zukunft des deutschen Fernsehens einläuten sollten, kann man dasselbe behaupten. Jürgen Werner hat in manchen Jahren 20 bis 30 Drehbücher geschrieben: Routine statt Genie. Sein Dortmund-Tatort jedenfalls war im vergangenen Jahr für den Grimme-Preis nominiert.

Derzeit übrigens entwickelt Jürgen Werner noch einen Tatort, den neuen aus dem Schwarzwald mit Harald Schmidt. Dessen Verpflichtung sei, sagt er, "ein großer PR-Coup und zugleich eine große Herausforderung". Ein Alleinunterhalter im Ermittlerteam. "Wir sind noch mittendrin in der Entwicklung, mal sehen, wohin die Reise letztendlich geht", sagt Jürgen Werner. Ganz sicher an einen Ort irgendwo zwischen Kaltenthal und Dortmund.

Um Himmels Willen, ARD, 20.15 Uhr.

© SZ vom 09.02.2016/roho
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