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Musikfernsehen: Deutsches Fernsehballett:Ein letztes Mal die Beine hoch

Deutsches Fernsehballett  verabschiedet sich

Das Deutsche Fernsehballett bei der großen Show zum Abschied. Die Tänzerinnen und Tänzer beeindruckten vor allem damals, als Fernsehen noch Staunfernsehen war.

(Foto: obs)

Es war die tänzerische Antwort der DDR auf den Westen: Das Deutsche Fernsehballett. Mit dem letzten Auftritt endet eine TV-Ära und mit ihr ein Hauch von öffentlich-rechtlichem Glamour in den Wohnzimmern.

Von Holger Gertz

Um die Bedeutung dessen zu verstehen, was da jetzt zu Ende geht, schalte man kurz zurück an den Anfang, also ins Jahr 1962. 1962 war ein großes Jahr des Unterhaltungsfernsehens in Deutschland West, auf Sender ging zum Beispiel Sing mit Horst, eine Reihe, in der der Bandleader Horst Jankowski mit seinem Chor auftrat. Sing mit Horst gehörte zur Sorte der Musiksendungen, die in der Frühphase des Fernsehens sehr populär waren. "Mach ma' die Musiksendung lauter!", ein klassischer Zuruf im vollgepafften deutschen Wohnzimmer der frühen Jahre. Auch wer noch nicht alt genug ist, um Sing mit Horst erlebt zu haben, wird sich an Musiksendungen der Siebziger mit Harald Juhnke, Anneliese Rothenberger und Heinz Schenk erinnern. Dessen Blauer Bock war zwar eine Babbel- und Bembelshow, aber eben auch eine Musiksendung. Einmal trat das WM-Fußballteam von 1954 im Blauen Bock auf und sang "Schwarz und Weiß sind unsre Farben". Wenn man das heute sieht, kommen einem nachträglich Zweifel an der Showidee, vollkommen gesangsuntüchtige Zeitgenossen zum Singen zu nötigen.

Das Jahr 1962 war in Deutschland Ost für das Unterhaltungsfernsehen genauso wichtig, gegründet wurde im Auftrag des Deutschen Fernsehfunks (DFF) in Berlin Adlershof das Fernsehballett. Es gibt Mitschnitte aus der Anfangszeit, die Tänzerinnen fegen eine soeben fertiggebaute Autobahn, wobei sie die Besen umtanzen, sie wienern auch Verkehrsschilder. Oder, eine Aufnahme von 1969, die Tänzerinnen auf der Baustelle, unter den gütigen Augen des gerade fertiggestellten Berliner Fernsehturms wirbeln sie im Handwerkergewand auf frisch betonierten Flächen herum, werfen den herumstehenden Werktätigen rote Rosen gegen den Schutzhelm und singen dazu die Textzeile "He, he, he - heut ist was los an der Spree." Wenn diese Auftritte einen Subtext hatten, dann doch wohl diesen: zu beweisen, dass es aufwärts geht mit der DDR, dass nicht nur die Gebäude heranwachsen und dass dort, wo gearbeitet wird, immer auch getanzt werden darf. Die gestaltende Männerhand und das schwingende Frauenbein ergaben gemeinsam erst das große Ganze, der Charakter der Musiksendung war im Tiefenrauschen immer auch politisch.

Diese Sequenzen, man kann es jedenfalls vermuten oder sich wünschen, werden hoffentlich noch mal gezeigt am Samstagabend im MDR, wo das Fernsehballett (längst heißt es ja Deutsches Fernsehballett) seine Abschiedsvorstellung gibt, der allerletzte Auftritt. Es hat länger durchgehalten als die lange vergessenen Fernsehballette im Westen, das NDR-Fernsehballett und das ZDF-Fernsehballett gibt es schon Jahrzehnte nicht mehr, und wenn ihre Umrisse doch noch mal auftauchen, dann nicht immer in angenehmem Zusammenhang. Nachdem vor vier Jahren Hillary Clinton die Wahl in Amerika verlor, fühlte sich eine überraschend zornige Kommentatorin der Zeit erinnert an bleierne Abende, "als das ZDF-Fernsehballett mit Plüschbommeln auf den Brüsten abends nach den Nachrichten die Beine hob und Vater sich dazu Salamibrote vor der Glotze servieren ließ". So erinnert sich jeder anders an altes Fernsehen, es ist sicher auch abhängig von Geschlecht und Lebensalter, was einem im Gedächtnis bleibt. Der Eindruck ist aber der, dass sich im Westen das Fernsehballett in der Erinnerung nicht stärker verhakt hat als etwa die seltenen Auftritte vom Blauen Klaus im Großen Preis.

Das Fernsehen als Wettbewerb der Systeme

Im Osten war das anders, jedes Kind kannte dort das Fernsehballett, spätestens seit es immer bei Ein Kessel Buntes auftrat. Das war ja Glamour, das Fernsehballett, und Glamour war selten, also wollten auch junge Menschen, die mit Ballett gar nichts zu tun hatten, zum Ballett. Alles Sportive hatte im Osten eine andere Bedeutung als im Westen, auch die Olympioniken waren anders wertgeschätzt dort. Und tatsächlich sind zum Beispiel auch Boxtrainer aus dem Osten viele Jahre später bei den Kampfabenden in der ARD heimliche TV-Stars geworden. Das Fernsehballett war ein getrimmtes, aber auch choreographisch höchst anspruchsvolles Ensemble, dessen Solistinnen Stars waren, mit eigenen Autogrammkarten, Emöke Pöstenyi und Susan Baker. Sie seien die Antwort auf die im Westen bekannten Kessler-Zwillinge, hieß es, das Fernsehen war natürlich ein Wettbewerb der Systeme. Aber so populär, wie die Kessler-Zwillinge des Ostens im Osten waren, waren die Kessler-Zwillinge des Westens im Westen nicht - oder irgendwann nicht mehr.

Das Deutsche Fernsehballett überlebte nach der Wende im Mitteldeutschen Rundfunk, aber dass es da durch die Volksmusikgalas tingeln musste und nur noch Beiprogramm war, gefiel Puristen nicht. 2012 wurde es vom Künstlermanager Peter Wolf übernommen, es hielt sich, aber die Auftragslage wurde schwieriger, und zuletzt reichte es nicht mehr, weil einem kostbaren Fernsehballett, dem Engagements auch von anderen Fernsehsendern fehlen, die Existenzgrundlage natürlich wegbricht. Und die Fernsehunterhaltung hat sich im Ganzen wegentwickelt von Revuen, kaum noch schreitet ja irgendwo ein Frackträger die Showtreppe runter. Das Unterhaltungsfernsehen ist vom Zuschaufernsehen zum Mitmachfernsehen und Duellfernsehen oder auch Besserwisserfernsehen geworden. Für Menschen, die eigentlich alles schon gesehen haben.

Die Tänzerinnen und Tänzer vom Deutschen Fernsehballett beeindruckten - als Fernsehen noch Staunfernsehen war - schon durch ihre sehr besonderen Kostüme, sie konnten sogar wie Pinguine aussehen. Das war mindestens so überzeugend wie die Backgroundveranstaltungen in Muppetshow und Sesamstraße, wo bei Show-Acts auch gern Pinguine auftreten, und wo eine Flauschform des Balletts überlebt und überlebt hat. Was nun echtes Fernseh-Ballett angeht: Da endet Samstag eine Ära.

© SZ/mrk
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