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Serie "Deutscher":Böse Häuschen

DEUTSCHER

Die Schneiders (l.) sind Akademiker, Nachbar Pielcke (r.) kann das Wasserdruckproblem lösen.

(Foto: Martin Rottenkolber/ZDF)

ZDF neo erzählt von zwei sehr unterschiedlichen Nachbarsfamilien, die sich politisch radikalisieren.

Von Luise Checchin

Fleischwurst versus Blattsalat, so in etwa lässt sich der Unterschied zwischen den Familien Pielcke und Schneider zusammenfassen. Bei den einen gibt es Aufschnitt auf ordentlich gebutterten Weizenbrötchen zu essen, bei den anderen Biogemüse und italienischen Hartkäse. Die Pielckes und die Schneiders wohnen in der ZDF-Neo-Mini-Serie Deutscher in benachbarten Reihenhäusern, irgendwo in einer deutschen Vorstadtsiedlung. Richtig innig ist ihre Beziehung nicht, aber sie kommen miteinander aus, auch der jugendlichen Söhne wegen, die schon immer beste Freunde waren. Kindern ist ja bekanntlich eher egal, ob jemand aus einem linken Akademikerhaushalt (Schneiders) oder einem konservativen Handwerkerhaushalt (Pielckes) stammt. Doch all das ändert sich, als bei der Bundestagswahl überraschend eine rechtspopulistische Partei die absolute Mehrheit gewinnt und die Stimmung im Land zu kippen anfängt.

Die politischen Details des Regierungswechsels interessieren die Serienmacher (Regie: Sophie Linnenbaum und Simon Ostermann, Buch: Stefan Rogall) in ihrem Gedankenspiel wenig, im Mittelpunkt steht die schleichende Spaltung einer Gesellschaft, in der Rassismus plötzlich von ganz oben abgesegnet zu sein scheint. Eva Schneiders Arbeitskollege Burak Derzidan wird bei einem Auffahrunfall von ein paar Rechtsradikalen am helllichten Tag zusammengeschlagen und verliert im Anschluss seinen Job. Der Burger-Laden im Ort, der einer deutsch-türkischen Familie gehört, steht eines Nachts in Flammen. Und zwischen den Schneiders und den Pielckes vertiefen sich die milieubedingten Trennlinien zu tiefen Gräben. Denn während die Schneiders gegen den Rechtsruck anzukämpfen versuchen, erhoffen sich die Pielckes von der neuen Regierung einen gesellschaftlichen Neuanfang.

Die große Stärke der Serie ist, dass sie keine der Familien als die bessere darstellt. Die Schneiders mögen hehre Absichten verfolgen, wirken aber auch recht verlogen, wenn sie Frank Pielcke, auf den sie eigentlich herabblicken, ständig anhauen, um ihr Wasserdruck-Problem zu lösen. Die Pielckes wiederum haben wohl eine Abneigung gegen alles, was ihnen zu "politisch korrekt" daherkommt, eine gefestigte rechte Gesinnung kann man ihnen aber kaum vorwerfen. Wie sich beide Seiten nach und nach radikalisieren, ist klug inszeniert und durchweg toll gespielt.

Dort aber, wo Deutscher sich an größeren Spannungsbögen versucht, kommt die Serie häufig hölzern daher. Man wünschte, sie hätte sich stattdessen noch konsequenter aufs Kleine konzentriert, auf die Milieuzeichnungen und Alltagsbeobachtungen aus der deutschen Provinz. Die kriminellen Verstrickungen der Figuren wirken mitunter, als habe man den Plot eines mittelmäßigen Tatorts auf vier Episoden gestreckt, ganz zu schweigen von einem Showdown, der in seiner Melodramatik unfreiwillig komisch ist.

Deutscher, ZDF Neo, Dienstag und Mittwoch, 20.15 Uhr in Doppelfolgen; bereits jetzt vorab in der ZDF-Mediathek.

© SZ vom 27.04.2020

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