Deutscher Fernsehpreis 2012 Wie im Dschungelcamp

Vom Cutter bis zum Drehbuchautor gibt es viele Menschen, die sich dafür zerreißen, damit eine TV-Sendung gelingt. Doch beim Deutschen Fernsehpreis werden nur noch Schauspieler und Regisseure geehrt. In diesem Jahr bewies sich erneut, dass dadurch Ehrungen für Neues und Innovatives oft automatisch ausgeschlossen sind. Bei der Gala wurden Dirk Bachs spöttelnde Kommentare daher vermisst.

Von Hans Hoff

Als am Dienstag kurz vor Mitternacht alle Fernsehpreise verliehen waren und die gesammelte Branche in der Pausenhalle des Kölner Coloneums so tat, als sei nun große Galaparty, keimte für einen Moment der Gedanke, ob die Veranstaltung nicht den falschen Namen trage.

Gala als Satire-Show: Comedian Olaf Schubert präsentiert bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises einen brennenden Fernsehpreis.

(Foto: dapd)

Offiziell nennt sie sich Deutscher Fernsehpreis, weil die vier großen Sender gemeinsam küren wollen, was im Fernsehjahr wichtig war. Plötzlich aber schälte sich aus dem hilflosen Herumstehen, aus dem belanglosen Parlieren der Schauspieler, Produzenten und Redakteure ein ganz anderes Bild heraus. Auf einmal wirkte die wogende Masse wie eine rheinische XXL-Version des australischen Dschungelcamps, und der Blick wanderte nach oben auf die Arbeitsbrücken, als müssten dort Sonja Zietlow und Dirk Bach ihre bissigen Kommentare zur Befindlichkeit der Lagerinsassen loslassen.

Was hätte Dirk Bach gesagt? Die Frage stellte sich nicht nur angesichts der eher beiläufig eingestreuten Trauerbekundungen für den am Montag gestorbenen Schauspieler. Sie war berechtigt, weil die Branche noch nie derart verzweifelt erschien, weil sie selten so offenbarte, dass sie nicht weiß, was sie will und tut, was sie stets tut: Sie macht einfach weiter wie immer.

Gala der leisen Töne

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Was hätte Dirk Bach spötteln können über die Lobrede, die Norbert Blüm auf den Ehrenpreisträger Frank Elstner hielt. Blüm schleppte sich durch eine ungelenke Büttenrede, die selbst dem Geehrten peinlich gewesen sein muss. Dirk Bach hätte dazu klug bemerkt, dass das Ungelenke sicherlich Absicht gewesen sei, um im Kontrast den 70-jährigen Elstner jünger und frischer aussehen zu lassen. Und dann hätte Bach wohl auch noch angemerkt, dass es Elstner ein bisschen ergangen sei wie Thomas Gottschalk, dem nach dem Abschied von Wetten, dass . . ? auch nicht mehr wirklich viel von Belang gelungen sei.

Vielleicht war aber Blüms Rede nur deshalb an den Schluss der knapp dreistündigen Zeremonie gesetzt worden, damit die Zuschauer, die das Spektakel am Donnerstagabend im ZDF anschauen können, aber besser nicht sollten, wenigstens ein bisschen was zum Aufregen haben. Aufregung ist wenigstens Emotion, und an der mangelt es dem Fernsehpreis deutlich. In den meisten Kategorien war es schlichtweg wurscht, wer den Preis kriegen würde. Die Jury hatte nichts richtig falsch gemacht, aber auch wenig richtig richtig.

Kurze Momente der positiven Aufwallung

Lediglich in den Königsdisziplinen waren Momente der positiven Aufwallung zu spüren. Bester Schauspieler wurde Wotan Wilke Möhring für seine Leistung im ARD-Fernsehspiel Der letzte schöne Tag. Einen Doppelerfolg hatten Barbara Auer und Ina Weisse, die nicht nur gemeinsam als beste Schauspielerinnen in Das Ende einer Nacht gekürt wurden, sondern auch bei der Auszeichnung dieses ZDF-Werks als bester Film auf die Bühne gebeten wurden. Matti Geschonneck, dem Regisseur dieses packenden Kammerspiels, war es zugedacht, daran zu erinnern, dass an einem guten Film nicht nur Schauspieler und er beteiligt sind, sondern viele Menschen hinter der Kamera.

Die aber hat der Fernsehpreis vor Jahren schon rausgedrängt und tut nun so, als seien immer alle an einem Projekt Beteiligten, vom Cutter bis zum Drehbuchautor, mitgeehrt. Die Organisatoren haben indes übersehen, dass sie dem Preis damit die Seele genommen haben. Sie haben jene ausgeschlossen, die sich zerreißen für ein Projekt, denen an einer Sendung wirklich etwas liegt.