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Deutsche Serie:Verloren im Netz

Deutschland 83

Jonas Nay als DDR-Spion Martin Rauch in der Serie Deutschland 83.

(Foto: RTL)

Warum "Deutschland 83" Hoffnungen der TV-Branche trübt: Wo bleibt das Online-Publikum für hochwertige Serien im Netz?

Von Claudia Tieschky

Tom Hanks hat alle Folgen der RTL-Serie Deutschland 83 gesehen, sagt er. Das ist Spitze! Aber wer noch? Die Thriller-Serie aus der Zeit des Kalten Krieges ist international verkauft worden, weshalb sie Hanks zu Hause sehen konnte. Sie lief bei der Berlinale, bekam Kritikerlob. Seit der Ausstrahlung auf RTL ist sie jetzt so etwas wie ein Überraschungserfolg mit falscher Fahrtrichtung. Ein Überraschungsflop.

Jonas Nay, der die Hauptrolle des DDR-Spions Martin Rauch mit der Nay eigenen Präzision spielt, hat sich in der Bild-Zeitung neulich eine Erklärung für die schlechten Zuschauerzahlen (3,2 Millionen zum Start, 1,63 Millionen in der letzten Folge) zurechtgelegt: Gerade jüngere Zuschauer würden nicht mehr klassisch fernsehen, sondern seien online unterwegs. Klingt plausibel, hilft aber auch nicht weiter. Denn auch als Video-on-Demand fand die achtteilige Serie nicht zum breiten Publikum. Laut RTL wurde Deutschland 83 bei RTLnow.de 1,15 Millionen Mal geklickt (noch bis Donnerstag komplett abrufbar).

Ein weiteres Rätsel. Denn das hoffnungsvollste Gerücht der Branche geht ja so, dass es irgendwo da draußen ein intelligentes Publikum für den Abrufkonsum hochwertiger Serien gibt, ein Publikum, das den Fernseher gar nicht mehr einschaltet. Entweder gibt es dieses fabelhafte Traumpublikum also nicht - oder Deutschland 83 hat es einfach nicht erreicht.

Was war eigentlich zu sehen? Eine Story, die Europa am Rand eines Atomkriegs zeigt und ein paar Menschen, gute, böse, die mehr oder weniger zufällig mitwirken, einen Erstschlag durch Nato oder Sowjets herbeizuführen oder zu verhindern. Es ist Ewigkeiten her, dass es in einer fiktionalen deutschen Produktion über die Achtziger um mehr ging als Hedonismus, Aerobic und den Fuchsschwanz am Manta. Deutschland 83 holt dieses aus der kollektiven Erinnerung verdrängte, verdammt unangenehme Gefühl wieder raus, dass man jederzeit und ohne gefragt zu werden "den Atomtod sterben" könnte. Liegt es daran, dass der Plot beim deutschen Publikum nicht so zündet, aber Tom Hanks total begeistert?

Oder ist es eine Vielzahl von Einzelfaktoren, wie sie bei RTL im Moment vermuten? Es ist sicher nicht falsch, wenn sich der Sender jetzt Gedanken über den Serientitel macht, der an sich nichts sagt. Es ist auch erlaubt, zu fragen, ob es half, jede zweite Trambahnhaltestelle zu plakatieren, aber mit dem Gesicht des noch wenig bekannten Jonas Nay. Nur, was wäre die Konsequenz, wenn man zum Schluss käme: nein? Auf phänomenale Schauspieler wie Nay, Maria Schrader, Sylvester Groth verzichten? Mehr Feuerball aufs Plakat? Oder doch lieber weiblicher, weil donnerstags tendenziell Frauen über 30 zuschauen?

Der Kölner Privatsender hat mit der Ufa eine großartige Serie produziert und den Massenmarkt verfehlt. RTL hat ein Arte-Problem. Darauf könnte man sich fast etwas einbilden, wenn da nicht diese krasse Zahl wäre: Eine Million Zuschauer verlor Deutschland 83 von der ersten Doppelfolge auf die zweite. Es wäre mehr als sinnvoll, belastbare Gründe dafür zu suchen, wenn man jetzt berät, ob es eine zweite Staffel gibt oder nicht.

© SZ vom 01.03.2017
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