Deutsche Sender Willkommen im Club

Vox galt viele Jahre lang als Privatsender aus der zweiten Reihe, heute gewinnt der Kanal Preise und überholt die Konkurrenz bei den Quoten. Eine fernsehtaugliche Erfolgsgeschichte.

Von Hans Hoff

Es ist ein bisschen kalt im Kölner Stadionfreibad. 17 Grad zeigt das Thermometer an diesem Septembertag. Trotzdem hocken rund ums Schwimmbecken Menschen in Badekleidung. Sie frieren für eine gute Sache, sie bilden die Kulisse für das Geschehen in einer neuen Folge der Vox-Serie Der Club der roten Bänder.

Gerade treibt Jonas (Damian Hardung) eine Gruppe Kinder zur Höchstleistung. Es ist jener Jonas, der vor zwei Jahren in der ersten Folge der Serie ins Krankenhaus kam, um sein krebskrankes Bein amputieren zu lassen. Das Bein hat er verloren, aber Freunde gefunden in der Klinik, sie nennen sich Club der roten Bänder.

Vielen Zuschauern gilt Vox als die harmlose Alternative zu RTL 2

Der Club, wie die Fans kürzeln, hat nicht nur das Leben des krebskranken Jonas verändert, sondern auch den Sender Vox. Man nimmt den Kommerzkanal heute anders wahr als noch vor drei Jahren. Ein paar Monate vor dem 25. Geburtstag wird er in der Branche nicht mehr nur als Sender aus der zweiten Reihe auf einer Höhe mit RTL 2 oder Kabel 1 registriert, sondern immer häufiger als ernsthafte Konkurrenz für Sat 1 und Pro Sieben betrachtet, die er im Quotenranking immer häufiger überholt. In der von der RTL-Gruppe selbstgewählten Zielgruppe der 14- bis 59-Jährigen hat Vox 2016 ganze 15 Mal in der Primetime die Marktführerschaft übernommen, also sogar die Mutter RTL hinter sich gelassen, neunmal mit der Gründer-Show Die Höhle der Löwen, einmal mit der Musiksendung Sing meinen Song, fünfmal mit dem Club.

Der Antreiber dieser Entwicklung heißt Bernd Reichart. Der Senderchef hat den Club als Herzensprojekt gegen viele Widerstände und Bedenken initiiert, weil er die spanische Vorlage kannte und sich nicht scheute, im deutschen Privatfernsehen eine Serie zu starten, die sich um krebskranke Kinder oder Magersucht dreht.

Reichart hockt auch auf den Stufen des Stadionbads. Allerdings hinter der Kamera. Ihm ist das Projekt immer noch eminent wichtig. "Wir wussten: Wenn der Club funktioniert, wird Vox als anderer Sender wahrgenommen", berichtet er aus der Anfangsphase, und die vielen Fernsehpreise und die sensationellen Quoten der bisherigen zwei Staffeln geben ihm recht.

Mit vollem Einsatz voraus: Die Serie "Der Club der roten Bänder" verhalf dem Sender Vox zu neuem Ansehen.

(Foto: Vox)

Doch nun ist Schluss mit der Serie. Nach der dritten Staffel geht es nicht mehr weiter. Reichart sagt: "Wir wollten die Geschichte nicht wie einen Kaugummi in die Länge ziehen, sondern sie so zu Ende führen, dass es eine große Geschichte bleibt", sagt er. Mitten in voller Fahrt zieht er die Bremse. Das muss man sich als Leiter eines prosperierenden Unternehmens erst einmal leisten, einfach so eine der besten Marken aus dem Regal zu nehmen.

Ohne Not leistet sich Vox den Luxus, eine neue Serie anzuschieben, von der nicht klar ist, ob sie jemals an den Erfolg des Clubs wird heranreichen können. "Das Thema wird ein ganz anderes sein. Kein Krankenhaus, keine Jugendlichen", schwört er und berichtet von Milk & Honey, einer Vorlage aus Israel, die sich um eine Imkerei dreht, deren männliche Vertriebler unfreiwillig ins Escort-Geschäft stolpern. Gedreht wird im kommenden Frühjahr, ausgestrahlt im Herbst. "Wir haben das Gefühl, dass die Serie ein würdiger Nachfolger ist", sagt Reichart. Für einen Serienabend mit dem Club brauche man Rotwein, Schokolade, Kuscheldecke und Taschentücher, haben Fans mal geschrieben. Bei Milk & Honey gelte die gleiche Ausstattung, sagt Reichart, nur die Taschentücher könne man weglassen.

Die Sicherheit, mit der er plant, holt sich Reichart vor allem von den Flaggschiffen des Senders, von Sing meinen Song und Die Höhle der Löwen. "Das sind die erfolgreichsten Primetime-Entertainment-Formate, die Vox je hatte."

Mit den Eigenproduktionen, zu denen auch Grill den Star oder Kitchen Impossible gehören, hat es Vox geschafft, sein Profil zu schärfen. Vielen Zuschauern gilt der Sender, der Anfang der Neunzigerjahre mal als Informationssender gestartet war und später lange vor allem für US-Serien wie Ally McBeal stand, heute mit seinen Eigenproduktionen als freundliche, moralisch einwandfreie Alternative zum sonstigen Privatfernsehen. Zum Beispiel zu RTL mit Figuren wie Dieter Bohlen oder zu RTL 2 mit Trashformaten wie Frauentausch.

Bernd Reichart, 43, ist seit Februar 2013 Geschäftsführer bei Vox. Seine Laufbahn startete er in der Sportvermarktungsbranche und ging nach Spanien, wo er ins Mediengeschäft wechselte.

(Foto: Imago)

An Selbstbewusstsein mangelt es bei Vox nicht. In Sachen Entertainment sieht sich Reichart inzwischen nicht nur mit den privaten Konkurrenten im Wettbewerb, sondern auch mit den öffentlich-rechtlichen. "Viele unserer Formate sind auch bei jedem anderen Sender vorstellbar und könnten dort funktionieren", sagt er.

Während allenthalben die Quoten in den Keller wandern, geht es bei Vox nach oben. "Wir sind der einzige der sechs führenden Privatsender, der in den vergangenen zwei Jahren seinen Marktanteil ausgebaut hat", heißt es. Während sich die Konkurrenz infolge der Schwemme neuer Sender mit sinkenden Quoten und alterndem Publikum herumschlagen muss, kann Vox fürs erste Halbjahr 2017 stolze 7,2 Prozent in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen melden, weitaus mehr als im ersten "Club-Jahr" 2015, als es noch 6,6 Prozent waren.

Reichart kann sich dabei vor allem auf die Frauen verlassen. Die stärkste Anhängerschaft hat er in der bei der Werbewirtschaft heiß begehrten Gruppe der 14- bis 29-jährigen Frauen, bei denen der Marktanteil von 7,4 Prozent im Jahr 2015 auf 8,3 Prozent in der ersten Hälfte von 2017 stieg. Selbst Männer schauen inzwischen häufiger rein. "Wir sind der Sender, auf den sich Pärchen einigen können", sagt Reichart. "Der Feierabendkompromiss für Paare zu sein, ist eine schöne Positionierung."

Wie es beim Club, dessen zehn neue Folgen vom 13. November an nach den Wiederholungen der ersten beiden Staffeln ausgestrahlt werden, weiter und zu Ende geht, will der Vox-Chef nicht verraten. Nur so viel verrät Reichart angesichts von fast 500 000 Facebook-Fans der Serie vorab. "Der Resonanzkörper Social Media wird laut brummen." Es wird Tränen geben, da darf man sicher sein, aber es wird auch versöhnlich enden. "Wir wollen die Zuschauer nach den letzten Folgen mit dem lebensbejahenden Grundtenor des Clubs in die Nacht entlassen."