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Mobiliar in TV-Studios:Bitte zu Tisch

Claus Kleber

Beim Hauptverband der Holzindustrie ist man stolz über eines der "meistgesehenen Möbelstücke Deutschlands".

(Foto: Michael Probst/ASSOCIATED PRESS)

James Bond, Einbaum, Titanentheke. Warum stehen im Fernsehen überall diese Monstermöbel?

Von Gerhard Matzig

Es ist umstritten, welches Möbel als erstes Wohn-Existenzminimum der Zivilisationsgeschichte zu betrachten sei. Das Bett? Schlafen muss der Mensch ja. Der gleiche Grund spricht aber auch für den Esstisch. Viele, die Intervallfastenden mal ausgenommen, tun das triebbedingt sogar mehrmals am Tag. Und in der Pandemie sogar noch mehrmaliger.

Mit Blick auf die postcoronale Bikini- und Badehosensaison, in Deutschland mutmaßlich erst um den Sommer 2025 herum, muss man Schlimmes befürchten. Man weiß gar nicht, ob weniger Abstand, etwa zum Kühlschrank, irgendwann aus ästhetischer Sicht so wünschenswert ist. Dass man viel lieber über das Essen als über das Schlafen spricht, könnte übrigens ein Indiz für den Tisch als Urmöbel sein.

Tatsächlich gibt es die These, wonach sich der Tisch, etymologisch den Schalen, Tellern, Scheiben oder Platten nah, aus einer Art Nahrungsmittel-Untersatz ergeben hat: als Gestell, um den zart gegarten Säbelzahntiger vor Verunreinigung zu schützen. Glutenfreie Gurken-Pattys für den Veggieday waren ja noch gottgewollt fern. Gegessen wurde jedenfalls auf dem Boden. In der Antike finden sich erste Belege für die Urform des Tisches als Tragwerk der Nahrung.

Vom Garen landet man bei Caren Miosga und Claus Kleber

Langsam wuchs er mit der Zeit in die Höhe und bekam Beine. Erst in späteren Jahrhunderten wurde das Gerät auch zum Schreib- und Lesetisch. Sozusagen mit der Erfindung der Bildung einerseits - und, leider, der Schreibtischarbeit andererseits. Womit man vom Garen zu Caren Miosga und zu den Tagesthemen-Moderatoren der ARD kommt. Oder zum heute journal, das zum Beispiel von Claus Kleber im ZDF präsentiert wird.

Beziehungsweise landet man bei deren Arbeitsplätzen, nämlich bei furchterregend ambitioniert gestalteten und gigantomanisch dimensionierten Tischen, um die man die Sender rein von den Maßen her beneidet. Zumal in pandemischen Home-Office-Zeiten zwischen dem umfunktionierten Bügelbrett und dem zwangsgenutzten Familien-Esstisch. Man kann sich, denn der Blick hat sich im Lockdown angesichts täglicher Impf-Nachrichten und halbtäglicher Impf-Talkshow-Showdowns geschärft, aber auch fragen: Verdienen die Leute, die ständig mit solchem Design konfrontiert sind, nicht eigentlich eine Art Schmerzensgeld?

Titel: Münchner Runde

Auch hier deutet Holz unbedingte Zeitgenossenschaft an.

(Foto: Lisa Hinder)

Der Slomka-Gause-Sievers-Kleber-Tisch ziert übrigens auch den Online-Auftritt des Hauptverbandes der Holzindustrie. Dort ist man stolz auf eines der "meistgesehenen Möbelstücke Deutschlands". Der elf Meter lange und organisch geschwungene Tisch, auch "überdimensionale Theke" genannt beim Verband, den man sich sogar als Einbaum-Variante im zukünftigen Humboldt-Forum vorstellen könnte, wurde zwei Jahre lang von einem Kölner Unternehmen erbaut. Es ist ein Tischler-Weltwunder der Neuzeit.

Nussbaum, Dielenware, formverleimt, Verklebung im Vakuuminfusionsverfahren mit Epoxidharz: dies nur für Kenner. (Wobei das Kunstharz die gewollt biodynamisch sich gebende Anmutung in Sachen "Bio" trübt.) Weil Sitzen aber das neue Rauchen ist und manche Kunstharze allergische Reaktionen auslösen können, kann man das ZDF-Team verstehen: Sie befinden sich bisweilen in vorsichtiger Distanz zur Titanen-Theke.

Gebührenzahler sagen: Danke!

Auch möglich, dass sie sich von einem Möbel distanzieren, das für die James-Bond-Hauptquartiere des Bösen taugt. Das gilt auch für die ARD-Tische. Wer die dort verübten Nachrichtensendungen guckt, kann mal probeweise "Alvar", "Aalto" und "Vase" googeln, dann wird schnell klar, dass sich die TV-Tischler vom finnischen Architekten haben inspirieren lassen. "Plagiarius" ist übrigens ein Preis für dreistes Kopistentum. Wäre mal einen scharfen Brennpunkt wert.

70 Jahre ARD

Die WDR-Fernsehansagerinnen Mady Manstein (l.) und Ingrid Ernest 1956.

(Foto: WDR)

Der BR-Tisch erinnert dagegen eher an die Einschlafsehnsüchte der Intendanz, die sich, was Einschaltquoten angeht, korkenzieher- oder auch babelhaft der Unendlichkeit entgegenwinden. Auch hier deutet Holz unbedingte Zeitgenossenschaft an. Der Rest könnte dem Thema "Transparenz" huldigen - oder auch vom Plexiglas-Sperrmüll der Achtzigerjahre stammen.

Man muss die Adenauerzeit nicht verklären, um einen bösen Brief des ersten Bundeskanzlers an seinen Architekten zu thematisieren. Hans Schwippert sollte einen Schreibtisch entwerfen. Er dachte an eine skandinavisch angehauchte Anti-Rhöndorf-Moderne. Adenauer war entsetzt und feuerte ihn. Dann ging er einkaufen - und arbeitete fortan an einem 50er-Mief-Tisch in neohistorischer Schnörkelanmutung. Chaplin hätte sich das Ganze für Adenoid Hynkel als großen Diktator ausdenken können: "Demokrazi Schtonk!"

So gesehen haben wir mit dem seltsamen TV-Nachkriegsmobiliar sogar noch Glück gehabt. Vielleicht, das wäre eine Erklärung für das aktuelle Design, verraten die Rätsel-Tische ihr wahres Potenzial auch erst dann, wenn die Kameras aus sind. Vielleicht essen dann Dutzende Studiomitarbeiter an den Tischen wie im Refektorium. Und noch etwas später schlafen unsere Moderatoren gruppenweise auf ihren multifunktionalen und angenehm weich gerundeten Ess-Arbeits-Schlafplätzen ein. Das alles spart Gebührengelder - und insofern einfach mal: Danke!

© SZ/cag
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