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Romanverfilmung:Der Krieg, dieses "grausam lächerliche Abenteuer"

Der Überläufer

Liebe in Zeiten des Krieges: Der deutsche Soldat Walter Proska (Jannis Niewöhner) verliebt sich in die polnische Partisanin Wanda (Malgorzata Mikolajczak) und schafft so den Sprung in die Freiheit.

(Foto: NDR/Dreamtool Entertainment)
  • Der erst 2016 erschienene Antikriegsroman "Der Überläufer" von Siegfried Lenz wurde grandios verfilmt.
  • Der Film zeigt den jungen Soldaten Walter Proska (Jannis Niewöhner) als Mann, der den Glauben daran, endlich auf der gerechten Seite zu stehen, nicht aufgeben kann.
  • Seinen Sog gewinnt der Film vor allem dank Buch und Regie; obwohl er fast drei Stunden dauert, hat er keine Längen.

Ein Versteck unter den Küchenfliesen haben Schwester und Schwager ihm gebaut, sie beschwören ihn, sie fragen verzweifelt, warum bloß er zurückkehren wolle in den längst verlorenen Krieg. Und ihm, Walter, dem jungen Soldaten, fällt eigentlich auch kein Grund ein, keiner jedenfalls, der einen Sinn ergibt. Sommer 1944, nur noch Narren glauben an den Sieg, die Rote Armee steht tief in Polen, die Westalliierten sind in der Normandie gelandet. Und Walter, seit 1939 unfreiwillig dabei, zerrissen von Zweifeln, lange schon aller Illusionen beraubt, weiß dennoch nichts zu erwidern als die üblichen Floskeln: der Eid, die Pflicht, die Kameraden.

Schon die Abschiedsszene ganz am Anfang ist berührend und lässt ahnen, dass der ARD mit Der Überläufer ein ganz besonderer Film gelungen ist. Bei dem Zweiteiler handelt es sich um die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Siegfried Lenz, der 2016 bei Hoffmann und Campe erschien, mit einer Verspätung von mehr als sechs Jahrzehnten. In den Fünfzigern hatte der Verlag den Roman nicht drucken wollen, aus Feigheit und in selbst für jene Zeit bemerkenswert törichter Verkennung des Schatzes, den man da in den Händen hielt.

Der Roman handelt von einem jungen deutschen Soldaten, Walter Proska (intensiv und glaubwürdig gespielt von Jannis Niewöhner), der nach so vielen Jahren Krieg genug hat, der dem Regime nicht weiter dienen will und sich am Ende einer quälend langen Phase der Selbstreflexion entscheidet, doch nicht länger mitzumachen. Wer so handelte, der entlarvte 1955 gegen die Lebenslüge so vieler, man habe doch nur seine Pflicht getan, und erntete Hass und Ablehnung - Deserteure, gar Überläufer zum Feind galten in der Bundesrepublik noch über Jahrzehnte als "Verräter". Als sei es eine ethische Pflicht, sich zum Krieg für ein Mordregime zwingen zu lassen. Daher blieb einer der eindringlichsten Romane des Schriftstellers Lenz unveröffentlicht, bis nach seinem Tod 2014 die Typoskripte im Marbacher Literaturarchiv gefunden wurden.

Man darf Buch und Regie (Bernd Lange und Florian Gallenberger) danken, dass das spät entdeckte Werk des Meisters hier kongenial verfilmt wird, sie nehmen sich inhaltliche Freiheiten, aber fast immer, so darf man annehmen, im Geiste von Siegfried Lenz. Obwohl beinahe drei Stunden lang, bleibt der Film ohne Längen und wie die literarische Vorlage aufs Dichteste an seinen Hauptpersonen. Und er vermeidet, in jene Art hölzernes und symbolisch überfrachtetes Kammerspiel abzugleiten, zu dem deutsche TV-Produktionen über heikle historische Stoffe oftmals geraten.

Der Film erzeugt einen klaustrophoben Sog von Angst und Unsicherheit

Als Walter Proska nach einem Partisanenangriff fortläuft, befindet er sich in den Sümpfen Polens, in einer sarkastisch "Waldesruh" genannten kleinen Festung einer Handvoll Wehrmachtssoldaten, die hier mitten im Partisanengebiet der polnischen Heimatarmee ausharren, gequält von Überfällen, Hitze, Lagerkoller und einem sadistischen Vorgesetzten (faszinierend als lauernder, zynischer Charakter: Rainer Bock). Walter aber geht eine Liebesbeziehung mit der Partisanin Wanda (mit großartigem Auftritt: Malgorzata Mikolajczak) ein, durch sie schafft er den Sprung in die Freiheit. Der zweite Teil des Romans, und des Films, sieht Walter dann in der Uniform der Roten Armee. Nun ist er frei, einerseits. Andererseits erlebt er mit, wie Stalins Regime alle Freiheitshoffnungen bald zu Blütenträumen verkommen lässt.

Ein großartiger Film ist das geworden, atmosphärisch dicht erzeugt er im ersten Teil einen klaustrophoben Sog von Angst und Unsicherheit, um im zweiten souverän das Tempo anzuziehen und den Weg der Roten Armee nach Berlin zu verfolgen, durch eine Trümmerlandschaft, die keine Hoffnung kennt. Und die Hoffnung auf den Neubeginn verliert Walter bald, er hat mühsam gelernt, nein zu sagen, er will kein Werkzeug der Stalinisierung sein. Und er muss sich erneut entscheiden. Wolfgang (überzeugend: Sebastian Urzendowsky) dagegen, sein bester Freund und Bruder im Herzen während der Leidenszeit in den Sümpfen, steigt schnell auf in der Sowjetischen Besatzungszone, um einen wachsenden moralischen Preis. Die kluge Regie Gallenbergers zeichnet ihn nicht als kommunistischen Apparatschik, sondern als Mann, der den Glauben daran, endlich auf der gerechten Seite zu stehen, einfach nicht aufgeben kann. Und Wolfgang ist es, der den zaudernden Walter anschreit: "Wir sind keine Verräter!"

Vielleicht hätten sich die Filmemacher den Kitsch am Ende sparen sollen

Natürlich, das ist eine Literaturverfilmung und weniger ein realitätsnahes Bild des albtraumhaften Geschehens an der Ostfront 1944/45. In diesem hat eine Liebe in Zeiten des Krieges zwischen dem Besatzungssoldaten und der Partisanin ("Walter und Wanja. Wenn Dein Kamerad mich nicht erschießt, werden wir uns noch einmal begegnen") wohl kaum je einen Platz gehabt. Und vielleicht hätten sich die Filmemacher das kitschige Sahnehäubchen am Ende sparen sollen: Die Sequenzen, die zehn Jahre später im Wirtschaftswunderland spielen, gibt es in Lenz' Buch nicht; sie passen auch zur Verfilmung etwa so gut, als habe Mario Barth das Nachwort zur Neuedition des Romans verfasst.

Nah an der Wirklichkeit ist dagegen in den Fünfzigern der so krampfhaft verschwiegene Seitenwechsel nicht weniger Soldaten, selbst an der Ostfront. So kämpfte der spätere DEFA-Regisseur Konrad Wolf 1945 auf Seiten der Roten Armee in der Schlacht um Berlin. 1968 drehte Wolf über seine Erlebnisse den Spielfilm "Ich war neunzehn", in dem er die Grenzen dessen ausreizte, was ein DDR-Film an Realität schildern durfte - etwa die Vergewaltigungen von Frauen durch sowjetische Soldaten.

Auch Der Überläufer wird einen würdigen Platz unter den Antikriegsfilmen behalten. Er schildert den Krieg als das, was Siegfried Lenz einmal über ihn sagte: "Das grausam-lächerliche Abenteuer, in das sich Männer einlassen, wenn sie der Hafer des Wahnsinns sticht." Mit diesem Satz beginnt dieser anspruchsvolle und sehenswerte Zweiteiler.

Der Überläufer, das Erste, Mittwoch und Karfreitag jeweils um 20.15 Uhr und in der Mediathek.

© SZ vom 08.04.2020/tmh
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